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Richtiges Netzwerken: „Carsten Maschmeyer ist kein Vorbild“

von Thorsten Giersch Quelle: Handelsblatt Online

Spätestens Carsten Maschmeyer hat erklärt, wie wichtig ein gutes Netzwerk ist. Der Coach Robert Spengler gibt wertvolle Ratschläge, wie Kommunikation funktioniert und erklärt, warum Maschmayer kein Vorbild ist.

Schauspielerin Veronica Ferres und ihr Lebensgefaehrte Carsten Maschmeyer. Quelle: dapd
Schauspielerin Veronica Ferres und ihr Lebensgefaehrte Carsten Maschmeyer. Quelle: dapd

Herr Spengler, kennen Sie keine unfreundlichen Menschen?
Ich erlebe die meisten Menschen freundlich und mir wohlgesonnen. Klar, habe ich auch Menschen kennengelernt, die auf mich unfreundlich wirken. Warum?

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Weil sie gleich im ersten Kapitel Ihres Buches „Menschen gewinnen“ behaupten, jeder Kontakt sei ein Gewinn. Ich kenne so manchen Menschen, den hätte ich lieber nicht kennengelernt.

Klar sind manche Begegnungen schwierig, das leugne ich nicht. Doch wir sollten nicht vergessen, dass wir auch und gerade aus negativen Erfahrungen lernen. Jeder Mensch, unabhängig von Intellekt und sozialem Status, ist mir in irgendeiner Sache überlegen.

Und was folgt daraus?

Vielleicht vermag der unfreundliche Mensch von nebenan Entscheidungen wesentlich sachlicher zu treffen als ich. Oder er verfügt über eine außergewöhnlich hohe Zielorientierung. Warum soll ich davon nicht profitieren? Dies kann ich nur, wenn ich neugierig auf die anderen bin. Dadurch ist am Ende jeder Kontakt ein Gewinn und alles andere als Zeitverschwendung.

Der AWD-Gründer Carsten Maschmeyer hatte vor kurzem in seinem Buch „Selfmade“ auf die enormen Vorteile eines Netzwerkes verwiesen. Inwiefern ist er ein Vorbild?

Carsten Maschmeyer ist gewiss ein sehr erfolgreicher Unternehmer - doch Vorbilder sehen für mich anders aus. Mir scheint, als wäre sein Netzwerken eher Profit orientiert. Für mich bedeutet Netzwerken in der Zeit des sozialen Netzwerken etwas ganz anderes: Es geht dabei um ein gegenseitiges Geben und Nehmen und genau das bezeichne ich als Menschengewinnen.

Sie verweisen darauf, dass jeder seinen persönlichen Kommunikationsstil finden soll. Wie klappt das?

Meinen Stil finde ich heraus, indem ich mein Verhalten reflektiere und mit dem Verhalten anderer Menschen vergleiche. Bin ich mehr extrovertiert oder mehr introvertiert? Treffe ich Entscheidungen aus der Logik oder aus dem Bauch heraus? Bin ich der Partylöwe oder eher der stille Beobachter? Alles ist erlaubt, solange ich mich dabei wohl und bei mir fühle.


Der perfekte Gesprächsbeginn

Was raten Sie stillen Menschen?

Wenn ich ein eher defensiv kommunizierender Typ bin, gewinne ich Menschen vielleicht gerade mit meiner Besonnenheit und meiner Zuverlässigkeit. Ich überlege, bevor ich drauflosquatsche und überzeuge mit Sachlichkeit ohne jede Theatralik. Seien wir also stolz auf unseren eigenen Kommunikationsstil und lernen wir ihn bestmöglich in die Gemeinschaft einzubringen.

Wie unterscheidet man einen geeigneten Anlass von einem unpassenden?

Ein Gesprächsanlass, mit dem ich etwas erzwingen will, ist immer ungeeignet. Nur wenn ich locker bleibe, komme ich bei meinem Gegenüber an.

Viele Menschen entwickeln – im Zweifel unterbewusst – Gründe, warum man einen anderen nicht ansprechen sollte. Was kann man gegen diese Schüchternheit tun?

Sehr viele Menschen sind Schmerzvermeider. Jemanden anzusprechen betrachten sie als Risiko. Die Angst abgelehnt zu werden ist gewaltig. Denn nichts schmerzt unserem Ego mehr als Ablehnung. Was kann ich dagegen tun? Ganz einfach: Wir sollten unsere unterbewusste  Programmierung von der Schmerzvermeidung bewusst auf Lustgewinn schalten. Wir müssen lernen in Chancen statt in Risiken zu denken.

Das größte Problem ist ja oft ein passender Einstiegssatz. Was funktioniert da?

Machen Sie’s nicht zu kompliziert – das ist das Wichtigste. Steigen Sie einfach mit etwas sehr Naheliegendem ein. Entgegen vieler anderer Ratgeber empfehle ich scheinbar banale Gesprächsthemen. Das kann z.B. das Wetter sein. Lieber mit dem Wetter beginnen, als sich tot zu stellen.

Und welche Sätze sollte man sich auf jeden Fall sparen?

