Krankschreibung: Was für und gegen eine Lockerung der Attestpflicht spricht

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Krankschreibung: Was für und gegen eine Lockerung der Attestpflicht spricht

Forscher fordern, die Regelung für das Krankschreiben zu lockern. Kritisiert wird das von Arbeitgebern, die ein Schlupfloch für Blaumacher fürchten. Das Für und Wider einer lockereren Attestpflicht.

Die Deutschen gehen sehr häufig zum Arzt – wie oft, da sind sich Experten nicht einig. Fest steht aber: Mit zehn bis 18 Arztbesuchen pro Jahr sitzen sie viel häufiger im Wartezimmer als die meisten ihrer West- und Mitteleuropäischen Nachbarn.

Um das zu ändern, fordern Wissenschaftler der Universität Magdeburg nun, die Attestpflicht für Beschäftigte zu lockern. Die Hypothese ihrer Studie, die Mittwoch veröffentlicht wird: Viele Patienten in Deutschland gehen unnötigerweise zum Arzt, um ihrem Arbeitgeber einen Krankenschein vorlegen zu können. Deswegen plädieren die Wissenschaftler, die Frist für Krankschreibungen von drei auf fünf Tage zu verlängern.

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Was spricht für diesen Vorschlag?

Zunächst einmal würde eine solche Lösung die Hausärzte entlasten, sagt Wolfram Herrmann, Leiter des Magdeburger Forschungsteams, im Gespräch mit der Welt am Sonntag. Die Wartezimmer wären nicht mehr gefüllt mit Menschen, die sich wegen einer einfachen Erkältung ein Attest besorgen müssen – und Ärzte könnten sich mit Patienten beschäftigen, die wirklich ihre Hilfe benötigen.

Außerdem könnten die Arbeitnehmer selbstbestimmter entscheiden, ob sie zur Arbeit gehen oder sich lieber vollständig auskurieren. Sie müssten sich am vierten Tag einer Krankheit nicht mehr zur Arbeit schleppen, nur um den Gang zum Arzt zu vermeiden.

Diese Berufe machen krank

  • Floristen

    Gemäß dem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse fallen Gärtner und Floristen durchschnittlich 20,3 Tage im Jahr krankheitsbedingt aus. Schuld daran ist die ungesunde Arbeitshaltung, die diese Berufsgruppen größtenteils einnehmen müssen. Wer den ganzen Tag kniet oder hockt, tut seinen Knien und seinem Rücken nichts Gutes. Laut Statistischem Bundesamt müssen Floristen und Gärtner ihren Beruf besonders häufig aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.

  • Metallbauer

    Im Schnitt fallen Metallbauer pro Jahr 20,7 Tage krankheitsbedingt aus. Und je älter, desto schlimmer wird es. Besonders häufig krank sind die 50- bis 64-Jährigen.

  • Krankenpfleger

    Patienten heben, waschen, tragen: Das geht auf Bandscheiben und Gelenke. Dementsprechend fallen Gesundheits- und Krankenpfleger an durchschnittlich 21,2 Tagen im Jahr aus. Krankenpfleger gehen auch häufig vorzeitig in den Ruhestand - und geben bei ihrem Renteneintritt meistens gesundheitliche Gründe an.

  • Berufskraftfahrer

    Am häufigsten krank sind Führer von Fahrzeugen und Transportgeräten mit 26,9 sowie Bus- und Straßenbahnfahrer mit 28 Krankentagen im Jahr. Meistens gehen sie aus gesundheitlichen Gründen früher in den Ruhestand.

Herrmann verweist daneben auf ein Vorbild aus Skandinavien: „Dass durch eine eigenständige Krankmeldung der Beschäftigten die Zahl der Fehltage nicht nach oben schnellt, zeigen Erfahrungen aus Norwegen."

In Norwegen dürfen sich Arbeitnehmer wie in Deutschland für bis zu drei Tage am Stück ohne ärztliche Bescheinigung selbst krankmelden. Doch in einem Großteil der norwegischen Unternehmen ist die selbstständige Krankmeldung sogar bei Ausfällen von bis zu acht Tagen am Stück und bis zu 24 Tagen im Jahr zulässig. Trotzdem ist die Zahl der Krankmeldungen dort seit langem rückläufig - deshalb sehen die Forscher das Land als Vorbild für Deutschland.

Doch während in Deutschland noch über das Für und Wider diskutiert wird, geht man in Norwegen schon einen Schritt weiter: Laut Studienleiter Wolfram Herrmann gibt es dort sogar schon Projekte mit der Möglichkeit, sich bis zu 365 Tage selbst krankzumelden. „So weit brauchen wir nicht zu gehen", gibt er zu. Für den Krankheitszeiträume von einer Woche empfiehlt Herrmann allerdings, das norwegische Modell in Form von Pilotprojekten in Deutschland zu probieren.

Und was spricht gegen den Vorschlag?

Arbeitgeberverbände sehen den Vorstoß der Wissenschaftler kritisch: „Die gesetzlichen Regelungen zu Krankschreibungen haben sich in Deutschland insgesamt bewährt. Sie führen nicht zu unnötigen Arztbesuchen“, heißt es in einer Stellungnahme der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände. Es sei sinnvoll, dass Arbeitgeber bereits früher eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verlangen dürfen, um möglichem Missbrauch entgegenwirken zu können.

Denn schon jetzt wird die selbstständige Krankmeldung von einigen Arbeitnehmern fürs Blaumachen genutzt – das sagt zumindest eine Studie von Geld.de, die Anfang Februar veröffentlicht wurde: Demnach planen 6,5% der Befragten,  ihren Arbeitgeber noch in diesem Winter durch eine vorgetäuschte Krankheit zu betrügen und krankzufeiern.  Etwa die Hälfte dieser Blaumacher will dafür die Drei-Tages-Frist nutzen, in der sie kein Attest vorlegen muss.  

Weiterer Negativpunkt: Krankheiten werden durch die Lockerung der Attestpflicht möglicherweise zu spät behandelt. Die Drei-Tages-Frist zwingt die Arbeitnehmer zum Arzt zu gehen und vermeintlich harmlose Infekte frühzeitig untersuchen zu lassen.

Das Bundesarbeitsministerium sieht zurzeit ebenfalls keine Notwendigkeit, die jetzige Regelung zu verändern: Sie sei „angezeigt, sinnvoll und nützlich“, sagte ein Sprecher der Bundesarbeitsministeriums. Die Deutschen müssen also weiterhin nach drei Tagen für das Attest zum Arzt – ob nötig oder nicht.

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