Silicon Valley: Das Start-Up-Paradies kämpft mit Ungleichheit

Silicon Valley: Das Start-Up-Paradies kämpft mit Ungleichheit

Die Wirtschaft im Silicon Valley boomt, die Anzahl der Arbeitsplätz steigt. Doch hinter den Kulissen hat die Region große Probleme: Ungleichheit, Gehaltsdifferenzen und ein schwindendes Rückgrat.

IT- und High-Tech-Metropole, Start-Up Paradies und Heimat vieler international bedeutender Unternehmen. Das ist das Bild, das die meisten Menschen vom Silicon Valley haben. Erst kürzlich hat die Recherche-Organisation Joint Venture Silicon Valley in einem neuen Report die boomende „Valley-Wirtschaft“ gelobt, den nun auch das US-Portal "Wired" thematisiert.

Tatsächlich gibt es viele Errungenschaften: Die Zunahme an neuen Arbeitsplätzen im Tal, die komfortable Atmosphäre für Unternehmen und die steigende Anzahl an Patent-Anfragen, die aus der Region kommen: selbstfahrende Autos, Internetbrillen und Drohnen. Die Region sei wirtschaftlich stark, hieß es in dem Report, und habe Zukunftspotential.

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Doch das Tal ist eigentlich eine rückständige Region. Denn so sehr die Technologie-Branche im Westen Kaliforniens das 21. Jahrhundert prägt, so stark ist sie im 20. Jahrhundert gefangen. Vor allem für diejenigen, die sich für mehr Gleichheit zwischen Geschlechtern, Ethnien und sozialen Klassen einsetzen, ist der Report eher beunruhigend als ein Loblied – das haben mittlerweile auch die Forscher selber erkannt.

„Das Wachstum im Valley ist groß, aber ungleich verteilt“, meint Russell Hancock, Präsident und Gründer von Joint Venture Silicon Valley. Ein Blick auf die herausragenden Persönlichkeiten des Tals beweist diese These: Schwarze CEOs sind Mangelware, Frauen in Führungspositionen ebenfalls eher eine Seltenheit und der Altersschnitt der Valley-Bosse ist jung.

„Obwohl sich sowohl Hochlohn- aus auch Niedriglohnjobs stark vermehren, verlieren wir zunehmend die Mittelklasse. Es ist, als habe die Wirtschaft im Tal ihr Rückgrat verloren. Und das hat bedeutende Auswirkungen auf die Art und Weise, wie das Valley arbeitet und funktioniert“, erklärt Hancock die Auswirkungen dieses Trends.

Allein 2014 wurden 58.000 neue Jobs im Silicon Valley geschaffen, gut vier Prozent mehr als das Jahr davor. Die weltweite Zunahme an Arbeitsplätzen, zum Vergleich, lag nur bei 1,8 Prozent. Und trotzdem: Während die Anzahl an Jobs in der Region steigt, vergrößert sich auch die Einkommensschere zwischen Niedriglohnjobs und Jobs mit hohen Einkommen – 2014 lag die Differenz sogar bei 92.000 US-Dollar.

Zum Vergleich: In anderen Regionen waren es nur gut 70.000 US-Dollar Unterschied. Gleichzeitig ging die Anzahl der klassischen „Mittelklasse-Jobs“, also Arbeitsplätzen mit mittlerem Einkommen, seit 2001 um 4,5 Prozent zurück.

Der Report hebt auch die Unterschiede zwischen Geschlechtern und ethnischer Herkunft hervor: Männer verdienen bis zu 61 Prozent mehr als ihre weiblichen Kollegen – sofern es sie denn gibt. Eine Gehaltsunterschied, der höher ist als im Rest San Franciscos, höher als in ganz Kalifornien, sogar höher als in den gesamten Vereinigten Staaten.

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  • 93 Prozent

    ... aller Führungskräfte sind männlich

  • 66 Prozent

    ... haben bereits ein Digital-Startup aufgebaut

  • 48 Prozent

    ... haben keine längere Auslandserfahrung

  • 30 Prozent

    ... haben schon mehrere Digitalunternehmen gegründet

  • 20 Prozent

    ... haben bei Managementberatungen gearbeitet

  • 19 Prozent

    ... haben mehr als 15 Jahre Berufserfahrung

Gleiches gilt für schwarze Angestellte und Latinos. Selbst Branchenkenner müssen lange überlegen, bevor sie einen schwarzen CEO nennen können. Und laut Report verdienen weiße Angestellte, die als bestverdienende Angestelltengruppe gelten, zwischen 40.000 und 44.000 US-Dollar mehr als schwarze Mitarbeiter und Latinos, die am schlechtesten verdienende Arbeitergruppe im Valley. Damit ist die Ungleichheit bezogen auf die ethnische Herkunft im Silicon Valley deutlich höher als im Rest der USA, wo weiße Arbeiter nur rund 18.000 US-Dollar mehr verdienen.

Der stereotypische Silicon-Valley-CEO ist damit weiß, männlich und jung. Die Zahlen sprechen für sich: Für Twitter arbeiten 70 Prozent Männer und 30 Prozent Frauen, nur ein wenig besser sieht es bei Firmen wie Google und Facebook aus: In der Regel sind immer gut zwei Drittel männlich. Nur etwa jeder dritte Arbeitnehmer in diesen Firmen gehört einer anderen Ethnie an, die meisten davon sind asiatischer Abstammung. Bei Schwarzen und Latinos liegt der Anteil nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

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Für Elise Gould, Wirtschaftswissenschaftlerin am Institut für Wirtschaftspolitik, ist vor allem die Gehaltsveränderungen im Silicon Valley beunruhigend. Schaue man sich die Zahlen zwischen 2007 und 2013 an, sehe man, dass schwarze Bewohner des Valleys seit 2007 Gehaltskürzungen von bis zu 21 Prozent hinnehmen mussten, verglichen mit einem Rückgang von nur 4,9 Prozent in derselben Bevölkerungsgruppe im Rest des Landes.

Auch Latinos sind davon betroffen. Seit 2007 sind ihre Gehälter im Silicon Valley um rund 12 Prozent gesunken, im Rest der USA nur um 7,5 Prozent. Damit nicht genug: Weiße Angestellte konnten ihre Löhne dagegen um 0,2 Prozent steigern – die Gehaltsdifferenzen steigen.

„Die Erkenntnis, dass der Einkommensverlust für Schwarze und Latinos im Valley größer ist, als im Rest der USA, ist erschreckend“, meint Elise Gould. „Die Unterschiede zwischen ethischen Gruppen scheinen in dieser Region sehr viel stärker zu wachsen, als normal.“

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Quelle: Presse

Eine mögliche Lösung für dieses Problem wäre es laut Gould, den Niedriglohn-Angestellten die Organisation in Gewerkschaften und Gemeinschaften zu erleichtern, um ihre Löhne kollektiv zu verhandeln.

Die Ungleichheit zu verringern sei essentiell, um das Wirtschaftswachstum im Silicon Valley dauerhaft aufrecht zu erhalten. Doch es ist einfach, 4,1 Prozent mehr Arbeitsplätze zu feiern und sich auf 7,3 Milliarden Dollar Venture Capital Investitionen auszuruhen. Schwieriger ist es zu akzeptieren, dass das Durchschnittseinkommen im Valley noch immer niedriger ist, als vor der großen Rezession. „Das hat Auswirkungen nicht nur auf die Leute, die im Silicon Valley leben, sondern auch auf die vielen Unternehmen, die dort angesiedelt sind“, betont Gould.

Kurz und gut: Es muss sich etwas ändern im „Tal der jungen weißen Männer“.

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