Kostenloser Kitabesuch führt nicht zu mehr Frauenerwerbstätigkeit

InterviewKostenloser Kitabesuch: "Familien kaufen sich lieber Zeit"

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Viele Eltern begrüßen es, wenn sie für die Kinderbetreuung keine Unsummen aufwenden müssen. Wie viel sie arbeiten, hängt davon aber nicht ab.

von Nora Schareika

Eine Studie untersucht, wie sich wegfallende Kitagebühren auf die Berufstätigkeit von Müttern auswirkt. Das Ergebnis überrascht.

WirtschaftsWoche: Frau Gathmann, bislang galt die Annahme: Günstige Betreuungsangebote für Kleinkinder tragen dazu bei, dass mehr Frauen arbeiten gehen. Sie haben das überprüft. Hatten Sie etwa Zweifel?
Christina Gathmann: Es ist ja ein dezidiertes Ziel der Politik gewesen, dass durch den Ausbau und das kostenlose Angebot der Kinderbetreuung mehr Frauen arbeiten gehen. Deshalb hat uns einfach interessiert, ob sich das bewahrheitet hat.

Was haben Sie herausgefunden?
Die Politik hat die Angebote für ältere Kinder auf jüngere ausgeweitet: Zuerst wurde in einigen westdeutschen Bundesländern das letzte Kindergartenjahr für die Fünf- und Sechsjährigen kostenlos. In manchen Bundesländern profitierten davon nach und nach dann auch die zwei- oder dreijährigen Kinder. Bei den älteren Kindern hatte es keinen Effekt auf die Erwerbstätigkeit der Mütter, wenn das letzte Kindergartenjahr kostenlos war. Der Gebührenerlass für jüngere Kinder hatte einen Effekt, aber nicht in Richtung Erwerbstätigkeit der Mütter.

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Bei den älteren Kindern gehen doch ohnehin fast alle in den Kindergarten. Warum hätte es da einen Effekt geben sollen?
Genau. Schon vor der Einführung des kostenlosen letzten Jahres gingen weit über 95 Prozent der Vorschulkinder in einen Kindergarten. Das heißt, die Politik hat an dieser Stelle einen Einkommenstransfer gemacht, indem Familien die Gebühren für den Kindergarten einsparen.

Zur Person

  • Christina Gathmann

    Christina Gathmann ist Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universität Heidelberg. Dort hält sie eine Professur für Arbeitsmarktökonomie und Neue Politische Ökonomik am Alfred-Weber-Institut. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Ökonomik des öffentlichen Sektors, Arbeitsmarktökonomie, Politikevaluation, Migration und Neue Politische Ökonomik. Die Studie "Free Daycare and Its Effects on Childrenand Their Families" wurde vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) veröffentlicht.

Inwiefern ist dieses erste Ergebnis dann erwähnenswert?
Aus politischer Sicht kann man nur feststellen, dass nicht mehr fünfjährige Kinder in den Kindergarten kommen werden, wenn schon fast alle da sind. Aus Sicht der Forschung kann man aber den Kontrast sehen, welchen Effekt kostenloser Kitabesuch bei jüngeren Kindern hat. Da gibt es schon eine erhebliche Reaktion der Eltern von zwei- bis dreijährigen Kindern.

Was genau haben Sie da beobachtet?
Besonders starke Effekte sehen wir bei einkommensschwachen Familien. Für diese ist die Erlassung der Kitagebühr im Vergleich zum Haushaltseinkommen ein bedeutender Posten. Aber auch da sehen wir keinen Effekt auf die Erwerbstätigkeit. Und das ist das Auffällige: Selbst wenn mehr Kinder in eine Kita gehen, gehen trotzdem nicht mehr Mütter arbeiten.

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Haben Sie versucht herauszufinden, warum diese Mütter trotz Betreuung nicht arbeiten gingen? Wollten sie nicht oder fanden sie keine adäquate Stelle?
Wir haben nicht nach den Gründen gefragt. Aber man sieht diese Effekte in allen Bundesländern mit kostenloser Kinderbetreuung. Daher vermute ich, dass die Erklärung nicht die ist, dass es keine Jobs gibt.

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