
KölnClaudia Mengel konnte bereits fünf Jahre Berufserfahrung vorweisen, als sie im Sommer 2011 im Recruiting von Bayer Direct Services, dem Shared Service Center für Personaldienstleistungen von Bayer in Leverkusen anfing. Dort besteht ihre Aufgabe als Recruiting-Spezialistin darin, talentierte Nachwuchswissenschaftler für den Konzern zu finden. „Obwohl es nicht meine erste Stelle war, war ich ein wenig nervös. Ich habe mich gefragt, wie die neue Aufgabe wohl sein würde, wie ich mit den Kollegen zurechtkommen und wie schnell ich meinen Platz dort finden würde“, erzählt die 31-Jährige.
Wer sich für einen beruflichen Wechsel entschieden hat, blickt immer einer aufregenden Zeit entgegen. Egal, ob Fach- oder Führungskraft – der Neubeginn wird häufig von Unsicherheit begleitet. Wie meistere ich die ersten 100 Tage? Wie komme ich gut bei Kollegen und Vorgesetzten an? Solche Fragen stellen sich auch viele Klienten von Karriereberater und Diplom-Psychologe Josef Albers, der das Coaching-Institut Kernfindung in Köln leitet. „Mit einem Wechsel beginnt immer etwas Neues, Unbekanntes. Natürlich ist solch eine Situation mit Ängsten behaftet”, sagt der Coach. „Deshalb ist es umso wichtiger, dass man den alten Job hinter sich lässt.” Nur wer alte Baustellen schließe, könne auch erfolgreich in den neuen beruflichen Lebensabschnitt starten. „Schließlich wird alle Energie für die neue Aufgabe gebraucht.”
Der erste Arbeitstag beginnt in der Regel in der Personalabteilung, anschließend folgt ein Gespräch mit dem Vorgesetzten. Dessen Aufgabe ist es auch, den neuen Mitarbeiter bei den Kollegen vorzustellen, sagt Dierk Rommel, Trainer für Kommunikation und Führung aus Hamburg. Ein gutes Unternehmen stelle außerdem einen Einarbeitungsplan zur Verfügung. „Auf diesem Plan sollten die wichtigsten Kontaktstellen und Kennenlern-Termine vermerkt sein”, sagt Rommel. Nach zwei Wochen Einarbeitungszeit könne zudem ein 90-Tage-Plan erstellt werden, der in drei Blöcke à 30 Tage unterteilt wird. Die einzelnen Abschnitte können dann als Anlass genutzt werden, Rücksprache mit dem Chef zu halten. „Dieses Vorgehen schützt vor Fehlentscheidungen und gibt allen Beteiligten Sicherheit”.
Noch vor dem ersten Arbeitstag sollte außerdem geklärt werden, ob dem neuen Mitarbeiter ein Ansprechpartner oder Mentor zur Seite steht. Im Fall von Claudia Mengel war dies eine erfahrene Kollegin, die sie in den ersten Wochen überall hin begleitete. „Sie hat mich den Kollegen vorgestellt, mir bei allen Formalitäten geholfen und mich bei allgemeinen Abläufen unterstützt.“ Ob das Einweisen in die Systeme und Tools, mit denen die Abteilung arbeitet, oder der Weg zur Küche – ihre Ansprechpartnerin stand Mengel in ihrer Anfangsphase jederzeit zur Verfügung.
Die große Angst vor Fehlern
Als ständigen Lernprozess bezeichnet Business Coach Rommel die ersten 100 Tage im neuen Job. „In dieser Zeit geht es vor allem darum, sich Wissen anzueignen.” Auf keinen Fall sollten zu früh Entscheidungen getroffen werden. „Eine der größten Gefahren besteht darin, Prioritäten falsch einzuschätzen. Wer neu ist, kann manchmal nur schwer beurteilen, welche Aufgaben die wichtigsten sind.” Darum empfiehlt Rommel während der Probezeit und darüber hinaus regelmäßige Gespräche mit dem Chef. „Dabei sollte man sich auch nicht scheuen zu fragen, was man besser machen kann.”
Der erste Eindruck zählt, wie es häufig heißt. Doch ist dieser tatsächlich alles entscheidend und nicht revidierbar? „Es stimmt, den ersten Eindruck kann man nicht wiederholen”, sagt Jessica Wahl, die seit über zehn Jahren als Personal Performance Coach in Berlin arbeitet. „Aber man hat jeden Tag aufs Neue die Möglichkeit, eine gute Atmosphäre zu schaffen.” Die Angst vor Fehlern, gerade in der Anfangszeit, ist bei vielen Angestellten groß. Doch Fehler sind menschlich. „Ein Problem wird erst dann zum Problem, wenn man keine Lösung findet”, sagt Business Coach Dierk Rommel. „Deshalb gilt es, das Problem oder den Fehler anzusprechen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Es wird nur schlimmer, wenn man versucht, das Problem zu kaschieren.”
Ein absolutes Tabu beim Neuanfang: schmutzige Wäsche waschen. „Auf keinen Fall sollte man vor Kollegen oder Vorgesetzten schlecht über den alten Job oder den alten Chef reden”, warnt Jessica Wahl. Die Gefahr, sich mit solchen Lästereien unbeliebt zu machen, ist groß. Genauso wenig empfehlenswert ist es, vom alten Team im „Wir” zu sprechen. „Das kann schon im Bewerbungsgespräch ein Ausschlusskriterium sein.” Doch wie sollte man damit umgehen, wenn sich die neuen Kollegen nach dem alten Job erkundigen? In vielen Fällen findet ein Wechsel statt, weil am alten Arbeitsplatz nicht alles gut gelaufen ist. „Am besten überlegt man sich schon vorab eine unverfängliche Antwort”, rät Wahl. „Der Wechsel lässt sich zum Beispiel mit dem Wunsch nach Weiterentwicklung oder neuen Herausforderungen begründen.”
Kontakte knüpfen, den neuen Arbeitsplatz kennenlernen, sich in neue Aufgaben und Abläufe einarbeiten – sowohl inhaltlich als auch zwischenmenschlich stehen neue Mitarbeiter vor vielen Herausforderungen. „Eines muss einem klar sein”, sagt Jobcoach Josef Albers: „Ein beruflicher Wechsel ist immer ein Zeitfresser.“ Das bestätigt auch Recruiting-Spezialistin Claudia Mengel. „Am Anfang dauert einfach alles länger. Jeder Schritt, den ich jetzt zügig abarbeite, hat mich am Anfang viel mehr Zeit gekostet.“










