Immer im Einsatz: Arbeiten trotz Krankheit

So arbeitet Deutschland: 71 Prozent gehen krank zur Arbeit

Aus Pflichtbewusstsein arbeitet der Durchschnittsdeutsche auch, wenn er krank ist. Irgendwer muss die Arbeit ja erledigen. Dabei wollen die Deutschen eigentlich anders arbeiten.

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71 Prozent arbeiten im Krankheitsfall – obwohl es der Chef nicht erwartet.

Arbeit ist kein Wunschkonzert. Trotzdem hat die Personalberatung SThree bei mehr als 1100 berufstätigen Deutschen nachgefragt, wie sie gerne arbeiten würden. Und wie sie tatsächlich arbeiten. Wenig überraschend klafft eine Lücke zwischen Wunsch und Realität. So würden sich 73 Prozent der Befragten gerne frei einteilen, wann und so sie arbeiten: nachts, am Wochenende, von neun bis fünf. Doch nur 34 Prozent können tatsächlich frei über ihre Arbeitszeit verfügen. Bei allen anderen bestimmen Chef und Stechuhr, wer wann wo wie viel arbeitet.

„Letztlich muss natürlich immer abgewogen werden, in welchen Branchen und Tätigkeiten eine zu hundertprozentig flexible Arbeitszeit sinnvoll und realisierbar ist“, räumt Luuk Houtepen, Director Business Development bei SThree ein. Ein Unfallchirurg sollte im OP stehen, wenn er da gebraucht wird und nicht, wann es ihm am besten passt. Aber gerade bei Bürojobs wäre mehr Flexibilität möglich.

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Gleiches gilt für das Arbeiten im Home-Office, was sich 39 Prozent wünschen. Tatsächlich nutzen können allerdings nur zwölf Prozent diese Möglichkeit. „Die Wunscharbeitswelt der Menschen in Deutschland verdeutlicht: Immer weniger haben Lust auf eine Präsenzkultur“, interpretiert Houtepen die Umfrageergebnisse.

Überstunden, Unterforderung, wenig Flexibilität: So arbeitet Deutschland 2017

  • Flexibilität

    34 Prozent können sich die Arbeit frei einteilen.

    Quelle: Deutschland-Umfrage der Personalberatung SThree.

  • Home-Office

    12 Prozent der Arbeit wird im Home-Office erledigt.

  • Übertriebenes Pflichtbewusstsein

    71 Prozent arbeiten trotz Krankheit (42 Prozent, weil sie sagen, dass ihre Arbeit sonst nicht machbar wäre, 31 Prozent aus Eigenmotivation).

  • Überstunden

    53 Prozent arbeiten häufig länger, um alle Aufgaben erledigen zu können.

  • Boreout

    33 Prozent sehen bei sich oder Kollegen das Risiko dauerhafter Unterforderung.

Tatsächlich ist aber noch Präsenzkultur angesagt - und die auch über das vertraglich Vereinbarte hinausgehend. "Für 53 Prozent aller Befragten ist es selbstverständlich, Überstunden – respektive Extrastunden bei Freiberuflern – zu leisten, um alle Projekte zu erledigen“, so Houtepen. Auch wenn es bei der Arbeit mal ruhiger zugeht, suchen sich 65 Prozent weitere Aufgaben und 20 Prozent fordern von ihren Vorgesetzten zusätzliche ein.

Selbst wenn die Befragten krank sind, kommen sie zur Arbeit. Ganze 71 Prozent schleppen sich mit einer Erkältung, Rückenschmerzen oder sonstigen Krankheiten ins Büro, beziehungsweise bleiben im Home-Office, um die Kollegen nicht anzustecken. Denn dass sie das tun würden, ist den Befragten bewusst.

Diese Berufsgruppen gehen krank zur Arbeit

  • Mediziner und Pfeger

    Eine Befragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes unter 4600 Arbeitnehmern zeigt: 60 Prozent der Angestellten aus dem Sektor „Medizinische Gesundheitsberufe“ – also Ärzte, Pfleger, Arzthelfer, Physiotherapeuten & Co. – gehen krank zur Arbeit. Mindestens eine Woche lang verteilen sie ihre Viren und Bazillen an ihre Patienten, bevor sie zuhause bleiben.

  • Gebäudetechniker und Co.

    55 Prozent der Gebäudetechniker waren mindestens eine Woche krank arbeiten.

  • Lageristen und Logistiker

    In dieser Berufsgruppe waren 54 Prozent der Befragten mindestens eine Woche trotz Krankheit am Arbeitsplatz.

  • Lehrer und Ausbilder

    Im Bereich der lehrenden Berufe erschienen immerhin 53 Prozent auch krank mindestens eine Woche am Arbeitsplatz.

