Forscher zur Lohnlücke: Die Unternehmen sind nicht schuld

Forscher zur Lohnlücke: Die Unternehmen sind nicht schuld

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Dass Frauen im Durchschnitt rund ein Fünftel weniger verdienten als Männer, ergebe sich vor allem aus individuellen Entscheidungen, heißt es in der Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft.

Um mehr Lohngleichheit für Männer und Frauen zu schaffen, pocht Manuela Schwesig auf ihre Gesetzespläne. Zum Widerstand der Union kommt nun auch noch Einspruch von Wirtschaftsforschern.

Der Unterschied beim Durchschnittseinkommen von Frauen und Männern in Deutschland lässt sich aus Sicht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) nicht per Gesetz beheben. „Die Annahme, bei der Lohnlücke handele es sich um Diskriminierung durch die Unternehmen, ist unsachgemäß“, sagte der Direktor des arbeitgebernahen Instituts, Michael Hüther, in Berlin. Hüther stellte sich damit gegen Frauenministerin Manuela Schwesig (SPD), die auf baldige Umsetzung ihres Gesetzesplans zur Lohngleichheit pocht.

Die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern

  • Wie werden die 21 Prozent errechnet?

    Die Berechnung stützt sich allein auf den durchschnittlichen Stundenlohn. Aus den 21 Prozent lässt sich also nicht ableiten, dass alle Frauen in Deutschland 21 Prozent weniger als Männer verdienen. Die Qualifikation der Beschäftigten und ob sie Voll- oder Teilzeit arbeiten, wird nicht berücksichtigt. Daran stören sich Kritiker. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall wendet zum Beispiel ein, die Berechnung sei „kein Indikator für mögliche Diskriminierung, denn er vergleicht eben gerade nicht vergleichbare Tätigkeiten miteinander“.

  • Warum gibt es die Ungleichheit?

    Die Statistiker führen rund zwei Drittel der Differenz darauf zurück, dass Frauen in eher schlechter bezahlten Berufen tätig sind - zum Beispiel als Reinigungskraft (Frauenanteil 85 Prozent) oder Verkäuferin (73 Prozent). Deutlich mehr Frauen als Männer arbeiten in Teilzeit, deutlich weniger in höheren Führungsebenen.

    Das letzte Drittel der Lohnlücke zwischen den Geschlechtern lässt sich daraus aber nicht erklären: Dem Statistischen Bundesamt zufolge verdienen Frauen auch bei ähnlicher Tätigkeit und Qualifikation im Schnitt sieben Prozent weniger pro Stunde als ihre männlichen Kollegen. Das wird unter anderem damit erklärt, dass Frauen häufiger eine Auszeit vom Beruf nehmen - um sich um Kinder zu kümmern oder Angehörige zu pflegen. Und sie treten bei Gehaltsverhandlungen anders auf.

  • Wie schneidet Deutschland im europäischen Vergleich ab?

    Denkbar schlecht. EU-weit betrug der Rückstand 2013 lediglich 16 Prozent. In Slowenien zum Beispiel verdienten Frauen im Schnitt 3,2 Prozent weniger als Männer, in Italien 7,3 Prozent. Nur in Estland (30 Prozent), Österreich (23 Prozent) und Tschechien (22 Prozent) war die Lücke noch größer als hierzulande.

  • Wird die Lücke durch den Mindestlohn korrigiert?

    Davon gehen Experten zumindest aus. „Wenn der Mindestlohn eingehalten wird, werden Frauen davon profitieren, weil eben der größere Teil derjenigen, die unter 8,50 Euro verdient haben, Frauen waren“, sagt Christina Klenner vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Auch Hermann Gartner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erwartet einen solchen Effekt. Erhebungen gibt es aber noch nicht.

  • Wie soll die Ungleichheit sonst noch überwunden werden?

    Union und SPD haben sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf festgelegt, die Entwicklung zumindest abzumildern. Ein Ziel ist demnach, dass Unternehmen ab 500 Beschäftigte künftig transparenter machen sollen, was Frauen und Männer verdienen. Einen Gesetzesentwurf gibt es allerdings noch nicht.

Die Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt rund ein Fünftel weniger verdienten als Männer, ergebe sich vor allem aus individuellen Entscheidungen, heißt es in der IW-Analyse. Ausschlaggebend für die Lohnhöhe seien unter anderem Faktoren wie Branche und Betriebsgröße. Zudem nähmen Frauen seltener Führungsaufgaben wahr und arbeiteten häufiger in Teilzeit als Männer.

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So seien gut drei Viertel aller Stellen in den eher niedrig entlohnten Bereichen Erziehung und Unterricht sowie im Gesundheits- und Sozialwesen von Frauen besetzt, heißt es in der Studie. In der Industrie, in der die Löhne eher höher sind, seien es weniger als drei von zehn. Ohne diese Parameter habe es im Jahr 2013 lediglich eine Lohnlücke von rund 6,6 Prozent gegeben - das sei einer der niedrigsten Werte in der EU. Der Politik fehle deshalb die entscheidende Begründung für das Lohngerechtigkeitsgesetz, meinte Hüther.

Equal Pay Day Die 22 Prozent sind ein Mythos

Am „Equal pay day“ geht es darum, dass Frauen in Deutschland 22 Prozent weniger verdienen als Männer. Tatsächlich ist die Differenz geringer. Und: Nicht allein die Unternehmen sind schuld am Ungleichgewicht.

Equal pay day: 22 Prozent Gehaltsunterschied sind "grob irreführend". Quelle: Getty Images

Die Gewerkschaften widersprachen dem IW. Gesetzliche Anstrengungen seien ebenso wie Bemühungen der Tarifparteien nötig, um die Ungleichheit von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt zu überwinden, sagte der IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. „Der Markt wird das nicht richten.“ DGB-Vizechefin Elke Hannack sagte: „Um da Transparenz reinzukriegen und Benachteiligungen aufzudecken, brauchen wir das Lohngerechtigkeitsgesetz.“

Bereits in der Koalition hat der Entwurf von Schwesig für Streit gesorgt. Geplant ist unter anderem, dass Beschäftigte Auskunft über das Gehalt von Kollegen bekommen sollen. Die Union will, dass das nur in Betrieben ab 500 Beschäftigten zum Tragen kommt.

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Die Chefin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Michaela Rosenberger, kritisierte: „Im Klartext heißt das: In der Ernährungsindustrie und im Gastgewerbe wäre dieses Gesetz praktisch wirkungslos.“ Denn dort gebe es viele kleine und mittelständische Strukturen und nur eine Handvoll Unternehmen, die mehr als 500 Arbeitnehmer beschäftigen.

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