 „Treffen sich zwei Blondinen, sagt die eine ….“ Spaß beiseite - Witze wirken oft niveaulos und verletzten oftmals andere Menschen und das gilt es in jedem Fall zu vermeiden. Pauschale Tabuthemen gibt es für mich aber nicht. Häufig lese ich, dass religiöse Anschauungen und Politik absolut tabu seien. Ich sehe dies anders.

Inwiefern?

Wenn es einen aktuellen Anlass gibt und der Stil sensibel genug ist. Waren am Wochenende Wahlen, kann ich sehr wohl darüber einen guten Einstieg finden. Warum sollte ich nicht sagen, dass mich der Auftritt der Bundeskanzlerin beeindruckt hat? Auf ein falsches Gleis gerate ich erst dann, wenn ich Fanatismus zeige.


Keine Langeweile verbreiten

Warum sollte man sich am Büffet auch mal zuerst nach Dessert nehmen?

Diese Idee ist entstanden, als ich mal keine Lust hatte, mich an der langen Schlange anzustellen und an der Schlacht am Büffet zu beteiligen. Die Erfahrung war super. Der Hauptnutzen dabei ist: Ich trainiere meine Flexibilität, Kreativität, meinen Mut. Und ich rolle meinen Gesprächspartnern den roten Teppich für ihren Gesprächseinstieg aus. Wenn ich die Rote Grütze löffle, während mein Tischnachbar sein erstes Stück Schnitzel schneidet, werde ich fast immer nach dem Grund meiner ungewöhnlichen Menüabfolge gefragt.

Was steckt hinter Ihrer Metapher: Vom Zucker allein wird der Kaffee nicht süß, rühren Sie um?

Der Zucker, das sind für mich unsere guten Vorsätze. Davon haben wir meist einen großen Vorrat. Das Umrühren ist die Analogie zum Umsetzen der Vorsätze. Ohne Umrühren bleibt der Kaffee bitterer Kaffee, ohne Umsetzen bleibt der Vorsatz ein Vorsatz und das ist auch bitter.

Sie raten dazu, oft über seine Lieblingsthemen zu sprechen, seine Leidenschaften. Aber birgt das nicht die Gefahr, sein Gegenüber rasch zu langweilen?

Keine Sorge! Über mein Thema zu sprechen ist wie ein Heimspiel. Da kenne ich mich aus, da kann ich aus dem Bauch heraus die anderen begeistern. Das sind handfeste Vorzüge, die ich nicht verschenken sollte. Allerdings muss ich bei jedem Thema darauf achten, dass ich einen Dialog führe und meinen Gesprächspartner einbeziehe. Ich kann Fragen stellen oder ganz einfach mal Pausen machen, die meinen Dialogpartner zum Reden motivieren.

Also nach Gemeinsamkeiten suchen?!

Ich muss nicht zwanghaft nach Gemeinsamkeiten suchen. Gemeinsamkeiten können sich auch entwickeln. Kürzlich hatte mir jemand so begeistert von seinen Laufrunden um den See erzählt, dass ich neugierig nachfragte. Ergebnis: Inzwischen habe ich selbst wieder mit dem Laufen begonnen.


Ein Gespräch höflich beenden

Viele Menschen wollen eigentlich aktiv zuhören, geraten aber doch immer wieder ins Plaudern. Wie verhindert man das?

Da muss ich schmunzeln, in die Quasselfalle tappe ich oft genug selbst. Diese zu umgehen ist für viele eine große Herausforderung. Die Lösung: Erstens sollte man immer den Dialog im Auge behalten! Zweitens gilt es die eigene Atmung bewusst wahrzunehmen. Dies geht nur, wenn ich – drittens - genügend Pausen mache. Vielplauderer haben eine sehr hohe Sprechgeschwindigkeit. Manche sind mit einem Tempo unterwegs, dass der Schritt zum Hyperventilieren nicht weit ist. Um dies zu vermeiden brauche ich die Pausen.

Wie viel Augenkontakt ist hilfreich – wann wird man aufdringlich?

Augenkontakt ist fast immer hilfreich. Außer ich reduziere meine gesamte Kommunikation auf das Wirkmittel Blickkontakt. Der Blick ist das stärkste körpersprachliche Ausdrucksmittel. Blickkontakt ist Macht. Entzug des Blickkontaktes ist Entzug des Wortes. Ein stechender oder starrer Blick kann sogar bedrohlich wirken. Nehme ich Worte hinzu, setze ich ein Lächeln ein, werde ich mit meinem Augenkontakt nie aufdringlich wirken.

Wie beende ich höflich ein Gespräch, das mich langweilt und das mir keinen Gewinn bringt?

Ausreden sind erlaubt, um andere Menschen nicht zu verletzen. Mein Standardtipp, dabei immer mit dem Namen beginnen: “Herr Gelbmüller, gerne würde ich mich noch mit Ihnen unterhalten, leider habe ich jetzt einen Termin.“ Den eigenen Namen hören wir sehr gerne und er ist Ausdruck von Wertschätzung. So eingesetzt, gelingt mir der höfliche Abgang.

Herr Spengler, vielen Dank für das Gespräch!

 

Bibliografie:

Robert Spengler

Menschengewinner

Ariston Verlag, München 2012

192 Seiten, 14,99 Euro

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