  • Medizintechniker und Nagelpfleger

    53 Prozent der Vertreter der nichtmedizinischen Gesundheitsberufe waren mindestens eine Woche lang krank arbeiten.

  • Anwälte und Verwaltungsangestellte

    Trotz Krankheit arbeiteten 52 Prozent der Befragten dieser Berufsgruppe trotz Krankheit.

  • Security und Soldaten

    51 Prozent der Angestellten aus Militär und Überwachung waren mindestens eine Woche krank im Büro.

  • Förster und Gärtner

    Aus dieser Berufsgruppe gaben 51 Prozent an trotz Krankheit auf der Arbeit gewesen zu sein.

  • Anlagenmechaniker und Co.

    51 Prozent der Befragten aus den Metallberufen gaben an krank arbeiten gewesen zu sein.

  • Erzieher und Hauswirte

    Exakt die Hälft der Befragten gaben an, mindestens eine Woche krank zur Arbeit gegangen zu sein.

  • Verkäufer

    49 Prozent der Verkäufer erschienen krank zur Arbeit - und gefährdeten damit auch die Gesundheit ihrer Kunden.

  • Finanzdienstleister und Steuerberater

    49 Prozent der Befragten erschienen im vergangenen Jahr krank im Büro.

  • Reinigungskräfte

    48 Prozent der befragten Reinigungskräfte gaben an, mindestens eine Woche krank gearbeitet zu haben.

  • Biologen, Mathematiker und Physiker

    47 Prozent der Befragten aus dieser Berufsgruppe gaben an, krank zur Arbeit erschienen zu sein.

  • Durchschnitt

    Durchschnittlich 47 Prozent aller Befragten waren mindestens eine Woche krank arbeiten.

  • Bäcker, Metzger und Co.

    46 Prozent der Befragten aus der Lebensmittelbranche waren im vergangenen Jahr mindestens eine Woche lang krank arbeiten.

  • Architekten und Bauarbeiter

    44 Prozent der befragten aus dieser Berufsgruppe gaben an, mehr als eine Woche krank arbeiten gewesen zu sein.

  • Vertriebler und Händler

    47 Prozent der Befragten waren im vergangenen Jahr mindestens eine Woche lang krank auf der Arbeit.

  • Andere Dienstleistungsberufe

    44 Prozent der Angestellten anderer Dienstleistungsberufe erschienen krank auf der Arbeit.

  • Konstrukteure und Co.

    43 Prozent der Befragten dieser Berufsgruppe waren in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine Woche trotz Krankheit arbeiten.

  • Unternehmensleitung

    43 Prozent der Leiter von Unternehmen waren krank arbeiten.

  • Elektroniker und Mechaniker

    42 Prozent der Befragten dieser Berufsgruppe erschienen krank auf der Arbeit.

  • Maschinenbauer

    von den Befragten gaben 41 Prozent an, mindestens eine Woche krank arbeiten gewesen zu sein.

  • Berufe in der Rohstoffgewinnung und -verarbeitung

    Aus dieser Berufsgruppe gaben 41 Prozent an, in den vergangenen 12 Monaten mindestens eine Woche krank auf der Arbeit gewesen zu sein.

  • Hotelfachleute und Gastronomen

    39 Prozent der Befragten gaben an mindestens eine Woche lang krank gearbeitet zu haben.

  • LKW-Fahrer und Co.

    39 Prozent der Führer von Fahrzeug- und Transportgeräten gaben an in den vergangenen 12 Monaten krank gearbeitet zu haben.

  • Informatiker und Programmierer

    Nur 24 Prozent der Befragten gaben an im vergangenen Jahr mindestens eine Woche lang trotz Krankheit gearbeitet zu haben.

  • Die Studie

    Der Deutsche Gewerkschaftsbunde hat 4600 Arbeitnehmern befragt. Erhoben wurde, wie groß der Anteil der Beschäftigten einer Berufsgruppe ist, die innerhalb des vergangenen Jahres trotz Krankheit eine oder mehr Wochen auf der Arbeit waren.

    Quelle: DGB, 2015

Für die Anerkennung des Vorgesetzten tun sich die Befragten den Stress übrigens nicht an. Jedenfalls sagen 72 Prozent, dass es für dessen Anerkennung nicht wichtig sei, auch im Krankheitsfall zu arbeiten. Tatsächlich schleppt sich ein Großteil krank zur Arbeit, weil er befürchtet, dass die Aufgaben sonst liegenbleiben und zeitlich nicht zu schaffen wären. Dabei sind sich die Berufstätigen bewusst, dass sie nicht nur ihre Kollegen anstecken und länger brauchen, bis sie wieder ganz gesund sind. Sie wissen auch, dass sie krank weniger leisten.

Hier sind im Zweifelsfall die Chefs gefragt, die die Bazillenschleuder mit dem übergroßen Pflichtbewusstsein wieder nach Hause schickt. Bevor nachher die ganze Abteilung schnieft.

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