
BerlinDer Berlin-Marathon ist das größte Laufevent Deutschlands und eines der größten der Welt. Die 40.000 Startplätze sind begehrt und jedes Jahr schneller vergriffen – für den aktuellen Wettkampf schon Anfang Dezember 2011. Den Streckenrand werden auch in diesem Jahr wieder rund eine Millionen Zuschauer säumen und die Läufer anfeuern.
Die Faszination Marathon: Zu bewältigen, was andere nicht schaffen. Die Erleichterung beim Zieleinlauf, die anerkennende Bewunderung aus dem Umfeld sollen für die Entbehrungen und die Disziplin beim Training entlohnen.
Was mal „Mein Haus, meine Yacht, mein Auto“ waren, sind heute „Mein Marathon, meine Abenteuerreise, meine Facebook-Kontakte“ – ein Lifestyle, der auch längst in der Geschäftswelt angekommen ist. Die Zahl der Marathonläufer in den Führungsetagen steigt kontinuierlich und ist verhältnismäßig hoch.
Marco Diehl ist 2003 in eine leitende Funktion bei einer großen Investmentbank aufgestiegen. Im selben Jahr ist der heute 43-jährige IT-Experte seinen ersten Marathon gelaufen – und hat direkt geschafft, was 95 Prozent der Langstreckenläufer nie erreichen: Er hat die 42,195 Kilometer in weniger als drei Stunden bewältigt. „Meine Marathon-Karriere hat als Understatement mit ausgetretenen Schuhen und einem alten Abi-Shirt angefangen“, sagt Diehl. Als ihn bei seinem ersten Wettkampf „irgendwelche grauhaarigen Senioren überholt haben“, wie er sagt, war sein Ehrgeiz angestachelt. Seitdem sind 118 Marathons gefolgt, Tendenz steigend, und fast 70 Mal stand Diehl auf dem Siegertreppchen.
Marathon-Laufen fürs Ego
Ambitionen in die Top 10 zu laufen, habe Diehl nie gehabt: „Verbissenheit habe ich im Job schon genug.“ Genauso gern wie von seinen Siegen erzählt er von den „tollen Erlebnissen“ bei den Wettkämpfen und dem Laufen als nötigem Ausgleich zur Arbeit. Die Hürden für eine Karriere im Investmentbanking sind hoch – und es schaffe nicht unbedingt immer der Beste nach oben, sagt Diehl. Ellenbogenfähigkeiten, Kontakte und überhaupt der Zugang zu Bildung verzerren die Leistungen. „Aber beim Marathon sind alle gleich. Der Eintritt sind Disziplin und Fleiß.“
Eigenschaften, die auch im Beruf gefragt sind. Die Analogien zwischen Sport und Karriere sind in der Welt der Bankentower und maßgeschneiderten Anzugträger längst Gesetz. Google spuckt für die Suchwörter „Marathon Karriere“ zehntausende Ergebnisse aus, Management-Berater animieren ihre Klienten für saftige Honorare zu sportlicher Leistung, Unternehmen jeder Größe präsentieren sich bei Laufveranstaltungen wahlweise als Sponsor oder durch teilnehmende Mitarbeiter, und das aufstrebende Nachwuchsmanagement will mit den gut 42 Kilometern seinen Lebenslauf aufhübschen. „Das ist so eine Ego-Sache“, sagt Marco Diehl, der selbst einen Teil seiner Trophäen im Büro ausstellt.
Der Frankfurt-Marathon versucht, diesen Trend zu etablieren, und bietet bei seinem Wettkampf in Deutschlands Finanzzentrum eine gesonderte Manager-Wertung an. „Die Sonderwertung richtet sich an Führungskräfte aus dem oberen und mittleren Management“, erklärt Uwe Martin, Sprecher des Frankfurter Lauf-Veranstalters motion events GmbH.
Seit der Premiere vor vier Jahren habe sich der „Marathon Manager“ zu einer laufenden Erfolgsgeschichte entwickelt – und lockt mit einer exklusiven Marathonreise für die Gewinner jedes Jahr mehr Teilnehmer. Dieses Jahr zählt die Sonderwertung knapp 500 Meldungen. Insgesamt gehen Ende Oktober 15.000 Läufer bei Deutschlands ältestem City-Marathon an den Start.
