Streiks in Deutschland: Angestellte gehen immer öfter auf die Barrikaden

Streiks in Deutschland: Angestellte gehen immer öfter auf die Barrikaden

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Im vergangenen Jahr wurde so viel gestreikt wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Nach Schätzungen des gewerkschaftlichen WSI-Tarifarchivs sind 2015 mehr als zwei Millionen Arbeitstage streikbedingt ausgefallen. Daran waren rund 1,1 Millionen Menschen beteiligt.

Der Deutsche lässt sich alles gefallen? Von wegen. 2015 wurde so viel gestreikt wie seit 20 Jahren nicht mehr. Den Franzosen machen wir zwar noch keine Konkurrenz, aber mit dem Hort des sozialen Friedens ist es wohl aus.

Die Bahn? Streikte. Mehr als einmal. Die DHL? Ließ die Pakete und Päckchen in ihren Logistikzentren. Die Lufthansa? Hob nicht ab - mal wegen der Piloten, dann wegen der Flugbegleiter und dann wegen des Bodenpersonals. Wer sich mit dem Taxi behelfen wollte, hatte in vielen Großstädten auch mehr als einmal Pech: Entweder waren die Taxen belegt wegen des Bahnstreiks, oder die Fahrer streikten selbst wegen des Konkurrenten Uber.

Immerhin mussten die Kinder nicht pünktlich in die Kita - Erzieherstreik. Denn Deutschlands Arbeitnehmer sind in den vergangenen Jahren streikfreudiger geworden. Seine Spitzenposition als „Hort des sozialen Friedens“ habe das Land verloren, heißt es in einer Langzeit-Untersuchung des „IW-Gewerkschaftsspiegels“, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. 2015 hatten mehrere lange Streiks im Öffentlichen Dienst sowie bei Lokführern und Piloten die Ausfallzeiten in die Höhe getrieben.

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Arbeitskämpfe: Die konfliktreichsten Streiks 2015

  • Metall- und Elektroindustrie (IG Metall)

    Im Februar 2015 führten die Warnstreikwellen zum Tarifabschluss. An ihnen beteiligten sich laut WSI rund 900.000 Arbeiter, meist aber nur für wenige Stunden.

  • Paketdienst der Deutschen Post (Verdi)

    Nach etlichen Streiks in den Paketzentren der Post-Tochter DHL hat Verdi einen Bestandsschutz für bereits angestellte Paketfahrer erreicht. Neue Kollegen müssen bei neu gegründeten Billigtöchtern zu geringeren Gehältern anfangen.

  • Erzieher im Öffentlichen Dienst (Verdi)

    Die Erzieherinnen ließen nach wochenlangen Streiks ein erstes Schlichtungsergebnis durchfallen und erzielten laut Gewerkschaft letztlich ein überdurchschnittliches Tarifplus von 3,7 Prozent.

  • Zugpersonal bei der Deutschen Bahn AG (GDL)

    Nach mehreren Streikwellen und einer zähen Schlichtung musste die Bahn die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer als zweite Gewerkschaft für das Zugpersonal neben der alteingesessenen EVG akzeptieren.

  • Piloten der Lufthansa (Vereinigung Cockpit)

    Die Piloten setzten ihre bereits im Vorjahr begonnenen Streikwellen auch 2015 fort, bis im September das Landesarbeitsgericht Hessen die VC stoppte. Ihre Streikziele seien nicht über eine Tarifeinigung zu erreichen. Seitdem wird wieder verhandelt. Zuletzt kamen sich die Seiten näher.

  • Flugbegleiter der Lufthansa (Ufo)

    Im November ziehen die Flugbegleiter über sieben Tagen den bislang längsten Streik in der Geschichte der Lufthansa durch. Der Konflikt ist aktuell noch nicht gelöst. Es wird mit Hilfe des schon bei der Bahn erfolgreichen Schlichters Matthias Platzeck verhandelt.

Insgesamt brachten es die Deutschen vergangenes Jahr auf sieben Streiktage bei 1000 Arbeitnehmern pro Jahr. Damit liege Deutschland im OECD-Vergleich nur noch im gehobenen Mittelfeld. In Japan, Österreich, Polen, Schweden, der Schweiz und Ungarn ging es demnach in dem untersuchten Zeitraum von 2006 bis 2015 deutlich friedlicher zu. Am meisten wird laut Statistik in Dänemark und Frankreich gestreikt, wie das arbeitgebernahe Institut der Wirtschaft Köln (IW) berichtet. In Dänemark fielen im Jahresdurchschnitt 120 Arbeitstage je 1000 Arbeitnehmer aus, in Frankreich waren es 117. Im westlichen Nachbarland sind anders als in Deutschland politische Streiks erlaubt, so dass hier schnell hohe Teilnehmerzahlen zusammenkommen. Generell seien politisch motivierte Generalstreiks aber seltener geworden, schreiben die Studienautoren Hannah Busshoff und Hagen Lesch.

