Langweilige Jobs: "Die Kassiererin hat Pech gehabt"

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InterviewLangweilige Jobs: "Die Kassiererin hat Pech gehabt"

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Haben sie einen monotonen Job und fühlen sich unterfordert? Die Gefahren beim Bore-Out.

von Kerstin Dämon

In vielen Jobs langweilen sich Mitarbeiter regelrecht zu Tode. Da hilft nur, sich spannendere Projekte zu suchen oder den Ausgleich im Privaten zu schaffen, sagt die Arbeitspsychologin Renate Rau.

WirtschaftsWoche: Was ist eigentlich schlimmer: Burn-out oder Bore-out?

Renate Rau: Das Phänomen Bore-out ist extrem selten. Wo das auftritt, muss genug Geld vorhanden sein, um Leute zu beschäftigen, aber keine Aufträge. In einer wirtschaftlich arbeitenden Organisation passiert so etwas nicht. Was es gibt, ist Fehlplanung: In einem Büro weiß der Mitarbeiter nicht, was er machen soll, in der anderen Abteilung arbeiten sich die Leute tot und würden gerne Arbeit abgeben.

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Okay, in der Regel haben alle genug zu tun. Aber es gibt doch trotzdem Jobs, in denen die Mitarbeiter eher unter- als überfordert sind...

Es gibt viele Arbeiten, die in der Praxis so schlecht gestaltet sind, dass sie qualitativ unterfordern. Und dann gibt es Arbeiten, die unterschiedliche Anforderungen stellen und Handlungsspielraum bieten. Trotzdem haben Menschen das Gefühl, langsam voran zu kommen, weil sie vielleicht viele Ideen haben, die sie nicht umsetzen können. Kurz gesagt, weil sie ihre Qualifikation nicht ausnutzen können.

Zur Person

  • Renate Rau

    Renate Rau ist Inhaberin des Lehrstuhls für Psychologie an der Martin-Luther-Universität Halle - Wittenberg. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Arbeits- und Organisationspsychologie.

Zum Beispiel?

Ich arbeite beispielsweise in einer öffentlichen Verwaltung, weil mir die Sicherheit des Jobs wichtig ist, aber ich störe mich an den für mich geringen Handlungsspielräumen, die mir die Bürokratie vorgibt. Dann kann man natürlich überlegen, ob es einem das Risiko wert ist, den sicheren Job für einen spannenden aufzugeben. Vermutlich wäre man anschließend sogar zufriedener. Wer den Job nicht aufgeben kann, muss versuchen, den langweiligen Job mit seiner Freizeit zu kompensieren.

Stress im Job Handeln statt Jammern

Egal ob Über- oder Unterforderung: Beides macht auf Dauer krank - wenn man es zulässt. Denn Stress und Druck sind vor allem das, was man aus einer Situation macht. Das Problem: Jammern ist bequemer als handeln.

Wer nur jammert, ändert nichts Quelle: Fotolia

Wenn ich mir aber vorstelle, dass jemand irgendwelche Technik überwacht, und weil selten etwas passiert, dies als sehr langweilig empfindet, kann man sich natürlich sagen: Das ist nur ein Job und ich schaffe mir einen Ausgleich in der Freizeit, in der ich viele andere Dinge zu tun habe und in der ich mich gut erholen kann.

Was unterscheidet einen langweiligen Job von einem, der die Angestellten unterfordert?

Diese nicht anregenden Jobs haben bestimmte Merkmale: Sie haben in der Regel weder zeitliche Handlungsspielräume noch Spielraum bezüglich ihrer Arbeitsweise. Man kann also nichts verändern und die Anforderungen sind nicht vielfältig, Mitarbeiter können also weder unterschiedliche Fähigkeiten noch Fertigkeiten einsetzen oder sie weiterentwickeln. Bei solchen langweiligen Jobs müsste man arbeitsgestalterisch seitens der Firma etwas machen, was den Mitarbeitern Handlungsspielräume gibt. So kann man verschiedene, auf mehrere Mitarbeiter verteilte Aufträge in eine Aufgabe zusammenfassen.

So stellen Sie fest, ob die Arbeitsqualität stimmt

  • Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten

    Können die Beschäftigten Einfluss auf die Arbeitsmenge nehmen?

    Ist es ihnen möglich, die Gestaltung ihrer Arbeitszeit zu beeinflussen?

    Können sie ihre Arbeit selbstständig planen?

     

    Quelle: Gute-Arbeit-Index 2015

  • Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten

    Bietet der Betrieb berufliche Weiterbildungsmöglichkeiten?

