Global Female Leaders Summit: Haben CEOs ohne Twitter-Account eine Zukunft?

Global Female Leaders Summit: Haben CEOs ohne Twitter-Account eine Zukunft?

, aktualisiert 23. April 2016, 17:16 Uhr
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Vier von fünf Millenials – jene Altersgenossen, die auch Generation Y bis Z heißen - vertrauen einem Unternehmen mehr, wenn der Chef twittert.

von Corinna NohnQuelle:Handelsblatt Online

Was ist das Ergebnis, wenn Top-Entscheiderinnen aus aller Welt über Top-Themen wie digitale Führungskultur und Fintechs debattieren? Beim Global Female Leaders Summit in Berlin war das gerade zu erleben.

BerlinJa wo sind sie denn, die potentiellen Top-Managerinnen? Eine Frage, die oft aufpoppt, wenn es um personelle Vielfalt und Frauenförderung geht. Wer so fragt, macht es sich ziemlich einfach, aber in dieser Woche hätte auch mal eine einfache Antwort gereicht: In Berlin trifft sich gerade die Crème de la Crème weiblicher Spitzenfrauen, schaut doch mal im Ritz Carlton vorbei.

Zum dritten Mal hatten sich etwa 300 Top-Managerinnen, Unternehmerinnen und Entscheiderinnen aus der ganzen Welt zum "Global Female Leaders Summit" getroffen, um zwei Tage lang über aktuelle Herausforderungen in Wirtschaft und Politik zu diskutieren. Darunter waren auch deutsche Vorständinnen wie Simone Menne von der Lufthansa, Marika Lulay vom Finanzdienstleister GFT oder Jurate Keblyte, Finanzvorständin des Augsburger Roboterherstellers Kuka.

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Eins vorweg - um die Frauenquote ging es hier nicht. Nicht, weil nicht alle im Saal der Meinung waren, dass Konzernen mit homogener männlich-weißer Führungsriege mehr Vielfalt wirtschaftlich gut tun würde. Sondern, weil es einfach Spannenderes und Bewegenderes zu besprechen gab. Vor allem Fragen nach den digitalen Technologien bestimmten die Debatten und Think Tanks: Wohin treiben Fintechs die Bankenbranche? Wie bin ich ein attraktiver Arbeitgeber für die Talente unter den Digital Natives? Haben CEOs ohne Twitter-Account eine Zukunft?

Die letzte Frage beantwortete Frederique Covington Corbett indirekt mit: "No." Klar, Corbett ist Marketing Direktor bei Twitter, sie muss so etwas sagen. Aber sie hatte eine bewegende Slide-Show und Zahlen im Gepäck, die im Publikum manche und manchen - ja, Männer waren explizit nicht ausgeschlossen, und eine Handvoll war gekommen! - prompt nach dem Smartphone greifen ließ. Demnach vertrauen vier von fünf Millenials – jene Altersgenossen, die auch Generation Y bis Z heißen - einem Unternehmen mehr, wenn der Chef twittert.

Und: Konsumenten neigen dann auch eher dazu, Produkte dieser Marke zu kaufen. Für die Twitter-Managerin ein klarer Fall: "Vielleicht gefällt es Ihnen nicht, der Welt mitzuteilen, wie Sie Ihren Abend verbringen, welches Buch Sie lesen. Aber denken Sie bloß nicht, dass es trivial ist. Es ist wichtig!"

An der steigenden Umlaufzahl des Hashtags #gfls2016 ließ sich ablesen, dass dieser Aufruf wirkte. Unter denen, die prompt das Zwitschern aufnahmen, war Kuka-Vorständin Jurate Keblyte, die den vom Frankfurter Management Circle gegründeten Summit auch auf der Bühne mitgestaltete. Sie wagte einen Blick in die Zukunft der Roboter und Automatisierung. Ihre Vision: „Der nächste Schritt ist, dass Roboter von einander lernen. Stellen Sie sich vor: Man verbindet die Maschinen, sie tauschen sich aus, keine Information geht verloren – anders, als wenn wir Menschen miteinander kommunizieren.“


Jurate Keblyte: „Haben Sie einen Staubsauger?“

Die gebürtige Litauerin, die einst nach dem Studium wegen ihres Mannes nach Deutschland zog, weiß um die Ängste, die ihre Industrieroboter bei vielen hervorrufen – große, schwere Maschinen, die um sich greifen, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Dazu kommen gerade in Deutschland die Sorgen um die Sicherheit der Daten.

