
DüsseldorfVor dreieinhalb war die Schwimmerin Britta Steffens auf dem Zenit ihrer Karriere: zweimal Olympia-Gold in Peking, dazu Weltrekorde auf ihrer Spezialstrecke Freistil, die sie ein Jahr später bei der WM in Rom sogar noch übertreffen konnte. Dann der Abstieg: Bei den Weltmeisterschaften im Sommer sagte sie nach verpatzten Auftritten alle Starts ab. Steffens war gescheitert: an einem Formtief gepaart mit extremen Ehrgeiz, für den ihr – wie die Sportjournalisten attestierten – ein stabiles psychologisches Gerüst fehlte.
Ehrgeiz ist ein ambivalenter Antrieb. Er spornt Sportler, Manager oder Wissenschaftler zu Höchstleistungen an und lässt sie dann oft unsanft auf den Boden landen. Doch wie schaffen wir es, Ehrgeiz zu kanalisieren und ambitionierte Ziele ohne Bauchlandung zu verwirklichen?
Was ehrgeizige Menschen antreibt, weiß Andreas Frintrup. Der Eignungsdiagnostiker ist Geschäftsführer von S & F Personalpsychologie und entwickelt psychologische Personalauswahlverfahren. Ehrgeizige Kandidaten, sagt er, sind stolz auf ihre Leistungen; sie wollen die Besten sein und steigern ihre Leistungen im Wettbewerb mit anderen noch. Geht etwas schief, machen sie nicht die Umstände verantwortlich, sondern strengen sich mehr an und ändern ihr Verhalten.
Erfolg kann auch einengend sein
Das könnte auch eine Perspektive für die Schwimmerin Steffens sein, die sich schon oft freigeschwommen hat. „Wichtig ist, dass diese Leistungsmotivation mit fachlichen Qualifikationen und einer hohen Intelligenz zusammenkommt, die Probleme erkennt und nach Lösungen sucht,“ sagt Frintrup. Wer leistungsorientiert ist, muss sich Ziele setzen, die realistisch sind, aber über das Erreichte hinausgehen. „Ehrgeiz besteht aus Energie und der Entschlossenheit, etwas Außergewöhnliches zu erreichen“, sagt der Psychologe Dean Simonton von der University of California in Davis, der über Genialität forscht.
Auch Managerin Susan Levermann hat diesen inneren Kompass, der auf Erfolg ausgerichtet ist: „Ich wollte immer die Beste sein. Schon in der Schule habe ich um jede Note gekämpft“. Ihr Ehrgeiz hat die heute 37-Jährige weit gebracht. Nach einem VWL-Studium arbeitete sie bei der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank (DWS). Der interne Wettbewerb und der hohe Anspruch der DWS spornten sie zu Höchstleistungen an: 2008 wurde Susan Levermann mit dem Preis für den besten Deutschland-Aktienfonds des Jahres ausgezeichnet. Doch mit dem Triumph kam der Bruch: Levermann fühlte sich in dem engen Kosmos von Finanzen und Geldanlage nicht mehr wohl, fragt sich immer mehr nach dem Sinn ihrer Tätigkeit.
Denn Ehrgeiz braucht auch eine Richtung, die sich mit der eigenen Motivation deckt. Wer weiter für eine Sache brennen will und seine Leistungsfähigkeit erhalten will, muss in Einklang mit seinen Zielen leben. Oder wie Psychologe Simonton sagt: „Es kommt einfach darauf an, herauszufinden, wofür sich die inneren Antriebskräfte lohnen“.
Ehrgeiz ist als evolutionäres Programm im Menschen verankert
Susan Levermann weiß heute, wofür sie und „ihr Herz“, wie sie es nennt, wirklich stehen: Sie kündigte bei der DWS und heuerte nach einem Intermezzo als Lehrerin bei dem Non-Profit-Unternehmen Carbon Disclosure Project an, das Daten von Unternehmen über CO2-Emissionen, Klimarisiken und Strategien zum Klimaschutz sammelt und auswertet. Levermann ist auch im neuen Job ehrgeizig – aber jetzt bezogen auf Ziele, mit denen sie sich identifiziert. „Es geht darum, viele Unternehmen zu gewinnen, um nachhaltiges Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen“, sagt sie.
Auch Freiheitsdrang ist eine klassische Treibfeder für den Ehrgeiz. Ehrgeizige wollen oft etwas bewegen und sich nicht von einem engen Karriere-Korsett einengen lassen. So war es auch bei dem Schweizer Unternehmer Rolf Dobelli. „Ehrgeizig war ich eigentlich immer“, sagt er. Früh hat der heute 45-Jährige geschafft, was er wollte: Promotion mit 29, dann ein Job als Manager bei der Swissair. Doch irgendwann merkte er, dass seine Ambitionen ihn auf falsche Pfade geführt hatten. „Als Manager habe ich im falschen Tümpel gefischt“, sagt er. Das Führen in einer großen Organisation war nicht sein Ding. Es raubte zu viel Energie.
Rolf Dobelli entschied sich, sein eigener Herr zu werden. Er gründete get-Abstract, ein Onlineunternehmen für Buchzusammenfassungen, dessen Aufsichtsratsvorsitzender er heute noch ist – später wurde er Buchautor und erfüllt sich mit Zurich-Minds einen Traum, nämlich eine Art Salon zu initiieren, in dem sich Menschen aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft austauschen können. Und er hat gelernt: Ehrgeiz verändert sich mit fortschreitender Karriere. Heute ist er weniger „verbissen“ und besinnt sich auf das, was er kann und mag: „Der Ehrgeiz geht zurück und die Leidenschaft bleibt.“
Geltungsdrang und Machtstreben sind ein explosives Gemisch
Ehrgeiz ist als evolutionäres Programm im Menschen verankert. Vor allem bei den Männern geht es um Statusgewinn und Macht. Seit dem Aufstieg des Bürgertums im 18. Jahrhundert werden hochfliegende Ambitionen aber auch von Familie und Gesellschaft geweckt, sagt der Soziologe Sighard Neckel. Damals entstand das Credo, dass Leistung sich lohnt und Ehrgeiz und Anstrengung den Aufstieg bringen.
Heute scheint der Griff zu den Sternen sogar leichter als früher – wenn auch mit teils negativem Beigeschmack. Manche Systeme wie die Finanzbranche etwa ziehen ehrgeizige Abzocker mit riskantem Verhalten geradezu an: Seit kurzem steht der Zocker Kweku Adoboli vor Gericht, er soll die Schweizer Großbank UBS um zwei Milliarden Dollar ärmer gemacht haben.
Er ist Zwillingsbruder im Geiste des Börsenhändlers Jérôme Kerviel, der die französische Bank Société Générale um 4,9 Milliarden Euro brachte. Beide handelten mit komplexen, schwer zu kontrollierbaren Derivaten und beide waren vom Ehrgeiz zerfressen, ganz nach oben zu kommen. Kerviel, weil er sich aus einfachen Verhältnissen kam, und der Diplomatensohn Adoboli, weil er den Ansprüchen seiner Eltern gerecht werden wollte. Geltungsdrang und Machtstreben ohne soziales Verhalten sind ein explosives Gemisch. „Denn“, wie Eignungsdiagnostiker Frintrup lakonisch feststellt, „auch Kriminelle können ehrgeizig sein“.













