IT-Berufe: Eltern raten Mädchen vom Programmieren ab

GastbeitragIT-Berufe: Eltern raten Mädchen vom Programmieren ab

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Viele Eltern raten ihren Töchtern von IT-Berufen ab.

Am 10. Dezember 1815 wurde Ada Lovelace geboren. Sie schrieb das erste Computerprogramm der Welt. Dass Programmiererinnen trotz solch historischer Vorbilder so selten sind, ist auch Schuld der Eltern. Ein Gastbeitrag.

Nach einer Studie des DIW erobern die Frauen in Deutschland gerade den Arbeitsmarkt. Doch ein Trend wartet noch auf seinen Durchbruch: Frauen in der IT. In Deutschland liegt der Frauenanteil bei Software-Entwicklern und Programmierern gerade einmal bei 14 Prozent. Unter den Studienanfängern sind es rund 22 Prozent. Zwar sind die Zahlen in den letzten Jahren etwas gestiegen, doch soweit waren wir Ende der Siebziger Jahre auch schon einmal. Die Entwicklung seither kann niemanden zufrieden stellen.

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Unternehmen suchen händeringend IT-Fachkräfte und müssen im Ausland rekrutieren, während in Deutschland seit Jahren von den Frauen als „stiller Reserve“ die Rede ist. In Politik und Wissenschaft ist das Problem zwar erkannt, doch trotz zahlreicher sinnvoller Programme ist der entscheidende Durchbruch noch nicht gelungen. Umso drängender stellt sich die Frage: Woran liegt es, dass Frauen sich nicht für einen Berufsweg entscheiden, der ihnen alle Möglichkeiten eröffnen würde?

Allzu leicht ist man geneigt, die Ursachen alleine im Ausbildungssystem zu suchen. Bei schlecht ausgestatteten Schulen und Lehrplänen, die IT immer noch als Nebenfach behandeln und Abgänger mit gravierenden Defiziten in Mathematik hervorbringen. Oder bei Studiengängen und Curricula, die eine Abbrecherquote von 50 Prozent produzieren.

Studienanfänger contra Studienabbrecher: In welchen Ländern die meisten Studenten durchhalten

  • OECD-Durchschnitt

    Im Durchschnitt aller OECD-Länder beginnen 67 Prozent aller jungen Menschen im Laufe ihres Lebens ein Studium an, gehen auf eine Meisterschule oder eine andere höhere Berufsbildungseinrichtung. 50 Prozent der jungen MEnschen in den OECD-Ländern schließen dies auch ab.
    Quelle: OECD-Bildungsbericht

  • Australien

    Spitzenreiter ist Australien: Hier ziehen 74 Prozent ihr Studium oder ihre Meisterschule auch bis zum Abschluss durch.

  • Neuseeland

    In Neuseeland beginnen 92 Prozent eines Jahrgangs ein Hochschulstudium.72 Prozent schließen das Studium auch ab.

  • Japan

    71 Prozent der jungen Japaner beenden ihr Studium auch.

  • Dänemark

    In Dänemark fangen 87 Prozent eines Jahrgangs ien Studium an, 62 Prozent bringen es zu Ende.

  • Slowenien

    In Slowenien gehen 74 Prozent der jungen Leute an die Uni, 58 Prozent verlassen sie mit einem entsprechenden Zeugnis.

  • Lettland

    Auch in Lettland verlassen 58 Prozent der Studenten die Uni mit einem abgeschlossenen Studium.

  • USA

    In den USA schließen 54 Prozent der Studenten ihr Studium auch ab.

  • Österreich

    53 Prozent derer, die ein Studium begonnen haben, ziehen es auch bis zum Ende durch.

  • Spanien

    Hier gehen 52 Prozent mit einem Bachelor oder Master von der Uni ab.

  • Chile

    In Chile beginnen 89 Prozent der jungen Leute ein Hochschulstudium oder eine Meisterausbildung, 52 Prozent schaffen es letztlich auch.

  • Finnland

    Nur 55 Prozent der jungen Finnen studieren. Von ihnen beenden 49 Prozent das Studium auch.

  • Schweiz

    76 Prozent der jungen Schweizer gehen an eine Uni, nur 48 Prozent davon schließen das Studium auch ab.

  • Großbritannien

    In Großbritannien zieht es 58 Prozent eines Jahrgangs an die Unis und Fachhochschulen, 47 Prozent machen einen entsprechenden Abschluss.

  • Türkei

    Auch in der Türkei schließen 47 Prozent der jungen MEnschen das Studium ab.

  • Tschechien

    In Tschechien beenden 46 Prozent ihre Unilaufbahn mit einem Zeugnis.

  • Slowakei

    60 Prozent der jungen Slowaken studieren. Den Abschluss machen jedoch nur 45 Prozent der Studenten.

  • Niederlande und Norwegen

    Die Abschlussquote in den Niederlanden und in Norwegen beträgt ebenfalls je 45 Prozent. In beiden Ländern verlassen also 55 Prozent der Studenten die Uni ohne einen Abschluss.

