Lebensarbeitszeitkonten: Wir brauchen die Work-Life-Integration

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Lebensarbeitszeitkonten: Wir brauchen die Work-Life-Integration

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Alle wollen Feierabend. Wenn es eine Lebensarbeitszeit gäbe, könnte man Arbeitszeiten individuell planen.

von Kerstin Dämon

Die Debatte um unser Arbeitsleben hat viele Facetten: Sollen wir acht Stunden pro Tag, oder 40 Stunden pro Woche arbeiten? Büro, Home-Office, Coworking? Warum wir letzten Endes Lebensarbeitszeitkonten brauchen.

Und jährlich grüßt das Murmeltier: Gefühlt einmal pro Jahr fordert eine der zahlreichen Gewerkschaften, dass die Arbeitsbelastung ihrer Mitglieder drastisch reduziert werden müsse. Zum zweiten Mal in Folge kommt die Forderung von der Chemie-Gewerkschaft IG BCE. Anlässlich des 125. Jahrestags des Bestehens forderte deren Chef Michael Vassiliadis die Drei-Tage-Woche für ältere Chemikanten. "Mit unserer Tarifpolitik sind wir in Vorleistung gegangen, jetzt muss der Staat seinen Beitrag leisten." Der Staat müsse Arbeitnehmern eine Teilrente anbieten, die die Unternehmen mit Teilzeit verknüpfen können. Gerade im Schichtsystem halte es sonst niemand bis zur Rente durch.

Die Büro- und Kopfarbeiter wollen dagegen volle Flexibilität. Ihr Kopf funktioniert schließlich zu Hause oder im Park genauso gut wie im stickigen Büro. Nebenher tobt noch – geführt von Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und den Arbeitnehmern daheim am Abendbrottisch – die Debatte, wie viele Stunden wir denn nun eigentlich arbeiten sollen. Acht pro Tag? Zehn? Jeder so viel er, sie oder der Vorgesetzte will? Maximal 40 Stunden pro Woche?

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Die Typologie der Arbeitnehmer: Wer wie lange arbeitet und wie viel verdient

  • Die Flexiblen

    Im Rahmen der Xing-Arbeitsmarktstudie wurden unterschiedliche Arbeitnehmer-Typen definiert und fünf relevante Segmente gebildet. Eine der Gruppen sind die "Flexiblen", also beispielsweise Teilzeitkräfte oder Projektarbeiter. Zu dieser Gruppe gehören überwiegend jüngere Frauen mit einer durchschnittlichen Ausbildung, einem meist festen Einkommen von unter 2.000 Euro (brutto), in deren Berufsfeld Home Office oft möglich ist. Ihre Arbeitszeit beträgt zwischen 30 und 40 Stunden in der Woche.

  • Die Wissensarbeiter

    Die Wissensarbeiter sind Befragte mit akademischem Abschluss, einem überdurchschnittlichen Verdienst von 3.000 Euro (brutto) und mehr, die in der Kreativwirtschaft, höheren Verwaltung oder Wissenschaft arbeiten. Die Arbeitszeit beträgt selten exakt 40 Stunden in der Woche.

  • Die Gehaltsoptimierer

    Die "Gehaltsoptimierer" sind überwiegend jüngere Männer mit Berufsausbildung, die selten nach Tarifvertrag beschäftigt sind und in den Bereichen Produktion, Finanzen oder Handel arbeiten. Ihre wöchentliche Arbeitszeit beträgt 40 Stunden oder mehr.

  • Die sozialen Berufe

    In den sozialen Berufen arbeiten Menschen mit Berufsausbildung und einem oft variablen Gehalt zwischen 2.000 und 3.000 Euro (brutto). Sie arbeiten in den Berufsfeldern Gesundheit, Soziales und Lehre und sind oft in Schichtarbeit tätig.

