Geschäftsreisen: Wenn die Reisezeit zur Freizeit wird

reportageGeschäftsreisen: Wenn die Reisezeit zur Freizeit wird

von Dieter Schnaas

Hotel, Flugzeug, Taxi – der moderne Mensch ist viel unterwegs. Wie findet man bei allem Stress noch Zeit für sich selbst und die Familie? Wir haben zwei Menschen begleitet, die permanent auf der Durchreise sind.

Zu den größten Merkwürdigkeiten der Neuzeit gehört, dass sie nur noch dann still zu stehen scheint, wenn wir blitzschnell in ihr unterwegs sind. Zum Beispiel auf einem Langstreckenflug. Nirgends sonst gelingt uns die innere Sammlung besser als in der Relax-Position eines multifunktionalen Business-Class-Sitzes. Wir verschenken unsere Aufmerksamkeit ans Bordpersonal und sinken tief ein ins Komfortgefühl delegierter Verantwortung.

Wir genießen die nachlassende Anspannung und machen es uns gemütlich im Polsterkissen der Zeit- und Ortlosigkeit. Wir nehmen ein Buch zur Hand und lesen 100 Seiten am Stück, endlich mal wieder, zugleich gelöst und konzentriert. Wir durchblättern ein Hochglanzmagazin und sehen auf dem Bildschirm den verstreichenden Stunden und zurückgelegten Kilometern zu. Wir nicken dabei ein, blättern ein bisschen, blicken auf den Bildschirm, nicken wieder ein...

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Man geht wohl nicht zu weit, wenn man Flugzeugkabinen als moderne Andachtsräume bezeichnet. Was die Sonntagsmesse im Kreis der Heimatgemeinde für unsere schollenverbundenen Großeltern war, ist uns geschäftig-mobilen Enkeln die stille Einkehr zwischen Frankfurt und Shanghai, der ortlose Ort, an dem wir Zugang zu uns selbst finden. Zeit fürs Lesen und Nachdenken. Für Meditation und Besinnlichkeit. Für Selbstverlorenheit und Gedankenschlenderei.

Alban Gerhardt mit seinem Cello unterwegs in Italien. Quelle: Bepi Ghiotti für WirtschaftsWoche

Mailand oder Madrid? „Hauptsache Italien“, scherzt Musiker Alban Gerhardt.

Bild: Bepi Ghiotti für WirtschaftsWoche

Zwischenarbeit für die Zwischenzeit

Für die Steuer und die Lektüre der "Zeit", sagt Alban Gerhardt, für den "Doktor Faustus" und „Die Brüder Karamasow“. Seltsam erfrischend finde er sie, die "tote Zeit" des Reisens, besonders auf den langen Flügen, nach Fernost, wie diese Woche, oder nach Australien, wie zuletzt Ende Juli. Sobald er das Flugzeug betreten hat, kapselt er sich gerne ein, regelt mit Ohrstöpseln seinen Gehörsinn runter und genießt das geborgene Alleinsein.

Schon möglich, dass das typisch deutsch sei, sagt Alban Gerhardt, vielleicht auch ein ungeschriebenes Gesetz der Business Class - gleichviel, es sei nun mal nicht seine Sache, unterwegs Bekanntschaften zu schließen. Auf neun von zehn Flügen ist Alban Gerhardt ganz bei sich. Er nickt seinem Nachbarn zur Begrüßung und zum Abschied zu, das ist alles. Lässt er sich doch einmal auf eine Plauderei ein, verläuft sie meist im Bereich des Banalen - und "Die Brüder Karamasow" strafen ihn mit tadelnden Blicken.

Gerhardt schätzt die Flugkabine als Zone, in der Individuen das Recht haben, wie fürstliche Neutren behandelt zu werden: unverbundene Fremde, Nachbarn auf Zeit, aus Respekt unerreichbar. Einmal ist er mit Ralph Fiennes gereist, dem berühmten britischen Filmschauspieler, ein andres Mal saß Günter Netzer neben ihm, dann Christoph Waltz. Angesprochen hat er niemanden. Statt dessen, wie so oft auf Reisen: seine Steuer erledigt. "Ich wüsste keine andere Zeit und keinen anderen Ort, an dem das Nervtötende weniger nervtötend ist."

Peter Schüller sitzend auf einem Bett im Hotelzimmer. Quelle: Sephi Bergerson für WirtschaftsWoche

Ein Hilton? Ein Hopper-Bild? Eine Benutzeroberfläche, die kein Bewusstsein verbraucht: Peter Schüller sitzt nachdenklich auf einem Hotelzimmer-Bett.

Bild: Sephi Bergerson für WirtschaftsWoche

Peter Schüller schaltet das Nervtötende mit seinem Kopfhörer ab. Für Vielflieger wie ihn ist die Technologie der aktiven Lärmkompensation eine Basisinnovation, sagt er halb im Scherz und halb im Ernst: das perfekte Instrument zur Distanzgewinnung und Selbstisolation. Wie die "Noice-Cancellation-Headphones" die Geräuschkulisse der Umwelt aus den Ohren saugten und zu welch' großen Unterwegsauftritten sie Lee Konitz, Annie Lennox oder Thomas Quasthoff verhelfen würden - das sei schon phänomenal.

Oft behält Peter Schüller die Kopfhörer während des gesamten Fluges auf, um sein Ich gegen die Welt abzudichten. Er räumt dann meist auf seinem Rechner auf, Zwischenarbeit für die Zwischenzeit, bereitet die nächste Teambesprechung vor, stöbert in Fachbüchern - und erfreut sich an der "einzigen Zeit allein mit mir".

Pause vom Terminkalender

Peter Schüller liebt die Verlorenheit seines Aufenthalts im mobilen Transitraum vor allem als gedankliches Intervall zwischen Privat- und Berufsleben, weg von der Familie hin zu den Kollegen, und umgekehrt, versteht sich, das vor allem. Er kostet die Pause vom Diktat des Terminkalenders aus, das Wegdriften und Nachdenken - und die unfreiwillige Kreativität, "die sich immer dann einstellt, wenn man aus dem Takt gerät".

Es sei merkwürdig, sagt Peter Schüller, aber oft komme er einen entscheidenden Schritt weiter, sobald er für acht Langstreckenstunden aus der Gewohnheit der beruflichen Effizienz falle. Plötzlich taucht er dann auf, der neue Aspekt, der frische Gedanke - weil der Arbeitsrhythmus ins Stocken gerät, die Frequenz der Termine, Mails und Anrufe unterbrochen ist. Am Anfang seiner Berufskarriere hielt er für ethisch nicht vertretbar, in der Business Class keine Akten zu lesen. Heute weiß er die zufällige Produktivität der Zerstreuung zu schätzen. Den Geistesblitz, der ihn nur unversehens erreicht.

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