  • Portugal

    In Portugal gehen zwar 63 Prozent eines Jahrgangs auf eine Universität, dohc nur 43 Prozent der Studenten schließen ihr Studium auch ab.

  • Schweden

    In Schweden verlassen sogar nur 41 Prozent der Studenten die Uni oder FH mit einem entsprechenden Zeugnis.

  • Deutschland

    Zählt man die jungen Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft mit, beginnen in Deutschland 59 Prozent eines Jahrgangs ein Studium oder gehen auf eine Meisterschule. Doch nur 36 Prozent machen auch einen Abschluss.

  • Italien

    In Italien schaffen nur 34 Prozent der Studenten auch einen Abschluss.

  • Luxemburg

    Luxemburg ist sowohl bei der Anzahl der Studenten als auch bei den Absolventen Schlusslicht: Nur 19 Prozent eines Jahrgangs beginnen dort ein Hochschulstudium oder vergleichbares. Und nur 16 Prozent schließen das Studium auch ab. 

Doch damit übersieht man andere wichtige Faktoren, die bei der Berufswahl eine entscheidende Bedeutung haben. Einen nicht unbeachtlichen Teil tragen Unterhaltungsmedien bei. Studien belegen schon seit Jahren, dass die Darstellung von Berufen im Fernsehen oberflächlich und stereotyp ist und die Bilder der Arbeitswelt nicht der Realität entsprechen.

Vita

  • Zur Person

    Urs M. Krämer ist CEO des  Management- und IT-Beratungsunternehmens Sopra Steria Consulting. Krämer startete seine Karriere bei Accenture, wo er in unterschiedlichen Managementpositionen und Geschäftszweigen tätig war.

Der Ausdruck „Irgendwas mit Medien“ ist nicht umsonst zum geflügelten Wort geworden wenn es um die Berufswahl geht. Jugendlichen selbst machen praktisch keine realistischen Alltagserfahrungen im beruflichen Umfeld und insofern fehlt ein eigenes Einschätzungsvermögen oft völlig.

Umso wichtiger werden diejenigen, die den stärksten Einfluss auf die Berufsentscheidung junger Menschen haben oder haben könnten: die Eltern. Doch gerade hier ist zu beobachten, dass auch vielen Erziehungsberechtigten das Einschätzungsvermögen fehlt. Sie kennen meist nur ihren eigenen Beruf; ihr Einstieg in die Berufswelt fand zudem zu einer anderen Zeit und unter völlig anderen Bedingungen statt. Eltern wollen zwar nur das Beste für ihre Kinder, doch was das genau ist, wissen sie oft auch nicht. Stellen wir vor diesem Hintergrund nochmals die Ausgangsfrage: Warum wollen so wenig junge Mädchen IT-Berufe ergreifen? Die Antwort lautet: Weil ihnen zu wenig dazu geraten wird, obwohl sie es könnten.

Eltern sagen zu oft: "Das ist doch nichts für Mädchen"

Denn vielfach sind es Väter und Mütter selbst, die ihren Töchtern voreilig einen „klassisch weiblichen“ Berufsweg weisen, oder sich diesen sogar wünschen – unbesehen der Talente und Fähigkeiten ihrer Töchter. Etwas überspitzt formuliert: Das Dilemma fängt an, wenn das Kinderzimmer drei Monate vor der Geburt rosa gestrichen wird. Mädchen dürfen aber nicht in eine stereotyp vorgeprägte Biografie manövriert werden. Gerade in der IT-Branche haben Frauen umfassende Chancen, mit ihren Fähigkeiten gleiches Geld für gleiche Leistung zu erzielen, Familie und Beruf zu verbinden und auch noch eine Karriereentwicklung zu machen. Das ist Zukunft!

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Es gibt übrigens ein wunderbares historisches Vorbild. Ada Lovelace, die Tochter des britischen Dichters George Byron hätte es wohl maximal zur Randnotiz im Lexikoneintrag ihre Vaters gebracht, wäre ihr Talent nicht entdeckt und gefördert worden. Ada Lovelace wurde jedoch von ihrer Mutter inspiriert, ihr Talent in Mathematik zu entwickeln und zu nutzen.

Für den befreundeten Erfinder Charles Babbage, der an der Konstruktion einer mechanischen Rechenmaschine arbeitete, schrieb die Mathematikerin 1834  den ersten funktionsfähigen Programmcode. Sie gilt deshalb als Erfinderin der Computersprache und erste Programmiererin überhaupt, und so übertrifft ihr Werk das ihres Vaters bei weitem. Vor 170 Jahren war diese Entwicklung schon möglich. Dass es heute noch nicht die Regel ist, sollten wir schleunigst ändern.

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