Ratgeber: Wie Einsteiger im Mittelstand aufsteigen

Ratgeber: Wie Einsteiger im Mittelstand aufsteigen

, aktualisiert 15. November 2011, 13:53 Uhr
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In der Rubrik „Karriere Tipp“ widmet sich Handelsblatt Online wöchentlich Themen rund um Beruf, Büro und Bewerbung.

von Vanessa DähnQuelle:Handelsblatt Online

Mehr als nur irgendeine Nummer sein: Einsteiger in mittelständischen Unternehmen kennen schon bald den ganzen Laden – und jeder kennt sie. Wer früh Verantwortung trägt, kann schnell erste Erfolge für sich verbuchen.

Köln„Zuerst habe ich es für abwegig gehalten, aber dann dachte ich, was soll’s, bewerben kann ich mich ja mal.“ Mit dem Anruf eines Headhunters 2009 ließ sich Stefan Ziegler auf ein längeres Bewerbungsverfahren ein, das ihm genug Zeit für ein paar Überlegungen gab. Was mag ich eigentlich so besonders an meinem derzeitigen Job? Sind die Mentalitätsunterschiede zu meinem französischen Arbeitgeber auf Dauer nicht zu groß? Wäre ich in einem deutschen, mittelständischen Unternehmen vielleicht besser aufgehoben?

Damals Bereichsleiter in einem großen französischen Industriekonzern, trug der promovierte Physiker Verantwortung für rund 60 Mitarbeiter. Dort fühlte Ziegler sich zwar grundsätzlich wohl, kannte aber auch die Nachteile. „Im mittleren Management kann es sehr stressig zugehen: ich hatte noch keine richtige Entscheidungsmacht, war aber verantwortlich, wenn Dinge aus dem Ruder liefen.“ Das Jobangebot der Firma Alanod, einem Aluminium-Veredler aus Ennepetal, schien Ziegler wie auf ihn zugeschnitten. Er wagte den Sprung - in den Mittelstand.

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Der Mittelstand hat ein Imageproblem. Denn in vielen Ohren hört er sich oft an wie „Mittelmaß“, während Großkonzerne nach Geld und Erfolg klingen. Ein weit verbreitetes Vorurteil, sagt Klaus Becker. Der Geschäftsführer der Becker Personal- und Managementberatung für den Mittelstand zählt die Vorteile auf: „Mittelständische Unternehmen zahlen zwar etwas niedrigere Einstiegsgehälter als Konzerne, aber das gleicht sich nach wenigen Jahren aus. Und die Aufgaben in einem mittelständischen Betrieb sind meistens von Anfang an vielfältiger, die Verantwortung größer.“

Fakt ist, das 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland kleine und mittelständische Betriebe sind. Der Mittelstand gilt als Motor der Wirtschaft: fast die Hälfte aller Umsätze werden hier erwirtschaftet und die meisten aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten verdienen hier ihren Lebensunterhalt. Berufseinsteiger, die es sich aussuchen können, entscheiden sich immer öfter für ein mittelständisches Unternehmen – und bereuen es nicht. Denn ein breites Verantwortungsspektrum und der Überblick über das Unternehmen ist ihnen wichtig.

Personalberater Becker sagt: „Wer einmal spürt, welch kreativer Geist im Mittelstand herrscht, möchte nie mehr in den Konzern zurück.“ Auch wenn er dafür ins Niemandsland ziehen oder erst mal eine Wochenendbeziehung in Kauf nehmen muss.

Auch Stefan Ziegler steht weiterhin voll zu seiner Entscheidung. „Alanod befindet sich stark im Wandel und ich habe hier die Möglichkeit, diese Veränderung mitzugestalten.“ Als Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung – einem elfköpfigen Team – habe er nicht nur den Auftrag Innovationen zu schaffen, er könne sie auch tatsächlich durchsetzen.  Und das in einem Umfeld motivierter Mitarbeiter. „Das ist nicht selbstverständlich. Außerdem gibt es viele Neuerungen, die ich angeregt habe, hinter die ich einen Haken machen kann. Das sind für mich Erfolge.“

Ähnliche Erfahrungen hat auch Personalberater Klaus Becker mit Job-Kandidaten aus Konzernen gemacht: „Wer in den Mittelstand wechselt, schätzt oft die Entscheidungsfreudigkeit dort, die Geschwindigkeit und Flexibilität.“


