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Sexismus-Debatte: Der schmale Grat zwischen Flirt und Belästigung

von Daniel Rettig, Kristin Schmidt, Claudia Tödtmann und Silke Wettach

Wo hört der Witz auf und wo beginnt die sexuelle Belästigung? Wann wird eine Berührung zum Kündigungsgrund? Unternehmen überdenken die Zusammenarbeit von Männern und Frauen.

Mosche Katzav

Der frühere israelische Präsident wurde 2011 zu sieben Jahren Haft verurteilt. Das Gericht befand ihn für schuldig, eine ehemalige Mitarbeiterin vergewaltigt und zwei weitere belästigt zu haben

Bild: AP

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Es begann harmlos. Seit drei Jahren arbeitete Annabelle Neumann* bei einem Personaldienstleister. Ihre Aufgabe: neue Kunden finden und alte bei Laune halten. Ein klassischer Job im Vertrieb, bei dem – das war der 31-Jährigen durchaus klar – Dienstreisen genauso zum Tagesgeschäft gehörten wie Anspielungen, Schoten und Zoten.

Etwa die Bemerkungen eines externen Geschäftspartners: Immer wenn dieser zu beruflichen Besprechungen in sein Büro lud, wollte er vor seinen Kollegen mit flapsigen Sprüchen punkten. Sie sollten sich nicht wundern, so der 50-Jährige, wenn aus seinem Raum in den nächsten Minuten weibliches Stöhnen zu hören sei. Er werde vorsichtshalber mal die Tür schließen. Bald wurde der Mann auch bei Geschäftsessen aufdringlicher. Schrieb Neumann am Wochenende E-Mails, machte ihr Komplimente. Und gestand, dass er doch gerne mal ein paar ruhige Minuten mit ihr hätte. Ehefrau hin oder her.

Bis Annabelle Neumann den Mann aufforderte, vom hormonellen Gaspedal zu steigen und die Anspielungen sein zu lassen. Und tatsächlich: Er hielt sich daran.

Warnung von Kolleginnen

Bei Veronica Köhler* blieb es nicht bei verbalen Obszönitäten: Die damals 21-Jährige absolvierte ein Praktikum bei einer Krankenversicherung. Alle paar Tage wechselte sie das Team, um das Unternehmen kennenzulernen. Auch eine Station beim Betriebsarzt stand auf dem Programm. Im Vorfeld hatten Kolleginnen sie gewarnt. Der Mediziner sei bekannt „für seine derben Anmachsprüche gegenüber Frauen“. Sie sollten recht behalten.

An ihrem ersten Tag musste Köhler Excel-Tabellen anlegen. Doch dem Arzt arbeitete sie angeblich zu langsam. Er setzte sich dicht neben die Studentin und legte seine Hand auf ihre. Führte mit ihr gemeinsam die Maus, minutenlang, bis er ihr alles erklärt hatte. Dann ließ er los.

Als Praktikantin einen Abteilungsleiter in die Schranken weisen?

Wenn Veronica Köhler sich heute an diesen Moment erinnert, empfindet sie ihn immer noch als „ekelhaft“. Trotzdem schwieg sie und ließ die Berührung über sich ergehen. „Ich fühlte mich total überrumpelt und wusste nicht, wie ich reagieren sollte“, sagt sie. Als Praktikantin einen Abteilungsleiter in die Schranken zu weisen? Das traute sie sich damals nicht zu. Heute würde sie anders reagieren.

Wohl auch, weil sie sich durch die neu entbrannte Diskussion um sexistische Übergriffe ermutigt fühlen könnte. Angestellte in Kantinen, Freunde an Stammtischen und Paare am Esstisch kennen seit knapp zwei Wochen nur noch ein Thema: FDP-Politiker Rainer Brüderle und sein „Dirndl-Gate“. Auf gerade mal 52 Zeilen schilderte die „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich ein Treffen mit dem Politiker an einer Hotelbar in Stuttgart. Doch diese Zeilen reichten, um Brüderle als alten Lustmolch dastehen zu lassen. Er habe nach einem Blick auf ihre Brüste diagnostiziert, damit könne sie „ein Dirndl auch ausfüllen“.

Sexuelle Belästigung

Nun lässt sich über das Verhalten von Himmelreich durchaus streiten. Ist es wirklich angebracht, einen 66-Jährigen nachts an einer Hotelbar zu fragen, „wie er es findet, im fortgeschrittenen Alter zum Hoffnungsträger aufzusteigen“? Mindestens ebenso diskutabel ist das Verhalten Brüderles. Der erfahrene Politiker hätte wissen müssen, dass er mit seinen Anspielungen zumindest ein verbales Eigentor schießt.

Dass aus dem nächtlichen Stelldichein eine landesweite Grundsatzdebatte über das angemessene Verhalten zwischen Männern und Frauen wurde, lag auch an Anne Wizorek. Die 31-jährige freiberufliche Beraterin hatte unter dem Stichwort „Aufschrei“ eine Twitter-Debatte gestartet. Seitdem erzählen Tausende Frauen von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung – viele davon passierten am Arbeitsplatz.

Ein Sexismus-Problem?

Hier könne man „prima in Ruhe eine Nummer schieben“, zitiert „Ichhebgleichab“ ihren Chef von einer Besichtigungstour durchs neue Firmenarchiv. „Fraufeli“ beschrieb, wie ihr der Ex-Chef „mit dem Finger über den Nacken strich“. Seine Begründung: „Na, na, Ihre Kette ist ja ganz verdreht.“ Und Ex-Microsoft-Managerin Anke Domscheit-Berg erinnert sich an einen Vorgesetzten, „der mir riet, nimm das Wort Frau ein Jahr lang nicht in den Mund, dann klappt’s auch mit der Beförderung“.

Haben Deutschlands Unternehmen ein Sexismus-Problem? Eine Befragung des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Bielefeld unter rund 10.000 Frauen im Alter von 16 bis 85 könnte den Eindruck entstehen lassen. Das Ergebnis: Etwa jede fünfte Frau hatte mindestens einmal sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, in der Schule oder während der Ausbildung erlebt – überwiegend durch Männer.

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