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InterviewHirnforschung: Ohne Belohnung läuft gar nichts

16. Februar 2013
von Ferdinand Knauß

Eigentlich müssten wir alle unser Leben ändern. Zum Beispiel, um das Klima zu schützen. Hirnforscher Gerhard Roth und Erziehungswissenschaftler Gerhard de Haan erklären, warum wir das Notwendige trotzdem nicht tun.

Die Klimaforscher predigen uns nun schon seit Jahren, dass es einer radikalen Umkehr bedarf. Energie zu sparen, wird ja auch von fast allen als sehr erstrebenswert angesehen. Und trotzdem sinkt der Verbrauch nicht so, wie er es wohl müsste, um die Risiken des Klimawandels aufzufangen. Was ist das eigentlich für ein seltsames menschliches Phänomen, wenn alle etwas wollen, aber kaum jemand etwas konkret dafür tut? Warum tun wir so oft nicht das, was wir eigentlich als notwendig erkannt haben?

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Roth: Die Beziehung zwischen Einsicht und Handeln ist sehr kompliziert, weil sich der Einsicht immer die Erwartung einer Belohnung ankoppelt. Wir fragen uns bewusst oder unbewusst: Was habe ich davon, dass ich der Einsicht folge? Das sind Dinge, die wir oft nicht genau beschreiben können. Und dann wundern wir uns und finden Ausreden, warum wir es doch nicht getan haben. Viele Gründe, die zur Handlungssteuerung beitragen, erleben wir nicht rational.

Die Vernunft ist also generell kein Grund für unsere Handlungen?

Gerhard Roth ist Philosoph und Professor für Hirnforschung an der Universität Bremen Quelle: dpa
Gerhard Roth ist Philosoph und Professor für Hirnforschung an der Universität BremenQuelle: dpa

Roth: Die Vernunft alleine sowieso nicht. Die Vernunft führt erst dann zur Einsicht, wenn sie emotional angekoppelt ist. Aber auch die Einsicht alleine führt noch nicht zur Handlung. Sein Verhalten ändert man nur, wenn daraus Belohnungen folgen. Je materieller diese Belohnung ist, desto schneller wirkt sie, aber desto schneller verliert sie auch wieder ihre Wirkung. Und wenn sie ausbleibt, ist die Enttäuschung groß. Unter Verlusten leidet man doppelt so sehr, wie man Gewinne genießt. Am Anfang ist eine materielle Belohnung als Anreiz wichtig, aber darauf aufbauen müssen soziale Belohnungen, wie Lob oder Titel.

Deren positive Wirkung lässt langsamer nach. Nur die intrinsische Belohnung, die man sich selbst gibt, die macht nie satt ­ im Gegenteil. Warum half Mutter Theresa? Weil Altruisten sich selbst belohnen ­ durch Ausschüttung von körpereigenen Opioiden im Belohnungszentrum des Gehirns.

De Haan: Diese Orientierung an der Belohnung darf man sich allerdings nicht so vorstellen, als hätten wir da ein rationales Kalkül. Ökonomen denken das oft fälschlicherweise. Aber wir kalkulieren das nicht durch. Ich fühle mich auch belohnt, wenn ich eine Freude daran habe, etwas Neues zu tun. Wir haben da eher so eine Art innerer Heuristik.

Wann Überzeugungen zu Handlungen führen

  • Gewinn

    Ohne einen erkennbaren, individuellen, hohen und relativ sicheren Gewinn, ändert kein Mensch sein gewohntes Verhalten. Dieser Gewinn muss und sollte nicht nur materiell sein. Materielle Belohnungen wirken schnell und sättigen schnell. Sozialer Gewinn (zum Beispiel Anerkennung) wirkt nachhaltiger. Die einzige nicht sättigende Belohnung ist die intrinsische, die man sich selbst gibt.

  • Umsetzung

    Ins Blaue hinein ändern wir unser Leben nicht gern. Die Umsetzung der Neuerung muss daher klar vorgezeichnet und praktikabel sein.

  • Vorbilder

    Pioniere können und wollen nur die wenigsten Menschen sein. Die meisten anderen brauchen Vorbilder, denen sie nacheifern können. Und die müssen vor allem glaubwürdig sein.

  • Hindernisse

    Die erwartbaren Widerstände gegen das neue Leben sollten nicht zu groß sein. Das Festhalten an Gewohntem trägt eine starke Belohnung in sich. Der Anreiz muss doppelt so stark sein, wie die Bremskräfte.