Firmen-Marketing entdeckt den Laufsport für sich
BMW sponsort sowohl das Laufevent in Frankfurt wie auch an diesem Wochenende den Berlin-Marathon – mit welchen Beträgen, teilte das Unternehmen auf Anfrage nicht mit. Nachdem der Autobauer sein Engagement lange auf die Sportarten Motorsport, Golf und Segeln konzentriert hatte, entdeckte die Marketing-Abteilung den Laufsport für sich. „Laufen ist eine unglaublich sympathische Sportart“, teilt BMW mit. „Die Begeisterung für diesen Sport ist groß: über 16 Millionen Deutsche laufen regelmäßig.“
Befragungen zufolge sei jeder vierte BMW-Kunde aktiver Läufer. Nach Unternehmenssicht passen die Anforderungen im Laufsport sehr gut zu BMW: „Es geht bei der Marke BMW und beim Laufen um Effizienz, es geht um Einteilung der Kräfte, um Strategie und Willenskraft. Aber besonders die effiziente Nutzung von Ressourcen ist ein wichtiger gemeinsamer Aspekt.“
Folgt man dem PR-Sprech des Münchener Autobauers, überrascht es nicht, dass im Ausdauersport viele die Bestätigung finden, die ihnen im Berufsleben fehlt. Anforderungen wie Strategie, Willenskraft und Effizienz klingen aus dem Mund des Arbeitgebers wie hohle Floskeln, beim Marathon bekommt man ihr Resultat Schwarz auf Weiß mit der Urkunde oder gleich in die Medaille graviert. Aber auch wenn es gerne so propagiert wird, bei Personalentscheidungen dürfte der Marathon kaum als Zusatzqualifikation durchgehen. „Grundsätzlich ist es für jeden Arbeitgeber positiv, wenn Angestellte in ihrer Freizeit aktiv sind“, heißt es von BMW. Aber: „Neben sportlichen Aktivitäten gibt es viele andere Freizeitbeschäftigungen, die sich für einen Ausgleich des Berufsalltags eignen.“
Das meint auch Diehl. Gleichzeitig sieht der Langstreckenläufer die Analogien zwischen Ausdauersport und der Projekt-Arbeit bei der Bank. „Beides braucht Vorbereitung, Testläufe, dann der Wettkampf, die Nachbereitung“, so Diehl. „Und man lernt mit Niederlagen umzugehen.“ Der ambitionierte Hobby-Läufer muss den Spagat schaffen zwischen Arbeit und Training. Diehl trainiert mindestens sechs Mal pro Woche, mindestens 135 Kilometer wöchentlich und drillt sich zusätzlich beim Zirkeltraining.
Erfolg nur mit einem gesunden Körper
Nur Spaß macht das Laufen nicht. „Das wäre gelogen. Ein Wintertraining im Dunklen mit Kopflampe bei Minusgraden im Nieselregen macht keine Freude“, sagt Diehl. Und die Wettkämpfe seien immer hart, immer eine Grenzbelastung. Der Läufer muss kämpfen und äußerste Disziplin beweisen.
Trotzdem ist das Hobby Luxus. Die Vernetzung ist derart dramatisch, dass sich Privat- und Arbeitsleben vermischen. Auch außerhalb vom Büro kommen via Blackberry alle Mails in Direktzeit an, steht der Manager natürlich auch im Urlaub für die Telefonkonferenz zur Stelle. „Aber wenn ich laufe, habe ich kein Handy dabei“, freut sich Diehl. Dann hat er eineinhalb Stunden nur mit sich. „Es ist Luxus, sich einmal am Tag abzunabeln.“
Luxus, den er für unabdingbar hält, wenn man im Büro die maximale Leistung bringen will. In der jüngeren Manager-Generation wird Work-Live-Balance groß geschrieben – getreu dem Motto, nur wer privat zufrieden ist, kann beruflich alles geben. „Das ist wichtiger als noch in der Ackermann-Generation“, meint auch Diehl, der Fitnesswerte wie ein Leistungssportler aufweist, während andere nach Jahren Bürojob und -stress mit den Volkskrankheiten Rückenproblemen und Herz- und Kreislaufschwächen zu kämpfen haben. „Um langfristig erfolgreich zu sein, muss ich in einem gesunden Körper arbeiten.“
Doch für den positiven gesundheitlichen Effekt, muss es nicht der Marathon sein. „Ohne Frage wirkt sich Ausdauertraining positiv auf die Gesundheit aus“, sagt Dr. med. Albert Fromme vom Institut für Sportmedizin der Uni-Klinik Münster und verweist auf die typischen Bewegungsmangel-Erkrankungen wie Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes. „Aber ein Halbmarathon tut's auch, und es muss nicht unbedingt der Wettkampf sein.“ Bei zu hoher Trainingsintensität käme die Regeneration zu kurz, und wer beim Marathon mit zu viel Verbissenheit an den Start gehe, setze seinen Körper einer Extrembelastung aus. „Man sieht den Marathon kritischer als früher. Es gibt Untersuchungen, die nahelegen, dass es zu Veränderungen im Herz kommen kann“, sagt Fromme.
Vielleicht ist auch das ein Grund, warum für die breite Masse gerade der Halbmarathon über 21 Kilometer attraktiv ist. Insgesamt wächst die Zahl der Volksläufe – Strecken über 10, 21 oder 42 Kilometer – ebenso wie die Teilnehmerzahl laut dem Deutschen Leichtathletik-Verband unaufhaltsam. 2011 sind 2.088.338 Läufer bei 3.720 Veranstaltungen an den Start gegangen – doppelt so viele wie noch 1999.
Thomas Steffens, Sprecher der SCC Events GmbH, dem Veranstalter des Berlin-Marathons, sieht die zunehmende Zahl der Volksläufe über die lange Distanz kritisch: „Gut organisierte Läufe mit attraktiven Strecken und einem attraktiven Drumherum haben sicher keine Probleme, was die Nachfrage angeht. Es fragt sich jedoch, ob jede Kleinstadt auch einen Marathon braucht.“
Hätten Sie's gewusst? God save the Queen
Ein Marathon darf nicht bloß 42 Kilometer Strecke messen, die Läufer müssen sich über mindestens 42 Kilometer und 195 Meter quälen. Und so genau nimmt man es erst seit Olympia 1908 in London. Damals erwartete das Stadion die Olympioniken für ihren Zieleinlauf.
Den Start wünschte sich die Königsfamilie aber von ihrem Schloss Windsor aus sehen zu können und von dort bis zum Stadion waren es nun mal 42.195 Kilometer. Britische Läufer seufzen angeblich noch heute auf den letzten Metern „God save the Queen“.























