Ist Jamaika an Übermüdung gescheitert?

Jamaika-Aus: Müde Menschen verhandeln schlechter

, aktualisiert 21. November 2017, 10:43 Uhr

Vier Wochen saßen Union, FDP und Grüne bis spät Nachts zusammen, um sich auf eine gemeinsame Linie zu einigen. Und sind gescheitert. Kein Wunder, sagen Schlafforscher. Übermüdet treffen wir keine guten Entscheidungen.

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Schlafentzug und nächtliche Beratungen können die Qualität von Entscheidungen senken und Verhandlungen zum Scheitern bringen.

Es gibt viele Dinge, die man im Halbschlaf machen kann: Eine Serie schauen, Chips knabbern, seiner Katze den Nacken kraulen. Das Schmieden einer neuen Regierungskoalition gehört nicht unbedingt dazu - würde man meinen. Doch die Spitzen von CDU, CSU, FDP und Grünen haben genau das versucht. In nächtlichen Verhandlungsmarathons bis vier Uhr früh suchten sie nach Möglichkeiten einer Zusammenarbeit. Übermüdet und mit tiefen Augenringen wollten sie Verantwortung für 82 Millionen Menschen übernehmen. Auf manchen Konferenzen gibt es erst nach nächtlichem Ringen eine Einigung. Diesmal ging der Versuch schief - am späten Sonntagabend lies die FDP die Gespräche platzen.

Über diesen Verlauf der Verhandlungen ist eine bestimmte Gruppe von Wissenschaftlern nur wenig überrascht. Schlafforscher warnen schon lange davor, wichtige Beratungen bis in die frühen Morgenstunden zu dehnen und übermüdet zu diskutieren. „Die Nacht ist kein Zeitpunkt für sachliche Entscheidungen. Wer nicht genug schläft, kann Probleme schlechter lösen. Emotionen spielen dann eine größere Rolle“, sagt Jürgen Zulley, ehemaliger Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Universität Regensburg.

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Auch sein Kollege Steffen Gais von der Universität Tübingen erkennt ein Muster, das sich wissenschaftlich bestätigen lässt. „Jetzt ist genau das eingetroffen, was die Schlafforschung vorhersagt. Die Teilnehmer der Sondierungsgespräche sind voll auf Risiko gegangen, sie haben sich dabei immer weniger vertraut und die Stimmung ist eingebrochen“, erklärt Gais. Schlafentzug führe nicht nur zu Konzentrationsmangel und gesteigerter Risikobereitschaft, sondern auch zu Argwohn und Streitlust.

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Von Schlafentzug sprechen die Forscher bereits dann, wenn ein Mensch über den Zeitpunkt hinaus wach ist, zu dem er normalerweise ins Bett geht. „Wir haben einen biologischen Rhythmus, der konstant weiterläuft. Da hilft auch kein Vorschlafen“, erklärt Zulley. Zwar gebe es Menschen, die ihre Aktivität erst in den späten Abendstunden entfalteten - in der Chronobiologie als „Eulen“ bezeichnet. Doch tief in der Nacht seien auch sie überfordert: „Um etwa drei Uhr früh kommen alle Menschen in ein Leistungs- und Stimmungstief. Deshalb passieren die meisten Arbeitsfehler in Nachtschichten.“

Gefährliche Veränderungen im Verhalten

Dass Schlafentzug überwiegend negative Auswirkungen auf die menschliche Leistungsfähigkeit hat, war in der Wissenschaft nicht immer die Mehrheitsmeinung. Ein Schlüsselexperiment wurde 1965 in den USA durchgeführt: Der 17-jährige Schüler Randy Gardner blieb damals 264 Stunden wach - also exakt 11 Tage lang. Die beiden begleitenden Ärzte William Dement und John Ross kamen zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen von Gardners psychischem und körperlichem Zustand. Während Dement nur kleine Auswirkungen wie Stimmungsschwankungen beobachtete, erkannte Ross gefährliche Veränderungen in Kognition und Verhalten.

So schläft Deutschland

  • 23 Uhr: Bettruhe

    An einem ganz normalen Arbeitstag liegt um 23 Uhr fast jeder zweite Erwachsene im Bett, um zu schlafen. An arbeitsfreien Tagen sieht das ein wenig anders aus. Um 23 Uhr hat erst ein Fünftel der Befragten das Licht gelöscht.

    Quelle: TK-Schlafstudie "Schlaf gut, Deutschland"

  • Mitternacht

    Ein weiteres Drittel folgt bis null Uhr, sodass 80 Prozent der Menschen in Deutschland alltags vor Mitternacht im Bett sind. Auch am Wochenende liegt gut die Hälfte vor Mitternacht in den Kissen.

  • Seltene Nachteulen

    Während unter der Woche 20 Prozent nach Mitternacht zu Bett gehen, gehen am Wochenende zwei von zehn Erwachsenen nach ein Uhr schlafen.

