Mobilität: Der Wahnsinn des Pendelns

Mobilität: Der Wahnsinn des Pendelns

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Leben zwischen Stau und Überholspur: Peter Körner, 49, pendelte als Telekom-Manager jahrelang aus der Nähe von Darmstadt nach Bonn.

von Jacqueline Goebel

Hamburg–Berlin, Köln–Frankfurt, Essen–Gütersloh: Millionen Deutsche fahren täglich stundenlang zur Arbeit. Den Staat kostet das Milliarden – und die Pendler gefährden Gesundheit und Karriere.

Jule Körber steht an Gleis 6 und hofft, dass ihr Trick wieder funktioniert. Wenn gleich der Regionalexpress Richtung Minden in den Bahnhof rumpelt, entscheidet sich binnen Sekunden, wer sitzen darf und wer stehen muss. Kurz vor halb acht, noch bevor der rote Doppeldecker zum Stehen kommt, schleicht Körber ans hintere Ende des von ihr gewählten Wagens. Als die graue Doppeltür aufgeht, lauert sie schon an der äußeren Seite. „Dort steigen weniger Menschen aus“, sagt sie. Und während innen noch die Massen aus dem Waggon auf den Bahnsteig quellen, hat sie längst ihren Platz ergattert.

Körber wohnt in Essen und arbeitet in Gütersloh. Jeden Morgen und jeden Abend fährt sie 130 Kilometer mit dem Regionalexpress und durchquert dabei fast das gesamte Ruhrgebiet. Mit ihrer Pendelstrecke käme sie in einem Jahr anderthalbmal um die Erde.

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Die 30-Jährige arbeitet als Texterin für ein Kundenmagazin der Bertelsmann-Tochter Arvato. Ende 2012 bekam sie die Zusage für den Job. Doch zur Freude über die neue Stelle kamen Fragen: Was wird aus meiner Essener WG und meinem Freund? Was mache ich abends allein in Ostwestfalen? Halte ich es aus, jeden Tag drei Stunden Bahn zu fahren? Und was sagen Chefs und Kollegen, wenn ich nicht nach Gütersloh ziehen möchte?

Körbers Antwort: Sie pendelt. Seit Anfang des Jahres klingelt der Wecker morgens um 6 Uhr, geduscht hat sie schon am Abend vorher. Obwohl der Weg zum Bahnhof nur fünf Minuten dauert, verlässt sie kurz nach sieben das Haus – „ich habe immer Angst, zu spät zu kommen“. Auf der Fahrt liest Körber – morgens Zeitung, abends Bücher. An die Arbeit denkt sie nicht, versucht, die Fahrzeit zur Freizeit zu machen. „Nur Schulklassen sind nervig“, sagt sie. „Da kann man nicht entspannen.“

Zurück in Essen ist sie abends nicht vor 20 Uhr. Sie setzt sich noch kurz zu ihren Mitbewohnern, kocht mit ihrem Freund, geht duschen, fällt ins Bett. Zeit für Sport, Kino, Freunde bleibt da kaum. Körbers Fazit nach neun Monaten Pendeln: „Wohnte ich allein, wäre ich schon längst umgezogen.“

Die zehn von Tagespendlern meistfrequentierten Bahnstrecken Deutschlands im Fernverkehr. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Die zehn von Tagespendlern meistfrequentierten Bahnstrecken Deutschlands im Fernverkehr.

(zum Vergrößern bitte anklicken)

226 Kilometer einfach

Mit Auto, S-Bahn oder Regionalbahn jeden Tag ein paar Kilometer zurückzulegen, um zum Job zu kommen – das tun Millionen Deutsche seit eh und je. Neu ist: Die Strecken, die sie dafür zwischen Wohnort und Arbeitsplatz zurücklegen, werden immer länger, oft sind es mehrere Hundert Kilometer. Einige nehmen die Tortur einmal pro Woche auf sich, andere gar täglich. Fragen sich dabei immer wieder: Kommt mein Zug pünktlich? Stehe ich wieder im Stau? Komme ich am Flughafen schnell genug durch die Sicherheitskontrolle?

Die Pendler von heute, sie haben Familie in Hamburg und arbeiten in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. Sie leben in Altbauwohnungen in Berlin-Mitte und verdienen ihren Lebensunterhalt in modernen Großraumbüros in Niedersachsen. Leben unter der Woche in einem Mini-Apartment in der Nähe des Arbeitgebers und sehen ihre Familie nur am Wochenende. Allein 400 VW-Mitarbeiter reisen täglich aus der Hauptstadt ins 226 Kilometer entfernte Wolfsburg, rund 160 Pendler legen die Strecke in die entgegengesetzte Richtung zurück.

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