In der Regel wird wegen zu geringer Löhne, ungerechter Arbeitsbedingungen oder schlechter Sozialleistungen gestreikt, weshalb es in der Regel auch ganz bestimmte Unternehmen oder Niederlassungen trifft und es nur selten zu Generalstreiks kommt. Nicht mal in Frankreich. In Deutschland soll auch 2016 weiter gestreikt werden. Zumindest drohen bei der Lufthansa weitere Streiks für dieses Jahr.

Piloten-Streiks bei der Lufthansa

  • 02. bis 04. April 2014

    Mit einem dreitägigen Streik legen Piloten die Lufthansa praktisch lahm. Schärfster Ausstand der Konzerngeschichte, rund 3800 Flugausfälle, 425.000 Fluggäste sind betroffen.

  • 29. August

    Streik bei der Lufthansa-Tochter Germanwings. Es fallen 116 Flüge aus, 15.000 Passagiere bekommen die Folgen zu spüren.

  • 05. September

    Piloten bestreiken Kurz- und Mittelstreckenflüge der Lufthansa von Frankfurt. Gut 200 Flüge und 25.000 Passagiere sind betroffen.

  • 10. September

    Die Pilotengewerkschaft streikt am Drehkreuz München. 140 Flüge fallen aus, mehr als 15.000 Passagiere haben Nachteile.

  • 30. September

    Cockpit bestreikt Langstreckenflüge am Drehkreuz Frankfurt. 50 Flüge werden gestrichen, 20.000 Passagiere trifft es.

  • 08. Oktober

    Nun ist das Streikziel die Frachttochter Lufthansa Cargo. Der zweitägige Ausstand hat laut Unternehmen aber kaum Auswirkungen.

  • 16. Oktober

    Germanwings wird deutschlandweit bestreikt. Bilanz: 100 Flüge finden nicht statt, es trifft 13.000 Fluggäste.

  • 20. Oktober

    Ein Streik auf den Kurz- und Mittelstrecken wird einen Tag später auch auf die Langstrecken ausgeweitet. Lufthansa streicht an beiden Tagen über 1500 Flüge, 166.000 Fluggäste haben das Nachsehen.

  • 01. bis 02. Dezember

    Deutschlandweiter Streik trifft 1350 Flüge und rund 150.000 Passagiere.

  • 04. Dezember

    Streik auf Langstrecken- und Frachtmaschinen der Lufthansa, 60 Flüge gestrichen, 12.000 Passagiere betroffen.

  • 12. bis 13. Februar 2015

    Zweitägiger Streik bei Germanwings. Es werden 338 Flüge gestrichen. Es trifft gut 30.000 Passagiere.

  • 18. bis 20. März

    Streikaufruf in Etappen. Am ersten Tag sind bei Kurz- und Mittelstreckenflügen der Lufthansa rund 80.000 Passagiere betroffen, am zweiten Tag 18.000 Passagiere auf der Langstrecke sowie die Frachtflüge. Am dritten Tag erneut Mittel- und Langstreckenflüge.

  • 06. Juli

    Die Piloten erklären die im Mai begonnene Schlichtung für gescheitert. Drei Wochen später bieten sie dem Konzern Einsparungen von mehr als 400 Millionen Euro, um die Verlagerung von Arbeitsplätzen zu verhindern. Streiken wollen sie vorerst nicht.

  • 05. August

    Lufthansa-Chef Spohr bewertet die Vorschläge der Gewerkschaft positiv, die beiden Lager scheinen sich anzunähern.

  • 02. September

    Für die Pilotengewerkschaft sind die Gespräche gescheitert. Streiks sind wieder möglich.

  • 08. September

    Die Piloten der Lufthansa treten erneut in den Streik. Betroffen sind zunächst alle Langstreckenverbindungen aus Deutschland. Zusätzlich werden alle Abflüge der Lufthansa Cargo aus Deutschland bestreikt. Am Abend kündigt die Pilotengewerkschaft VC eine Verlängerung des Streikes an.

  • 09. September

    Diesmal wird von den Piloten auch der Kurz- und Mittelstreckenverkehr bestreikt. Hier ist die Zahl der Maschinen wesentlich höher als im Interkontinentalverkehr.

Am friedlichsten ging es 2015 übrigens in Japan, Österreich und der Schweiz zu. In Japan ging je 1000 Arbeitnehmer gerechnet gar kein Arbeitstag verloren, in der Schweiz war es lediglich ein Tag und in Österreich waren es zwei Tage. Mit vier bis fünf Ausfalltagen schnitten auch Polen, Schweden und Ungarn besser als Deutschland ab. Deutschland liegt zusammen mit den USA und den Niederlanden im oberen Mittelfeld. Allein wegen der häufigen Streiks im Jahr 2015 war die Zahl der Ausfalltage pro 1000 Beschäftigte von vier auf sieben gestiegen.

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