Interview Lothar Seiwert: „Haben Sie den Dalai Lama schon mal gestresst gesehen?“

Interview Lothar Seiwert: „Haben Sie den Dalai Lama schon mal gestresst gesehen?“

, aktualisiert 02. Dezember 2011, 12:49 Uhr
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Lothar Seiwert hat beinahe 30 Jahre Erfahrung mit Zeitmangement.

von Thorsten GierschQuelle:Handelsblatt Online

Fühlen Sie sich auch, als ob Sie ferngesteuert durch das Berufsleben wandeln? Dann gehören Sie zur Mehrheit der Deutschen. Zeitmanagement-Papst Lothar Seiwert gibt Tipps, wie man die innere Unabhängigkeit zurückgewinnt.

Herr Seiwert, glauben Sie, dass jemand wie Siemens-Chef Peter Löscher über seinen Arbeitstag selbst bestimmen kann?

Ob Herr Löscher oder Frau Merkel: Sie alle sind Teil eines größeren Systems oder vorgeschalteten Office-Managements, das schon im Vorfeld Prioritäten und Tagesabläufe bestimmt oder vorschlägt. Aber zweifelsohne haben die Top-Entscheider in Wirtschaft und Politik wesentlich mehr Selbst – als  Fremdbestimmung als die meisten von uns.

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Dann hat der Grad der Selbstbestimmung im Beruf doch nur sehr bedingt etwas mit dem Status zu tun, oder?

Ob Manager oder Taxifahrer oder Kellner im Straßencafé: Sie alle haben mehr Einflussmöglichkeiten in ihrem Job, als sie zunächst glauben. Entscheidend ist die innere Haltung oder Einstellung zu sich selbst und ihrem Job. Fremdbestimmung macht zweifelsohne Stress – Selbstbestimmung hingegen ist ein entscheidender Meilenstein für persönliche Zeit- und Lebensqualität.

Inwiefern stresst uns das Gefühl der Abhängigkeit?

Weil wir nicht so agieren können wie wir wollen – und andere über uns bestimmen. Wenn ich in einem Flieger sitze, bin ich von vornherein ausgeliefert und abhängig, egal was passiert. In einem Zug hingegen kann ich an jedem Bahnhof aussteigen oder sogar die Notbremse ziehen und den Zug zum Stehen bringen, wenn ich will. Darum reise ich lieber mit dem ICE als mit dem Flieger, weil ich in der Bahn grundsätzlich ein besseres Gefühl der geringeren Abhängigkeit habe.

Wie werden wir unabhängiger?

Indem wir im Rahmen unserer Möglichkeiten die äußeren Rahmenbedingungen verändern und/oder uns mental befreien, innerlich loslassen und aus einer inneren Haltung der Stärke und Eigensouveränität agieren. Nur wer den Mut hat, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und seine Prioritäten nach eigener Überzeugung zu setzen, kann uneingeschränkt über seine Ressourcen verfügen.

Sie schreiben in Ihrem Buch: Aus dem Multitasker werden Workaholics, und die sind bewiesenermaßen weniger leistungsfähig. Was folgt daraus?

Wenn wir wirklich effektiv und glücklich sein wollen, müssen wir uns fokussieren, also auf das Wesentliche konzentrieren und konsequent Nein zu Dingen sagen, die uns von unseren wirklich wichtigen Berufs- und Lebensprioritäten abhalten. Monotasking ist auch hier die bessere Strategie. Also zum Beispiel nicht jede Email sofort öffnen, sondern wirklich nur zwei bis drei mal am Tag hineinschauen, auch wenn einen die Neugier oder Ungewissheit treibt, eventuell etwas verpassen zu können.

Sie haben elf Persönlichkeiten identifiziert. Inwiefern dienen sie als Vorbilder?

Für mich sind sie persönliche Vorbilder, weil sie besondere Eigenschaften verkörpern wie beispielsweise Steve Jobs: Der leider kürzlich verstorbene Apple-Visionär steht für mich in besonderer Weise für Eigensinnigkeit. Wie er gegen alle Widerstände seinen Kopf durchsetzte und jeden Produktentwurf zurück in die Überarbeitung schickte, der ihm nicht simpel oder schön genug war. Wie er dem Markt immer eine Nasenlänge voraus war und nicht die Dinge tat, die man von ihm erwartete.


Seine Pflicht mit Stolz erfüllen

Viele Menschen sind aber auch Getriebene ihrer inneren Erwartungen. Ist das nicht viel mehr die Ursache für die Stresskrise unserer Gesellschaft?

Wir sind mit Vollgas auf der Überholspur und finden die Bremse nicht. Stress, Burnout, Depression scheinen sich – je nach Eskalationsstufe – zu einer neuen Volkskrankheit unserer heutigen Hetz-Gesellschaft zu entwickeln. Ihre Auslöser und Verursacher dürfen jedoch nicht undifferenziert als monokausal abgetan werden, sondern haben verschiedene Ursachen. Entscheidend ist, dass wir bei uns selbst zuerst anfangen. Wir müssen unsere Einstellung gegenüber Zeit und unseren Aufgaben radikal ändern. 

Wie machen wir das am besten?

