Erster Eindruck: "Wer nicht sofort überzeugt, hat verloren"

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Macht des Moments: "Wer nicht in den ersten Sekunden überzeugt, hat verloren"

, aktualisiert 06. November 2017, 06:09 Uhr
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Der erste Eindruck ist mehr als wichtig. Er entscheidet auch im Job über den Erfolg. Wie man es richtig macht – und wie nicht.

Nebel wabert durch den Raum, Scheinwerfer flackern, 2000 Menschen stehen dicht gedrängt vor einer Musikbühne, sie klatschen und schreien und lachen und jubeln – so ist es immer, wenn Kölns berühmteste Castingshow startet: Linus’ Talentprobe.

Hier darf jeder, der singen will, auf die Bühne und sich vor Publikum beweisen. Zum Beispiel der junge Mann, der soeben die Bühne betritt. Unter seinem weißen T-Shirt mit V-Ausschnitt lässt sich ein durchtrainierter Oberkörper erahnen, er verzichtet auf die große Geste und legt gleich los: „Und wenn ein Lied meine Lippen verlässt …“ – es ist die Coverversion eines Songs von Xavier Naidoo. Die Kölner Kopie verzerrt das Gesicht, um die Ballade mimisch zu beglaubigen. Im Publikum verzerren sie ihre Gesichter, um ihrer Entgeisterung Ausdruck zu verleihen. Kurzum: Der erste Eindruck ist verpatzt.

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Kein Problem? Die Zuhörer wissen doch, dass der Sänger kein Profi ist? Ein paar schiefe Töne am Anfang werden sie ihm schon verzeihen? Von wegen. „Wer nicht in den ersten Sekunden überzeugt“, sagt Talentproben-Moderator Linus Büttgen, „hat schon verloren.“ Und das gilt nicht nur für die Bühne. Unser Gehirn ist auch dann aktiv, wenn wir es nicht wissen, ständig beobachtet, vergleicht und urteilt es. Die Macht des ersten Eindrucks, der schnellen Impression, ist daher größer als ein Vernunftwesen es von sich annehmen würde.

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Der Einfluss der Evolution

Der Auftritt im Büro zum Beispiel. Ob beim Bewerbungs- oder im Kundengespräch oder auch beim ersten Aufeinandertreffen mit neuen Geschäftspartnern: „Der erste Eindruck entscheidet stark darüber, wie erfolgreich ein Treffen wird“, sagt Inga Freienstein, Psychologin beim Cologne Career Center. Warum das so ist, hat der US-Sozialpsychologe Solomon Asch bereits 1946 herauszufinden versucht: „Wir schauen eine Person an und haben sofort einen bestimmten Eindruck ihres Charakters.“

Spätere Studien haben Aschs Beobachtung bestätigt. Der Saarbrücker Psychologe Ronald Henss etwa zeigte Studienteilnehmern Fotos von fremden Gesichtern und kam zu dem Schluss, dass seine Probanden schon nach 150 Millisekunden – der Dauer eines Lidschlags – sagen konnten, welches Alter die Person auf dem Foto hat, ob sie attraktiv erscheint und in welcher Stimmung sie ist. Und Wissenschaftler um Nicholas Rule von der Universität Toronto zeigten vor wenigen Monaten, dass sich im Gesicht sogar ablesen lässt, ob jemand arm oder reich ist.

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Michelle Dauthe-Kunz hat den Einfluss der fix einschätzenden Blicke schon oft zu spüren bekommen. Die 25-Jährige studiert Maschinenbau an der Rheinischen Fachhochschule und bereitet sich in einem metallverarbeitenden Betrieb in Österreich auf ihre Masterarbeit vor. Sie ist 1,58 Meter groß, hat strohblonde Haare und trägt gern elegante Blazer und Blusen. Und sie hat den Eindruck, dass viele Kommilitonen und Kollegen sie auf den ersten Blick falsch einschätzen. „Klein und blond – wie passt das zu Maschinenbau?“

Oberflächlich? Frauenfeindlich? Sicher. Doch aus evolutionsbiologischer Sicht sind Vorurteile durchaus sinnvoll. Sie basieren auf Erfahrungen und gehorchen einer alltagspraktischen Lebensklugheit. Sie folgen einer leitenden Norm und statten die Menschen mit Handlungssicherheit aus: Nicht auszudenken, man müsste sich auch der flüchtigsten Bekanntschaft ausführlich, abwägend und rundum vernünftig nähern.

Wenn aber der schnelle Eindruck ein prägendes Vorurteil ist – wie ließe er sich nutzen? Wenn vor allem die ersten Minuten eines Treffens entscheidend sind für die Gunst, die man sich entgegenbringt – wie kann ich diese Gunst beeinflussen? Ganz einfach: Wer positiv und sicher auftritt, wirkt sympathisch und glaubwürdig. Ist dieses Ersturteil einmal getroffen, nehmen Menschen vor allem jene Eindrücke wahr, die es bestätigen. Oder anders gesagt: Es ist sehr schwierig, ein vorgeprägtes Image zu verändern.

Bei Linus’ Talentprobe etwa dürfen die Laienkünstler je zwei Lieder zum Besten geben. Der junge Mann hat sich erneut für eine Ballade entschieden, für Lionel Ritchies „Hello“. Und dieses Mal wartet das Publikum nicht mal die ersten Takte ab. Es wird gepfiffen und gebuht, der Song geht unter – und der junge Mann wird von der Bühne geschrien.

Es ist der klassische Fall des umgekehrten Halo-Effekts, den auch Personaler gut kennen. Halo ist das englische Wort für den Heiligenschein, den man zum Beispiel Kollegen verpasst, die man einmal für sympathisch befunden hat. Man sieht dann nur noch die guten Seiten des Gegenübers – und das führt natürlich zu Trugschlüssen: Wer binnen weniger Sekunden seinen Kollegen abschätzt, kann nicht wissen, ob er auch tatsächlich kreativ, offen oder gewissenhaft ist.

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