Sprengers Spitzen: Lasst die Leute einfach ihren Job machen

kolumneSprengers Spitzen: Lasst die Leute einfach ihren Job machen

Kolumne

Alle Angestellten sollen heute für ihren Job brennen. Diese Forderung ist maßlos. Geht es auch eine Nummer kleiner? Es darf nicht stören, wenn einer schlicht seinen Job macht und nicht dauernd übererfüllt.

Beim Fußball kann man sehen, was Leidenschaft ist. Männer (manchmal auch Frauen), die offenbar hormonell entgleisen, sich küssen, die Kleider vom Leib reißen, in ekstatischen Zuckungen aufeinander liegen, vor Freude außer sich sind. Machte man das im Unternehmen, würde wahrscheinlich der psychiatrische Notfalldienst vorfahren. Oder man hätte ein Verfahren wegen sexueller Belästigung am Hals.

Das hindert aber die Managementliteratur nicht daran, Leidenschaft auch für die Unternehmenswelt zu empfehlen. Ständig arbeitet man am Hitzepol: „Was innen nicht brennt, kann außen nicht leuchten.“ Oder: „Wenn Mitarbeiter nicht für das Unternehmen brennen, hat das Unternehmen etwas falsch gemacht.“ Geht es nicht auch eine Nummer kleiner?

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Man wird kaum etwas einwenden können gegen Mitarbeiter, die ihre Aufgabe mit Hingabe erledigen. Aber für den Arbeitgeber brennen? Kann man Leidenschaft zum Credo eines ganzen Unternehmens machen? Ja, man kann: Coca-Cola will die Welt erfrischen und benötigt dabei die „Leidenschaft jedes einzelnen Angestellten“ – von denen es weltweit über 120.000 gibt. Henkel erklärt: „Excellence is our passion.“ Das sei ein Bekenntnis für „alle, die bei uns arbeiten“ – immerhin 50.000 Angestellte.

In acht Schritten zum Burn-Out

  • Erster Schritt

    Es beginnt alles mit dem Wunsch, sich zu beweisen. Dieser aber treibt einen in den Zwang, sich noch mehr anzustrengen, noch mehr zu leisten bzw. es allen recht zu machen. Man nimmt jeden Auftrag an, sagt immer seltener Nein. Jettet von Termin zu Termin. Und nimmt abends Arbeit mit nach Hause.

    (Quelle: Lothar Seiwert, Zeit ist Leben, Leben ist Zeit)

  • Zweiter Schritt

    Man nimmt seine eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahr. Schläft zu wenig, isst hastig oder gar nichts. Sagt den Kinobesuch mit Freunden ab.

  • Dritter Schritt

    Man missachtet die Warnsignale des Körpers, wie Schlafstörungen, Verspannungen, Kopfschmerzen, hoher Blutdruck, flaches Atmen, Konzentrationsschwäche.

  • Vierter Schritt

    Um wieder funktionieren zu können, greifen manche zu Drogen wie Schmerzmitteln, Schlaftabletten, Alkohol, Aufputschern.

  • Fünfter Schritt

    Das eigene Wertesystem verändert sich. Die Freunde sind langweilig, der Besuch mit dem Kollegen im Café verschwendete Zeit. Die Probleme mit dem Partner oder Familie nimmt man einfach nicht mehr wahr. Man zieht sich zurück aus gesellschaftlichen Kontakten. Und endet oft in völliger Isolation.

  • Sechster Schritt

    Die Persönlichkeit verändert sich. Alles dreht sich nur noch darum, zu funktionieren, zu arbeiten. Gefühle und Emotionen werden verdrängt. Man verliert den Humor, reagiert mit Schärfe und Sarkasmus, empfindet Verachtung für Menschen, die das Faulsein genießen. Man verhärtet.

  • Siebter Schritt

    Man verliert das Gefühl für die eigene Persönlichkeit. Spürt nur noch Gereiztheit, Schmerzen, Erschöpfung, Überlastung, Angst vor einem Zusammenbruch. Und sonst nichts mehr. Keine Freude, keine Fröhlichkeit, keine Neugierde. Der Mensch funktioniert wie eine Maschine. Die Seele erstarrt.

  • Achter Schritt

    Die wachsende innere Leere, genährt von dem Gedanken "Wenn ich nicht arbeite, was bin ich dann?", führt zur Depression, zur völligen Erschöpfung, zum Zusammenbruch, zum Ausgebranntsein.

Ähnliche Gelübde haben schon die Deutsche Bank abgelegt („Leistung aus Leidenschaft“), Adecco („We are passionate about people“) und Nestlé („Our passion for nutrition, health and wellness“). Da will „Der leidenschaftliche Frisör“ nicht nachstehen – von dem wir hoffen, dass er nicht zu leidenschaftlich ist.

Was Chefs nervt Nase voll von faulen Mitarbeitern

Faule Kollegen, viel Arbeit und wenig Geld machen den Arbeitsalltag zur Hölle. Und dann erst der Chef! Hat immer was zu meckern und von nichts Ahnung. Sagen Angestellte. Zeit, die Führungskräfte zu Wort kommen zu lassen.

Was Ihr Boss nicht mag. Quelle: Getty Images

Warum nicht angemessener und realitätsnäher? Man schafft mit diesen Extremaussagen eine Vergleichbarkeit zwischen Verlautbarung und Verhalten, und in dieser Lücke wuchert der Zynismus. Wir müssen und können nicht jeden Tag mit der olympischen Flamme zur Arbeit rennen. Es darf nicht störend sein, wenn einer schlicht seinen Job macht und nicht dauernd übererfüllt.

Der Job mit Aufgabe, Karriere, Zugehörigkeit, Unterhaltungswert, Geldverdienen, Prestige – der gehört zu den Spielsachen des Lebens. Wir sollten es ernst meinen mit dem Spiel, aber nicht zu ernst. Auch wenn es schwer ist, ernst zu sein, und leicht, zu ernst zu sein.

Zur Person

  • Reinhard K. Sprenger

    Reinhard Sprenger zählt zu den renommiertesten deutschen Managementautoren. In seinem neuen Buch "Das anständige Unternehmen" beschäftigt er sich mit richtiger Führung.

Und wir sollten nicht überhöhte Erwartungen an uns und unsere Arbeit haben, die von keinem Menschen und von keinem Unternehmen zu erfüllen sind. Mittlere Temperaturen sind da hilfreich. Zudem: Wenn die Mitarbeiter und Führungskräfte so leidenschaftlich sind, warum braucht es dann Motivierung? Warum Bonussysteme, die zu Höchstleistungen bewegen sollen?

Entweder die Leute sind leidenschaftlich, dann setzen sie sich ein für ihre Aufgabe, dann braucht es keine Boni. Oder sie sind es nicht – und die Boni zerstören die Hingabe an die Aufgabe und ersetzen sie durch die Hingabe an die Brieftasche.

Was in der Philosophie als klassischer Kategorienfehler gilt, materialisiert sich in der Ökonomie: Unklares Denken erzeugt unklares Sprechen erzeugt unklares Handeln.

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