Indem wir uns zunächst bewusst machen, dass wir nicht immer alles sofort, möglichst noch gleichzeitig, und für alle und jeden erledigen können – auch wenn wir wollen. Tun wir das nicht, werden wir immer mehr getrieben und geraten in eine Opferrolle. Wer Informationen gekonnt nicht aufnimmt, Termine clever reduziert, Verpflichtungen elegant vermeidet und Mut zur Lücke hat, ist hier im Vorteil. Nicht wenige haben hier einen chronischen "Sprachfehler": Sie können oder mögen nicht "Nein sagen", weil sie Widerstände befürchten. Entscheidend ist immer die Frage: was ist wirklich wichtig für mich, meinen Job oder mein Leben – und was ist nur dringend?

Warum leisten manche Menschen mehr als andere – und haben dabei sogar noch weniger Stress?

Weil sie das, was sie tun, mit innerer Überzeugung und äußerer Gelassenheit ganz entspannt im Hier und Jetzt bzw. im Flow tun – und nicht als Mühe oder Last, sprich "Arbeit" empfinden. Sie blühen unter der "Last" ihrer Verantwortung gerade zu auf. Oder haben Sie den Dalai Lama schon mal gestresst gesehen?

Inwiefern schützen Fleiß und Disziplin nicht vor Burnout?

Fleiß und Disziplin können sogar kontraproduktiv sein – wenn wir nicht aufpassen und außer Balance geraten. Wenn wir dem kollektiven Kollaps entgegen wollen, müssen wir unsere Einstellung gegenüber Zeit und unseren Aufgaben radikal ändern. Sonst arbeiten wir nicht mehr, sondern wir werden "ge-arbeitet". Wir müssen unseren Blick für die Steuerung von außen sensibilisieren und schärfen. Und unsere innere Stimme wiederfinden.

Wie kann ein durchschnittlicher Angestellter seinen Grad an Selbstbestimmtheit steigern?

Indem er oder sie sich zunächst auf sich selbst und seine inneren Werte besinnt. Hart zu arbeiten, viel zu arbeiten, heißt nicht, fremdbestimmt zu arbeiten. Wer das tut, was er liebt, wer seine Pflicht mit Stolz erfüllt, der wird sich so leicht nicht von anderen vorschreiben lassen, was er zu tun und zu lassen hat. Selbstbewusstsein folgt aus der Gewissheit, der richtige Mensch am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein. 

Sie schreiben einen auf den ersten Blick verwirrenden Satz: Manchmal muss man sich jetzt Stress machen, um später großen Stress zu vermeiden. Was meinen Sie damit?

Ich bin davon überzeugt, dass ein kurzer, heftiger Stress zur Vermeidung von langanhaltendem zähen, lähmenden Stress durchaus hilfreich ist. Das bedeutet konkret, in bestimmten Situation vorher proaktiv auf mein Umfeld einzuwirken, um hinterher keinen Stress zu haben.


Entscheidungen nicht anderen überlassen

Geben Sie ein Beispiel!

Ich verlasse mich im Vorfeld von meinen Vorträgen nicht darauf, dass andere es schon richtig vorbereiten und richten werden, sondern sorge penibel dafür, dass alles genau so eingetaktet wird, wie ich es hinterher brauche. Nach meiner Erfahrung gibt es hier drei Typen von Menschen: Typ 1 sorgt dafür, dass etwas passiert. Das sind die Protagonisten. Typ 2 wartet ab, bis etwas passiert. Das sind die Nebenrollen. Typ 3 wundert sich hinterher, dass tatsächlich etwas passiert ist. Das sind die Statisten. 

Sie haben Millionen Bücher verkauft, die sich mit Zeitmanagement befasst haben. Jetzt sagen Sie, Zeitmanagement hilft nicht gegen die Stress-Krise. Wie passt das zusammen?

Zeitmanagement-Methoden und -Tools helfen nach wie vor, das operative Tagesgeschäft und tägliche Arbeitspensum in den Griff zubekommen. Das Entscheidende aber ist nicht die äußere Methodik, sondern die innere Grundhaltung, die darüber entscheidet, ob ich mich und andere stresse bzw. stressen lasse – oder auch nicht!

Stattdessen raten Sie zum Simplifizieren. Ein hässliches Fremdwort, erklären Sie es auf Deutsch!

Entweder es geht einfach – oder es geht einfach nicht! Und unser Weltbestseller "Simplify your Life" ist der sichtbare Beweis dafür, dass Vereinfachung überall ankommt – und auch funktioniert.

Ein Kapitel heißt: Der Tag, an dem ich mein Leben in die Hand nahm. Was passierte an dem Tag?

Da entschied ich mich in einer Buchhandlung in San Francisco, mein sicheres Dasein als auf Lebenszeit beamteter Hochschullehrer an den Nagel zu hängen, um mehr Zeitsouveränität zu gelangen. Ich kündigte und machte mich selbstständig.

Sie raten dazu, dass nicht andere für mich die Entscheidungen treffen.

Entscheidungen muss man schon selbst treffen. Wer das Entscheiden anderen überlässt, wird seinen persönlichen Sinn nicht finden. Jeder sollte der Kapitän seines eigenen Lebensschiffes sein und den Kurs selbst bestimmen und tagtäglich das virtuelle Steuerrad selber in der Hand halten. Tue ich das nicht, bestimmen halt andere über mich. Wir sind keine Eisbären im Zwangskorsett, denn wir Menschen können jederzeit unsere Weltsichten, Einstellungen und Grundannahmen verändern, wenn wir wollen.

Herr Seiwert, vielen Dank für das Gespräch.

Bibliografie:

Lothar Seiwert

Ausgetickt. Lieber selbstbestimmt als fremdgesteuert

Ariston Verlag, München 2011

349 Seiten

Quelle:  Handelsblatt Online
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