Aber das ficht die Managerin mit den kurzen blonden Haaren nicht an. „Haben Sie einen Staubsauger?“, fragte sie vom Podium das Publikum. „Sehen Sie. Das ist auch Robotik.“ Der Blick zurück zeige: „Jede industrielle Revolution hat Ängste verursacht, aber jede hat unser Leben verbessert.“ Auch den Einwand, dass dann Arbeitsplätze verloren gingen, lässt sie nicht gelten. „Warum fragen alle nach den Jobs, die verloren gehen, aber nicht danach, wie viele neu entstehen?“, fragte Keblyte. Für sie ist klar: „Roboter helfen uns, machen uns das Leben leichter.“

Nun war Keblyte unter dem Stichwort „Brave New World“ aufs Podium getreten und ist in einer Industrie tätig, die vielleicht selbst das Attribut disruptiv verdient. Ganz anders als Simone Menne, die sich in ihrer Keynote mit dem Change Management in der Luftfahrt auseinandersetzte. Und doch machte sie anschaulich, was die wie ein Mantra beschworene „Disruption“ durch neue Technologien für einen Konzern wie Lufthansa konkret bedeutet.

Wer zum Beispiel kennt jene Fluggastcoupons, die noch in den 1990er-Jahren im Einsatz waren? „Wenn einer verloren ging, war es eine Katastrophe“, erinnerte sich Menne auf der Bühne, „dann hieß es: Scheren raus, ausschneiden, aufkleben.“ Eine Anekdote aus einer Zeit, als es weder Ryanair noch Handy-Tickets noch Basic-Tarife für Reisende mit Handgepäck bei Lufthansa-Töchtern gab.

Und heute? „Haben wir Wettbewerber, die nicht mal selbst fliegen“, stellte Menne fest. Etwa den Flugversicherer Freebird, der Umbuchungen innerhalb von 30 Sekunden verspricht, oder OneGo, ein Flatrate-Portal fürs Fliegen. Die eigentliche Fluggesellschaft wird auf den Transport und den Sitzplatz reduziert, und andere verdienen mit den Dienstleistungen drumherum längst viel Geld. „Vielleicht tüftelt Google oder jemand anders sogar eine App, die selbst diesen Sitzplatz verkaufen will“, mutmaßte Menne. „Dadurch würde unsere USP wertlos.“

Man hätte Mennes Ausführungen als Ende der Luftfahrtbranche deuten können, wenn die Managerin die Szenarien nicht mit so viel Enthusiasmus ausgelegt hätte, dass jeder im Saal merkte: Diese Frau lässt sich eben nicht auf ein veraltetes Business-Modell reduzieren, sie will den Wandel mitgestalten und die Chancen ergreifen, anstatt sie zu verdammen.

Mennes Appell an die Leaderinnen im Saal: „Machen Sie ihre Leute stolz auf den Wandel, seien Sie selbstkritisch, seien Sie neugierig auf die Wünsche Ihrer Kunden und verdammen Sie keine neue Idee, sei sie noch so abwegig.“ Auch sie werde nicht einfach lachen, sondern zuhören, falls morgen ein junger Mitarbeiter in ihrem Büro stände und ihr ein Start-up empfehle, dass angeblich das Beamen erfunden habe. „Sie verpassen etwas, wenn Sie denken, dass nur riesige Schrankkoffer mit großen Motoren fliegen können!“ Die Message war klar: Konzentriert Euch nicht auf die Ängste, sondern auf die Chancen!

Und wie sieht das in einer Branche aus, die wohl am Längsten darauf beharrt hat, die Digitalisierung außen vor zu halten? Sprich: Die Banken- und Finanzindustrie?


Arroganz ist der Bankbranche abhanden gekommen

Noch vor drei, vier Jahren hätten die etablierten Geldhäuser die neuen Fintechs belächelt, erinnert sich Marika Lulay, die als Vorständin beim Finanzdienstleister GFT, dessen Aktien im Technologieindex TecDax geführt werden, das operative Geschäft verantwortet. „Die müssen erst mal Regulierung lernen“, habe es damals geheißen. Außerdem war man es in den Banken gewohnt, dass jeder seine eigene Software hatte, jeder für sich wurstelte, alles unter Kontrolle behielt. Orientierung an den Wünschen der Kunden? Kollaborative Kreativität? Fehlanzeige.

Aber die Arroganz ist der Branche längst abhanden gekommen. „Die Finanzindustrie hat endlich begriffen, dass sie nicht mehr im Elfenbeinturm sitzt. Es gibt keine Bank, die sich nicht mit dem Thema beschäftigt“, erzählte Lulay dem Handelsblatt am Rande des Gipfels. Und sie freut es, denn ihr Unternehmen hat dadurch gut zu tun: Kerngeschäft von GFT ist es, Banken beim digitalen Wandel zu beraten und zu unterstützen. In Italien zum Beispiel hat GFT den Service „Jiffy“ mit aufgebaut, der es Nutzern erlaubt, Geld via Mobiltelefone zu transferieren – die Kontonummer des Empfängers ist dafür nicht nötig.

Lulay kennt viele solche Beispiele, erzählt gern von jenem „Innovation Lab“, das GFT mit Partnern für die spanische Banco Sabadell aufgebaut hat. „Spanien ist führend beim digitalen Banking, die spanischen Banken sind den deutschen in diesem Bereich um Längen voraus.“ Dort mussten die Banken in Folge der Finanzkrise viele Filialen schließen und neue Wege zum Kunden finden, der Margendruck sei enorm.