Gilt das wirklich für uns alle? Oder gibt es nicht auch den Typus des rationalen Entscheiders, des Managers, der alles genau durchrechnet?

De Haan: Dann würde der doch keinen 5er BMW fahren. Es ist doch eine völlig irrationale Entscheidung, so ein teures Auto anzuschaffen. Vielleicht entscheidet er sich an manchen Stellen rational fürs Unternehmen. Aber auch da meist nicht. Aus Psychologensicht kann ich sagen: Wir folgen unseren Gewohnheiten. Die Ökonomen kennen das als Pfadabhängigkeit der Entscheidung.

Roth: Es ist ja auch die Frage, was Rationalität bedeutet. Es gibt nicht die eine Rationalität. Extrem rational wäre irgendein kleines Gurkenauto, das kaum Sprit verbraucht. Aber da setzt sich der Manager nicht rein.

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Kommentare | 6Alle Kommentare
  • 17.02.2013, 01:20 UhrSydikuss

    Mal abgesehen davon, daß
    a) längst nicht so viele von der CO-2-Klimathese überzeugt sind
    b) viele, wenn überzeugt garnicht oder nur wenig in der Lage sind, etwas daran ändern zu können ( weil keine Fabrik, keine Schiffe- Fuhrpark- oder Haus- & keine Autobesitzer),
    - es sei denn durch für viele noch nicht klaren Effekt durch FLEISCH-VERZICHT
    c) allgemein und besonders in Deutschland, Russland, Frankreich ... ein pseudo-(kapitaliosmus-)kritischer Staatsfetischismus vorherrscht, - bzw. "sollen doch die Großen mit ihren grioßen Schäden und Möglichkeiten anfangen"...
    d) daß es nicht wenigen halbwegs klar ist, daß einige wichtige Möglichkeiten zur Energieeinsparung und alternativen Energieerzeugung mit Nachteilen behaftet sind ( Quecksilber, Landschaftsverschandelung, unsichere oder zu hohe Finanzierung ..., schlechte Amortisierung wie zB. die energetische Altbaussanierung), oder aber
    e) solche die ihnen kaum weh tun würde, nicht politisch oder massenmedial gefördert werden zugunsten der monopolistischen Motoren- und E-Produzenten, und andere, die sehr effektiv wären, aus den gleichen monopol(profit-)politischen Gründen sogar verheimlicht oder unterdrückt werden . . . wenn
    wir also mal von all diesen Gründen und vorgeschobenen gründen absehen, bleibt noch immer das massenneurose- und charakter-psychologische mächtige Moment übrig, das
    Dr. Wilhelm Reich im Laufe seiner Erforschung der menschlichen, biophysikalischen und atmosphärischen Energie(en), ihre Blockaden und Entblockierung herausgearbeitet hat, - so auch die "Vermeidung des vor dem Auge liegende Notwendige":
    Ich möchte diese jetzt nicht weiter beschreiben, was auf diesem engen Raum für die meisten sowieso auf eine Glaubenssache hinauslief,- aber jeder kann dies nun mit diesem Namen & wenigen Stichwörtern per Internet oder Buch selbst herausfinden.- Dazu allerdings auch einige positiven Seiten & Anwendungen: www.desert-greening.com , www.orgon.de , www.orgonelabs.org , www.orgonomie.net

  • 16.02.2013, 19:21 Uhriwk

    Ganz richtig!

  • 16.02.2013, 18:50 Uhriwk

    Auf irgendetwas, was Gerhard Roth in psychologischer Hinsicht behauptet, würde ich nie Gift nehmen! Schon vieles, was er als "Ergebnis" neurophysiologischer Forschung hinstellt, ist - mal so ausgedrückt - unzuverlässig und von seinen erfahrenen Kollegen, den Altmeistern dieser Forschung Hans Kornhuber und Lüder Deecke in ihrem letzten gemeinsamen Buch "Wille und Gehirn" (2007, ²2009 - angezeigt hier http://alturl.com/myfzw) gründlich kritisiert und richtig gestellt worden. - Das ganze Interview ist eigentlich für die Katz, weil darin im Hinblick auf die Ausgangsfrage "Warum tun wir so oft nicht das, was wir eigentlich als notwendig erkannt haben?" die psychologisch wichtigen Details selbst von Herrn De Haan nur ansatzweise und von beiden Interviewpartnern nicht genau und weit genug angesprochen werden. Dabei ist die Psychologie der Gewohnheitsbildung, die dabei die wichtigste Rolle spielt, dh. die Lernpsychologie vielleicht nicht Herrn Roth, aber sonst gut bekannt!

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