    Können die Beschäftigten eigene Ideen in ihre Arbeit einbringen? Ihr Wissen und Können weiterentwickeln?

    Haben Sie Aufstiegschancen?

  • Führungsqualität und Betriebskultur

    Gibt es Wertschätzung durch Vorgesetzte? Hilfe von Kolleginnen?

    Ein offenes Meinungsklima? Wird rechtzeitig informiert? Planen die Vorgesetzten gut?

    Wird Kollegialität gefördert?

  • Sinn der Arbeit

    Haben die Beschäftigten den Eindruck, dass sie mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten? Einen wichtigen Beitrag für den Betrieb?

    Identifizieren sie sich mit ihrer Arbeit?

  • Arbeitszeitlage

    Wird am Wochenende gearbeitet? In den Abendstunden? In der Nacht?

    Wird von den Beschäftigten erwartet, ständig für die Arbeit erreichbar zu sein?

    Leisten sie auch unbezahlte Arbeit für den Betrieb?

  • Soziale und emotionale Anforderungen

    Sind die Beschäftigten respektloser Behandlung ausgesetzt?

    Müssen sie ihre Gefühle bei der Arbeit verbergen?

    Kommt es zu Konflikten oder Streitigkeiten mit Kund/innen, Patient/innen, Klient/innen?

  • Körperliche Anforderungen

    Muss in ungünstigen Körperhaltungen gearbeitet werden? Bei Kälte, Nässe, Zugluft?

    Müssen die Beschäftigten körperlich schwer arbeiten?

    Sind sie bei der Arbeit Lärm ausgesetzt?

    Widersprüchliche Anforderungen und Arbeitsintensität?

    Gibt es Arbeitshetze? Unterbrechungen des Arbeitsflusses? Schwer zu vereinbarende Anforderungen?

    Werden alle arbeitswichtigen Informationen geliefert?

    Müssen Abstriche bei der Qualität der Arbeitsausführung gemacht werden?

  • Einkommen und Rente

    Wird die Arbeit leistungsgerecht bezahlt?

    Hat das Einkommen ein Niveau, dass sich davon leben lässt?

    Wird die Rente, die sich aus der Erwerbstätigkeit ergibt, später zum Leben reichen?

  • Betriebliche Sozialleistung

    Gibt es ausreichend Angebote zur Altersvorsorge im Betrieb?

    Werden Maßnahmen zur Gesundheitsförderung offeriert?

    Werden Sozialleistungen geboten, z.B. Kinderbetreuung, Fahrtkosten- oder Essenszuschüsse?

    Beschäftigungssicherheit / Berufliche Zukunftssicherung?

    Sind die Beschäftigten in Sorge, dass ihr Arbeitsplatz durch technische Veränderungen oder Umstrukturierungen überflüssig wird?

    Machen sie sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft? Um den Arbeitsplatz?

Inwiefern lassen sich denn Arbeiten zusammenlegen?
Beispiel Kassiererin: Früher war man Verkäuferin, hat kassiert, Regale eingeräumt und unter anderem auch noch Kunden beraten. Da hat niemand geschimpft, dass es ihm langweilig ist. Durch die extreme Arbeitsteilung hat man Arbeitsbedingungen geschaffen, die für alle drei Beteiligten – den Berater, den es oft so gar nicht mehr gibt, den extrem körperlich arbeitenden Einpacker und die Kassiererin – relativ schlecht sind.

Immer genau zu wissen, was zu tun ist, kann doch auch mal ganz angenehm sein...

Wer einen Handlungsspielraum hat, probiert auch mal andere Arbeitsweisen aus, testet was geht und was nicht und lernt quasi aus Versehen. Wer das nicht hat und immer das gleiche auf die gleiche Art tun muss, der erlebt oder erleidet Monotonie.

Heißt: Wenn die Kassiererin sich unterfordert fühlt, soll sie einfach mal ein paar Regale einräumen, um Abwechslung zu haben?

Bei einer Unterforderung würde ich zuerst mit dem Vorgesetzten sprechen. Wenn dieser nicht reagiert, kann eventuell der Betriebsrat helfen. Eine Unterforderung im Sinn sehr einseitiger Anforderungen bei hoher Arbeitsintensität könnte eine Gefährdung darstellen, welches in einer Gefährdungsbeurteilung geprüft werden kann. Macht weder der Vorgesetzte etwas noch gibt es einen Betriebsrat, könnte man zwar versuchen sich juristisch helfen zu lassen, dies wird aber kaum ein Arbeitnehmer tun.

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