Wie also funktionieren sie, die Experimente mit den Wünschen der Kunden und den passenden digitalen Dienstleistungen? GFT ließ dafür eine Art Wohnzimmer mit Sofa, Regalen und Computer nachbauen, eine angenehme und anregende Umgebung, in der dann Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammen kreativ werden und sich überlegen: Wenn wir uns neue Bankenservices wünschen könnten, wie müssten die aussehen?

Gemeinsam tüfteln sie dort an neuen Anwendungen, testen ihre Alltagstauglichkeit, verwerfen, was nicht funktioniert. Vom Kundenwunsch am Ende der Service-Kette wird dann zurückgedacht zum Beginn, wo das Bankgeschäft stattfindet.

Vom Kunden her denken – das ist der Schlüssel zum Erfolg, meint auch Jessica Federer. Die Amerikanerin ist zuständig für die Digitalisierung des Pharmakonzerns Bayer und sagte: „Wir bei Bayer verändern unseren Blickpunkt: vom Produkt zum Ergebnis für den Kunden. Wir wollen nicht einfach Dünger verkaufen, sondern dem Kunden zeigen, wie er Daten nutzen kann, um das beste Ergebnis mit diesem Dünger zu erzielen.“


„Why Women Love and Leave Google“

Federer, die selbst agile Social-Media-Nutzerin ist, kam auch noch mal zurück auf die Frage nach den Firmenlenkern ohne Twitter-Account. Sie gab zu bedenken: „Das Geheimnis von sozialen Medien ist Authentizität. Wenn Sie einen CEO in Social Media drücken, aber es nicht echt wirkt, ist es zum Scheitern verurteilt.“ Andererseits formulierte sie ihre Vision ganz klar: „In zwei Jahren wird keiner mehr über ,digital leadership' sprechen. Das Digitale wird selbstverständlicher Teil von Führung sein.“

Bei den Debatten um digitale Führungskultur ging es dann übrigens doch auch mal um die Frage nach den Frauen in den Top-Positionen. Denn: „Allein der Umstand, dass hier diese Veranstaltung unter dem Zusatz ,Female Leaders' stattfindet, zeigt ja, dass wir mit dem Thema noch lange nicht durch sind“, stellte im Gespräch mit dem Handelsblatt Esther Roman fest, die bei der PageGroup Direktorin für den Bereich Personal in der Region Kontinentaleuropa ist.

Ja, ist es nicht so, dass der Kampf der Unternehmen um die digitalen Talente die Frauenfrage noch mal weiter verschärft? Die Schere geht hier weit auf – auf dem Podium hatten auch Personalexperten von Google von ihren Bemühungen um diverse Talente berichtet. Alle Kandidaten im Bewerbungsprozess haben dort zum Beispiel Gespräche mit männlichen und weiblichen Interviewern, kein Job wird vergeben, ohne dass zumindest mindestens ein weiblicher und ein männlicher Kandidat gesichtet worden sind. Gerade bewegen den Konzern Fragen wie: Können hier auch homosexuelle Mitarbeiter das Bild ihrer Familie auf den Tisch stellen, ohne seltsame Blicke oder gar Diskriminierung zu fürchten?

Es war denn auch fast ein Statement, dass der Konzern dann in Frank Kohl-Boas einen Mann aufs Podium geschickt hatte, um darüber zu sprechen, „Why Women Love and Leave Google“. Es wirkte wie: Wir haben das Problem erkannt, bemühen uns um weibliche Top-Talente. Aber jetzt die Männer zu verstecken, die es drauf haben, wäre ja auch wieder diskriminierend.

Nun denn. Aber was ist dann mit Unternehmen, die noch nicht mal in der untersten Hierarchieebene einen Hauch von gesunder Vielfalt haben? Personalexpertin Esther Roman sagt: „Gesucht werden jetzt vor allem Mitarbeiter, die sowohl die technischen Qualifikationen mitbringen als auch jene Softskills, die dem Unternehmen in einer digitalisierten Zukunft helfen. Wer also nicht nur diese Lücke schließen muss, sondern grundsätzlich erst am Anfang steht, die Mitarbeiterpalette vielfältiger oder weiblicher zu machen, steht jetzt vor noch größeren Herausforderungen.“

Stichwort gesunde Mischung: Die Handvoll Männer im Ballroom des Ritz Carlton bereicherte die Debatten durchaus. Und dann war da noch jene selbstkritische Erkenntnis, die in einer Kaffeepause einer äußerte, der oft auf Veranstaltungen in männlich dominierten Branchen unterwegs ist: „Jetzt weiß ich mal, wie das ist, so krass in der Minderheit zu sein. Spannend. Aber gewöhnungsbedürftig!“

Quelle:  Handelsblatt Online
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