Schweden fordern kürzere Arbeitstage: Sechs Stunden arbeiten reicht!

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Schweden fordern kürzere Arbeitstage: Sechs Stunden arbeiten reicht!

von Ferdinand Knauß

Schwedens Linke wollen den Sechs-Stunden-Tag einführen, um Stress zu mindern und die Motivation zu steigern. Doch ist nur ein kurzer Arbeitstag auch ein guter Tag? Mitnichten, finden Zeitforscher.

Nur ein kurzer Arbeitstag ist ein guter Arbeitstag. Jahrzehntelang kämpften nach dieser Maxime die Gewerkschaften für die Reduzierung der Arbeitszeiten. Doch seit die IG-Metall in den 80er Jahren die 35-Stundenwoche durchgeboxt hat, ist es ruhig an dieser Tarif-Front. Zumindest in Deutschland stehen weitere Arbeitszeitverkürzungen nicht mehr ganz oben auf den Forderungslisten der Gewerkschaften – obwohl die meisten Beschäftigten in Deutschland de facto weit mehr als 35 Stunden pro Woche am Arbeitsplatz verbringen.

Aber das könnte sich bald ändern, wenn hierzulande Schule macht, was in Schweden gerade getestet wird. Der Stadtrat der zweitgrößten Stadt des Landes, Göteborg, hat unter Führung der Linkspartei (Vänsterpartiet) ein Pilotprojekt in Gang gesetzt, wonach städtische Angestellte nur noch sechs statt acht Stunden täglich arbeiten werden. Bei vollem Lohn sollen 20 bis 30 ausgewählte Angestellte zwei Stunden früher als ihre Kollegen nachhause gehen dürfen. Und Kommunalrat Mats Pilhem, der Urheber des Projekts, ist überzeugt, dass nach einem Jahr feststehen wird: „Wer kürzer arbeitet, arbeitet besser und effektiver“.

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Karl-Heinz Geißler, emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik und Deutschlands prominentester Zeitforscher, glaubt, dass aus dem Göteborger Versuch eine größere Bewegung werden dürfte – wenn er sich nicht als totaler Flop entpuppen sollte. Schließlich ist das Volksleiden am allgegenwärtigen „Stress“ eines der beherrschenden gesellschaftlichen Themen der Gegenwart. Den alten Kampf der Gewerkschaften für verkürzte Arbeitszeiten wieder aufzunehmen, mag da vielen Betroffenen als erfolgversprechende Lösung erscheinen.

Geißler glaubt im Gegensatz zu Pilhem allerdings nicht, dass Angestellte, die nur sechs statt acht Stunden täglich am Arbeitsplatz verbringen, „weniger gestresst und weniger müde sind“. Das Signal der Einführung des Sechs-Stunden-Tages könnte schließlich, so gibt er zu bedenken,  auch folgendermaßen ankommen: „Diese Arbeit ist so furchtbar unterjochend, dass man froh sein muss, ihr zwei Stunden früher zu entkommen.“ Motivationssteigernd und stressverhindernd ist solch eine Botschaft sicher nicht.

Gesellschaft Strebt nach eurem Werk!

Nicht die Erschöpfung sollte der Arbeit ihren Sinn verleihen, sondern der Werkstolz des Schöpfers. Ein Plädoyer gegen die Überhöhung von Arbeit und Umfeldern, in denen wir nur funktionieren sollen.

Geschafft: In einer U-Bahn-Station in Tokio. Quelle: dpa

Dass viele Menschen nicht unbedingt früher raus aus dem Betrieb wollen, haben zum Beispiel die Untersuchungen der amerikanischen Soziologin Arlie Hochschild gezeigt: Weil nämlich außerhalb des Betriebes auf sie möglicherweise ebenfalls Stress wartet. Vermutlich hat der außerberufliche Stress sogar mindestens im gleichen Maße zugenommen, wie der am Arbeitsplatz. Der Psychologe Stephan Grünewald, Gründer des Rheingold-Instituts und Autor von „Die erschöpfte Gesellschaft“ sieht in der „überprogrammierten Freizeit“ eine Hauptursache des allgemeinen Erschöpfungszustandes der Deutschen. Die Feierabendaktivitäten vieler Menschen stehen schließlich unter einem ähnlichen Perfektionszwang wie die Erwerbsarbeit: Die Tochter muss zum Ballett gebracht, der Körper muss im Fitnessstudio optimiert und die richtigen Konsumentscheidungen müssen getroffen werden. Und dann warten noch unzählige häusliche und sonstige Pflichten.

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9 Kommentare zu Schweden fordern kürzere Arbeitstage: Sechs Stunden arbeiten reicht!

  • Also ich bin absolut für kürzere Arbeitszeiten, schon allein deshalb, weil man sich während der Arbeit ständig selbstkasteien und auf andere Rücksicht nehmen muß.
    Das fängt damit an, daß für die Arbeit bestimmte Äußerlichkeiten (Kleidung, korrekt gekämmte Haare usw.) erwartet werden, statt daß man so herumlaufen kann, wie man möchte.
    Es geht weiter bei der Tatsache, daß man noch nicht mal in aller Ruhe (gerade bei "großen Geschäften") aufs Klo gehen kann, weil ja andere auch auf Toilette müssen und man sonst zu lange das das Klo besetzt (außerdem fühlen sich bei den Multi-Kabinen-Gemeinschaftstoiletten andere durch den Geruch belästigt), und letztendlich, sich acht Stunden durchgängig mit einer Sache zu beschäftigen, die einem angewiesen wird, ohne daß man zwischendurch auch mal Sachen machen kann, die einem selbst Spaß machen, nervt einfach.