  • Die Blue Collar-Worker

    Blue Collar-Worker sind Arbeitnehmer mit Ausbildung, die oft nach Tarifvertrag beschäftigt sind und auf dem Bau, im KFZ- oder Gastgewerbe arbeiten. Viele von ihnen haben Kinder und arbeiten unter 40 Stunden in der Woche.

Hinzu kommt berufsbedingt Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) mit ihren Grünbuch Arbeit 4.0 und der Frage, wie wir in Zukunft arbeiten wollen und sollen und was die Digitalisierung mit uns, unseren Jobs und unserer Arbeitswelt macht. Über all dem kreist drohend der Begriff Work-Life-Balance.

Der Kompromiss muss her

Cristina Riesen, Europa-Chefin des virtuellen Notizbuchs Evernote, spricht in diesem Zusammenhang lieber von Work-Life-Integration. „Work-Life-Balance ist der falsche Ausdruck: Wieso sollten wir denn leben und arbeiten trennen?“ Auch die Balance sei nicht machbar: „Das Leben ist nicht ausgeglichen“, sagt sie. Berufstätige müssten sich von der Vorstellung verabschieden, den perfekten Spagat zwischen dem perfekten Job und dem perfekten Familienleben machen zu wollen. „Perfektion ist unrealistisch“, sagt sie. Unternehmen und Beschäftigte müssten bereit sein, Kompromisse zu finden.

Welche Arbeitszeitmodelle deutsche Unternehmen Familien anbieten

  • Teilzeit

    Die Teilzeit ist bei deutschen Firmen das beliebteste Arbeitszeitmodell, immerhin 79,2 % aller Unternehmen bieten sie ihren Angestellten an.

  • Individuelle Arbeitszeiten

    Das zweitbeliebteste Arbeitszeitmodell deutscher Unternehmen sind mit 72,8 % Individuelle Arbeitszeiten.

  • Flexible Tages- oder Wochenarbeitszeit

    Die Flexible Tages- oder Wochenarbeitszeit bieten 70,2 % der deutschen Unternehmen an.

  • Keine Arbeitszeitkontrolle

    46,2 % der Firmen führen keine Arbeitszeitkontrolle durch, wenn ihre Angestellten familienbedingt kürzer treten müssen.

  • Flexible Jahres- oder Lebensarbeitszeit

    Nur 28,3 % der deutschen Unternehmen räumen ihren Mitarbeitern eine Flexible Jahres- oder Lebensarbeitszeit ein.

  • Telearbeit

    Gerade einmal 21,9 % der deutschen Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern die Möglichkeit der Telearbeit an.

  • Jobsharing

    Mit 20,4 % ist das Arbeitszeitmodell des Jobsharings in Deutschland äußerst begrenzt.

  • Sabbaticals

    Ein Sabbatical kommt nur bei 16,1 % der deutschen Unternehmen als Arbeitszeitmodell in Frage.

Das Problem: Alle haben Recht. Dass Schichtarbeit nicht nur ungesund, sondern auf Dauer lebensverkürzend ist, ist nachgewiesen. Dass kein Mensch acht Stunden am Stück Top-Leistungen vollbringt, auch wenn er dazwischen für 30 Minuten in der Kantine sitzt, ist klar. Von zehn oder mehr Stunden braucht man deshalb eigentlich gar nicht zu reden.

Dass es der Performance schadet, wenn der Mitarbeiter mit 20 anderen auf engstem Raum zusammenarbeitet, ist ebenso bewiesen wie dass sich 60-Stunden-Wochen schlecht mit einem erfüllendem Familienleben vereinen lassen. Wer dagegen jeden Tag um zwölf Uhr mittags Feierabend macht, um sich den Rest des Tages vollumfänglich Haushalt und Kindern zu widmen, wird es nicht zum Vorstandsvorsitzenden eines Dax-30-Konzerns bringen, sondern eben nur zur Büroteilzeitkraft oder zum Supermarktkassierer. Wer dann noch vorzeitig aufhört zu arbeiten, der guckt bei den Altersbezügen in die Röhre.

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