„Ich bringe meine PS auf die Straße“

Stefan Ziegler ist 36 Jahre alt und seit Mai 2010 bei Alanod. Das erste halbe Jahr habe er sich in die neue Thematik einarbeiten müssen. „Seitdem bringe ich meine PS auf die Straße und ich sehe, dass es sich lohnt.“ Der Wechsel vom Konzern zu einem mittelständischen Betrieb sei ein Abenteuer gewesen, das er bis jetzt erfolgreich bestanden habe. Übrigens nicht alleine: seine Familie im Schlepptau. Frau und Kinder blieben so lange in Aachen, bis das neue Zuhause in der Nähe von Ennepetal fertig war. Denn kaum im neuen Job, hatte Stefan Ziegler im Sommer 2010 eine Doppelhaushälfte gekauft, damals noch im Bau. Vor einigen Wochen – rechtzeitig zur Einschulung seines Sohnes – zogen die Zieglers ein. Stefan Ziegler zweifelt nicht an seiner beruflichen Zukunft: „Ich gehe davon aus, noch lange Zeit bei Alanod zu bleiben.“ Ankommen ist auch ein Erfolg.

Uwe Kaiser teilt noch das Schicksal der Wochenend-Pendler: jeden Freitagabend setzt er sich ins Auto und fährt 170 Kilometer nach Hause zu Frau und Sohn nach Remscheid. Montagmorgens dann wieder die gleiche Strecke zurück ins Büro nach Bielefeld. Doch er nimmt’s gelassen: „Ich kann nicht erwarten, direkt vor meiner Haustür einen Job zu finden, der mit so einer interessanten Aufgabe verbunden ist, wie ich ihn jetzt habe.“

Uwe Kaiser ist das, was man einen Überflieger nennt: schon in der Grundschule eine Klasse übersprungen, hat er später an der Uni nicht nur einen, sondern gleich zwei Studiengänge erfolgreich abgeschlossen. Ein Diplom in Maschinenbau, eins in Wirtschaft. Die Promotion über Produktionsmanagement und -Dienstleistung mit magna cum laude bestanden. Jetzt, mit 32, ist er Entwicklungsleiter beim Kompressoren- und Druckluftanlagenhersteller Boge in Bielefeld. Das bedeutet auch: Verantwortung für 50 Mitarbeiter, statt wie bisher als Leiter der Technischen Koordination für 20. Weil er jeden neuen Kollegen vorher kennenlernen wollte, hat er mit allen Einzelgespräche geführt, jeweils eine Stunde lang.

„Nach der Uni hat mich das eiskalt erwischt, plötzlich nicht mehr nur für mich selbst Verantwortung zu tragen. Wenn ich im Job eine falsche Entscheidung treffe, hat das auch für andere Konsequenzen – und nicht zuletzt auch finanzielle Folgen für das Unternehmen.“ Mit Verantwortung hat Uwe Kaiser gelernt umzugehen. Erfolgreich. Auch wenn nach wie vor seine Körpertemperatur kurz ins Wanken zu geraten scheint, wenn neue Aufgaben hinzukommen. Was ihm an seinem Job besonders gefällt: „Dass ich den Blick fürs große Ganze haben muss und dabei wirklich das Gefühl habe, ein Teil der Wertschöpfungskette zu sein.“

Vom Assistenten des ehemaligen Geschäftsführers hat er es in den letzten beiden Jahren schon weit gebracht. Damals begann er – anders als man von einem Einsteiger vielleicht erwartet – gleich mit Präsentationen. Die Woche über bereitete er Power Points vor, die er regelmäßig dem Chef vorführte. „Wenn ihm eine gefallen hat, hieß es: machen sie daraus mal eine komplette Präsentation.“ Das war dann jedes Mal ein Erfolg, findet Uwe Kaiser.

Die Uni hat ihm Spaß gemacht, genauso wie der Sport. Die Zeugnisse und Urkunden, die er dort bekam, verzeichnen ganz offensichtlich Erfolge. Im Job gehe es meistens etwas subtiler zu. Weil ein Lob einen aber nun mal freut, liest Uwe Kaiser – wenn möglich – auch zwischen den Zeilen: „Wenn sich Signale positiv auslegen lassen, tue ich das. Ansonsten verbuche ich jede neue Aufgabe für mich als Erfolg.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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