    Da finde ich sechs Stunden "Augen zu und durch" eine gute Lösung.

  • Ich finde eine Verkürzung und Komprimierung der Arbeitszeiten eine sehr gute Idee. Ich denke aber, das es nicht für alle Berufe und Branchen die richtige Lösung ist. Bei allen Routine Tätigkeiten, deren Ergebnis nur gering von der Aufmerksamkeit und Konzentration des Mitarbeiters abhängen, wird eine Verkürzung der Arbeitszeit nicht viel bringen. Aber bei allen Tätigkeiten, in denen Aufmerksamkeit, Konzentration und Kreativität gefragt sind, wird eine Verkürzung viel bringen.
    Ich habe das umgekehrt am eigenen Leib erfahren, ich habe lange 25 Wochenstunden gearbeitet und wurde dann aufgrund von personellen Umstrukturierungen auf 34 Stunden in der Woche hoch gestuft. Mit dem Ergebniss, das ich nicht mehr in der Lage war, die ganze Zeit vollgas zu geben. Das habe ich vorher nämlich gemacht. Ich war ausgeschlafener, munterer und fitter und das wird auch anderen Menschen so gehen, wenn Sie motiviert sind und weniger Zeit arbeiten. Das Ganze hilft dann aber nur bei motivierten Mitarbeitern, weshalb der Ausgang der Studie auch von den Mitarbeitern abhängt und davon, ob sie eher Routinearbeiten erledigen müssen oder ob sie kreative Dinge zu tun haben.

    Noch ein Wort zum Vorkommentator. Auch wenn ich ihre Ansicht zum "Augen zu und durch" nicht teile und einfach empfehle, eine Stelle zu suchen, die ihnen auch teilweise Spass macht. In einer Hinsicht haben sie Recht: Die Firmen verschwenden viel zu viel Energie ihrer Mitarbeiter in sinnlose Zwänge wie unpassende Bekleidung. Wobei ich noch nicht einmal etwas gegen eine Corporate Identity habe, wenn sie nur flexibel genug gelebt wird, beispielsweise indem man verschiedene Sets an Dienstleidung anbietet: Vom Sweatshirt bis zum Hemd mit Kravatte. Sicher bin ich persönlich besonders empfindlich, aber alleine das Tragen von Hemd und Galgenstrick kostet mich eine Menge Energie. Ein Sweatshirt im Firmen Look sieht auch gut aus und sorgt dafür, das ich meine Energie auf die wichtigen Dinge konzentrieren kann.

  • Tja, das ist genau das Problem. Die Stelle, die mir Spaß machen würde, wäre eine, wo ich endergebnisorientiert Zuhause arbeiten könnte.
    Mit dem Nebeneffekt, der aber für mich die entscheidenden Punkte ausmacht, daß es niemanden stört, wenn ich am Vortag Knoblauch gegessen habe, wo ich genau dann wenn ich das Bedürfnis dazu habe, auch mal anderhalb Stunden auf der Toilette sitzen kann,
    wo es egal ist, ob ich im Jogginganzug oder vorschriftsmäßig gekleidet meine Arbeit mache und wo ich mir meine Arbeitszeit frei einteilen kann.

    So eine Stelle scheint es aber offensichtlich nicht zu geben.
    Wie gesagt, es geht für mich am wenigsten um Spaß oder nicht Spaß an der Arbeit, sondern um die persönlichen Einschränkungen, die die Arbeit mitsich bringt.
    Nicht zu vergessen der Zeitverlust bei acht-stündiger Arbeit, der bewirkt, daß viel zu wenig Zeit für eigene Interessen (z.B. der eigene Selbstversorger-Garten, Diskussionen in Internetforen, Computerspiele) bleibt. Da hilft es dann auch nicht, wenn die Arbeit noch so viel Spaß macht.

    Gegen Coorporate Identity hätte ich, was die Kleidung betrifft im Übrigen gar nichts. Im Gegenteil, bei mir ist manchen Leuten aufgestoßen, daß ich, sofern mir explizit und zwangsweise nichts anderes vorgeschrieben wird, ich eigentlich am liebsten immer abwechselnd in denselben zwei Lieblinghosen und drei, vier Oberteilen herumlaufe. Es scheint aber vielerorts erwartet zu werden, daß man sich regelmäßig in einem anderen Outfit präsentiert.
    Von daher, wenn ich ein Coorporate Outfit, bestehend aus einigen Kleidungsstücken, die ich akzeptiertermaßen immer wieder anziehen kann, bekäme, hätte ich da durchaus nichts dagegen.
    Gut, soweit wie bei UPS, daß die Fahrer dort keinen Bart haben dürfen, soweit ich mal gelesen habe, muß man es aber nicht treiben. Irgendwo hört der Einflußbereich der Firma auch mal auf, und es beginnt der persönliche Entfaltungsbereich des Individuums.

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