  • Einschlafprobleme

    Kaum im Bett schlafen 40 Prozent der Befragten auch schon - nämlich nach höchstens zehn Minuten. 30 Minuten nach dem Zubettgehen schlummern immerhin 85 Prozent. Das bedeutet im Gegenzug aber auch, dass etwa jeder Siebte länger als die von Gesundheitsexperten empfohlene halbe Stunde braucht, um in den Schlaf zu finden.

  • Männer bleiben länger wach

    Frauen gehen früher ins Bett als Männer. Jede zehnte Frau liegt vor 22 Uhr im Bett. Bis 23 Uhr hat dann mehr als die Hälfte der weiblichen Bevölkerung das Licht gelöscht. Bei den Männern schaffen es lediglich drei Prozent vor 22 Uhr ins Bett. Knapp ein Viertel der Männer legt sich erst nach Mitternacht schlafen.

  • Im Osten kommt das Sandmännchen früher

    Auch regional unterscheiden sich die Schlafgewohnheiten. Während in Ostdeutschland jeder Siebte schon vor 22 Uhr im Bett liegt, gilt dies im Westen nur für eine kleine Minderheit von fünf Prozent. Früh zu Bett gehen besonders die Bewohner in Sachsen,
    Sachsen-Anhalt und Thüringen: 18 Prozent von ihnen machen vor 22 Uhr das Licht aus. Das schaffen in Bayern lediglich zwei Prozent.

  • Singles schlafen besser

    Was bereits mehrere Studien untersucht haben, belegt auch die vorliegende Befragung: Wer allein schläft und nicht von der Unruhe eines anderen gestört wird, schläft besser. Fast drei von vier Singles, aber nur rund
    60 Prozent derer, die in einer Beziehung leben, schlafen gut oder sehr gut.

  • Um sechs klingelt der Wecker

    Unter der Woche geht es für drei von zehn Befragten schon vor sechs Uhr raus aus den Federn. Ein weiteres Drittel lässt seinen Wecker zwischen sechs und sieben Uhr klingeln – spätestens um sieben sind also bereits knapp 60 Prozent der Erwachsenen auf den Beinen. Knapp ein Fünftel der Menschen in Deutschland pflegt auch an arbeitsfreien Tagen keine Langschläferei und ist um sieben Uhr bereits wach.

  • Oder um acht

    Ein Viertel der Befragten steht zwischen sieben und acht Uhr auf. Nur eine Minderheit von 16 Prozent beendet die Nachtruhe nach acht Uhr

  • Langschläfer sind auch am Wochenende selten

    Zwischen acht und neun Uhr steht mehr als jeder Zweite auf. Nach neun Uhr schlafen an arbeitsfreien Tagen noch drei von zehn Erwachsenen.

  • Schlafdauer

    Verrechnet man Einschlaf- und Aufstehzeit, dann schläft ein Drittel der Menschen in Deutschland sieben Stunden. Nur unwesentlich kleiner ist die Anzahl derer, die auf sechs Stunden Nachtschlaf kommen und sich damit bereits an der Untergrenze bewegen. Immerhin ein Viertel der Befragten bleibt mit fünf Stunden oder weniger sogar deutlich unter dem empfohlenen Schlafpensum. Acht Stunden oder mehr schläft jeder Sechste.

Die beiden Positionen bildeten lange Zeit die Grundlage für einen wissenschaftlichen Disput in der Medizinischen und Biologischen Psychologie. Heute ist die kritische Haltung von Ross mit vielen Studien unterfüttert und unter Experten verbreitet. Zwar lässt sich nachweisen, dass durch Schlafentzug die Kompromissbereitschaft steigt, und dies könnte leicht als Vorteil des Wachbleibens gewertet werden.

Doch Zulley warnt: „Was bringen Kompromisse, wenn gleichzeitig die Qualität der getroffenen Entscheidungen sinkt?“ Gais erklärt, was dieser Qualitätsverlust konkret bedeutet: „Bei Schlafentzug setzt man mehr aufs Spiel, man überschätzt die Gewinnmöglichkeiten und hat weniger Vertrauen in seine Mitmenschen.“

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Quelle: dpa

Schlafentzug birgt aber noch eine weitere Gefahr. Gais und seine Kollegen konnten einen starken Zusammenhang zwischen Müdigkeit und Erinnerungsvermögen nachweisen. „Schlafentzug führt dazu, dass das Langzeitgedächtnis geschwächt wird“, erklärt Gais. Langfristig könnten die Erinnerungen an eine gemeinsame Beratung also schon deshalb unterschiedlich ausfallen, weil alle Teilnehmer übernächtigt waren. „Der Ausspruch „eine Nacht drüber schlafen“ kommt nicht von ungefähr. Wir brauchen Schlaf, um das Erlebte abzuspeichern“, bestätigt auch Zulley.

Angesichts dieser Erkenntnisse hätten die Berliner Verhandlungsparteien wohl gut daran getan, sich regelmäßig Erholung zu gönnen und nachts ein bisschen früher das Licht auszuknipsen. Am Ende, so sagte FDP-Parteichef Christian Lindner, habe die „Vertrauensbasis“ für ein gemeinsames Bündnis gefehlt. Dass er damit ein Standardphänomen der Schlafforschung anspricht, dürfte er nicht gewusst haben.

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