Tausende freie Ausbildungsplätze: "Bezahlung in manchen Branchen ist skandalös"

Tausende freie Ausbildungsplätze: "Bezahlung in manchen Branchen ist skandalös"

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172.000 Ausbildungsplätze sind noch unbesetzt.

Im Oktober startet das neue Ausbildungsjahr. Noch sind 172.000 Lehrstellen unbesetzt. Laut dem DGB liegt das an der miesen Bezahlung. Doch auch bei beliebten, gut bezahlten Berufen gibt es Tausende offene Stellen.

Grundsätzlich hat eine Medaille ja immer zwei Seiten, so auch die Situation auf dem aktuellen Ausbildungsmarkt. So kann man sagen, dass den Unternehmen ab Oktober 172.224 Lehrlinge fehlen werden. So viele Ausbildungsstellen sind nämlich, gemäß einer Erhebung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), noch unbesetzt. Auf der anderen Seite haben Jugendliche und junge Erwachsene, die eine duale Ausbildung beginnen wollen, auch kurz vor knapp noch die freie Lehrstellenwahl. „Jugendliche Lehrstellenbewerber haben in diesem Jahr allerbeste Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden“, sagt auch DIHK-Präsident Eric Schweitzer.

Für die Unternehmen ist die Situation natürlich problematisch, wie Schweizer sagt. Laut der jüngsten DIHK-Ausbildungsumfrage würden mittlerweile in fast jedem dritten Ausbildungsbetrieb Lehrstellen unbesetzt bleiben. „Rund 14.000 haben überhaupt keine Bewerber mehr.“ Der Trend zum Studium und die sinkende Zahl an Schulabgängern schlügen hier durch.

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So hätten 2015 rund 150.000 junge Leute mehr ein Studium begonnen als 2005. In dieser Zeit sei zugleich die Zahl der Lehrstellenbewerber um etwa 190.000 gesunken - das sei ein Minus von 25 Prozent. „Viele junge Leute sind sich nicht im Klaren darüber, dass die Gefahr von Arbeitslosigkeit bei einer Kombination von betrieblicher Aus- und Weiterbildung geringer ist als bei Akademikern“, sagte Schweitzer. „Und häufig verdient eine Fachkraft keineswegs schlechter als jemand, der eine Hochschule besucht hat.“

In der Ausbildung sieht es dagegen mit der Bezahlung nicht so rosig aus. Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ist die Sache deshalb klar: „Vor allem Branchen, die darüber klagen, keine Azubis zu finden, zahlen schlecht“, heißt es bei der DGB-Jugend. „Das klassische Negativbeispiel ist ein Friseur-Azubi in Ostdeutschland, der 269 Euro bekommt. Das ist skandalös“, sagt Anna Gerhardt, politische Referentin der DGB-Jugend. Entsprechend beklagt das Friseurhandwerk auch 4300 offene Lehrstellen.

Zum Vergleich: Ein Maurerlehrling bekommt knapp 1400 Euro brutto (in Westdeutschland im dritten Lehrjahr). Hier herrscht kein gravierender Mangel an Azubis. Und auch bei den Gleisbauern - 1263 Euro brutto im Monat (drittes Lehrjahr, alte Bundesländer) ist der Mangel längst nicht so hoch wie bei den medizinischen Fachangestellten. Hier verdienen Lehrlinge im gleichen Ausbildungsstadium nur 790 Euro. Die Zahl der offenen Lehrstellen beläuft sich auf 2200.

So viel verdienen Auszubildende in den einzelnen Branchen pro Monat

  • Durchschnittsverdienst

    Laut dem aktuellen Azubi-Report 2016 von Ausbildung.de ist der Durchschnittsverdienst eines Azubis während der gesamten Ausbildung von 574 Euro auf 665 Euro brutto pro Monat gestiegen. Befragt wurden über 2000 Neu-Azubis.

    Quelle: Azubi-Report

  • Durchschnittsgehalt nach Schulabschlüssen

    Die durchschnittlichen Monatsgehälter variieren natürlich auch abhängig vom Schulabschluss des Lehrlings. So bekommen Azubis mit Fachabitur im Schnitt 706 Euro brutto im Monat, Realschüler- und -schülerinnen verdienen in der Lehre im Mittel 662 Euro und ehemalige Hauptschüler bekommen durchschnittlich 585 Euro brutto.

  • Handwerk

    Am schlechtesten bezahlt werden Lehrlinge im Handwerk - in der Regel übrigens überwiegend Hauptschüler. Im Schnitt bekommen sie in ihrer Ausbildungszeit monatlich nur 370 Euro brutto.

  • Medien

    Deutlich besser gestellt sind Auszubildende aus der Gestaltungs- und Medienbranche. Sie bekommen durchschnittlich 597 Euro brutto im Monat.

  • Transport & Logistik

    609 Euro brutto im Monat gibt es durchschnittlich für Lehrlinge in der Logistikbranche.

  • Einzelhandel

    Lehrlinge im Einzelhandel bekommen durchschnittlich 610 Euro.

  • Gesundheit & Sport

    Angehende Krankenschwestern, Pfleger, Altenpfleger und Fitness-Kaufleute bekommen durchschnittlich 619 Euro brutto im Monat.

  • Naturwissenschaften & Pharmaindustrie

    Das monatliche Durchschnittsbruttogehalt eines Lehrlings aus dem naturwissenschaftlichen Bereich liegt bei rund 675 Euro.

  • Gastronomie & Tourismus

    686 Euro brutto im Monat gibt es für angehende Köche, Restaurant- oder Hotelfachleute.

  • Technik

    Auszubildende in technischen Berufen verdienen pro Monat 690 Euro brutto.

  • Kaufmännische Berufe

    Wer im Bereich Büro und Personal eine Lehre macht, bekommt im Schnitt 732 Euro brutto pro Monat.

  • Finanzen & Steuern

    Wer sein Geld mit Geld verdienen möchte, bekommt während seiner Ausbildung durchschnittlich 750 Euro brutto im Monat.

  • IT

    Wer eine IT-Ausbildung macht, bekommt während seiner gesamten Lehre pro Monat durchschnittlich 775 Euro brutto.

  • Tierpflege

    Spitzenreiter sind laut dem Azubi-Report jedoch die angehenden Tierpfleger. Sie sind nicht nur die zufriedensten Lehrlinge, mit 777 Euro brutto im Monat bekommen sie auch das meiste Geld.

  • Eltern müssen finanziell mithelfen

    Unabhängig von Branche und Schulabschluss reicht das Ausbildungsgehalt aber alleine nicht aus, um ein unabhängiges Leben zu führen. Aus diesem Grund sind 62,5 Prozent der Auszubildenden darauf angewiesen, von den Eltern oder anderen Familienmitgliedern finanziell unterstützt zu werden. Oft reduzieren Auszubildende ihre Ausgaben, indem sie während der Ausbildung bei den Eltern wohnen. Ein Viertel der Befragten muss auf Ersparnisse zurückgreifen, um sich während der Zeit der Ausbildung zu finanzieren.

Reinhard Bispinck, Tarifexperte bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, begründet die Unterschiede mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Branchen. „Die Bezahlung hängt aber auch von der Organisationskraft der Beschäftigten ab“, sagt er. In der Elektroindustrie könne die IG Metall beispielsweise mehr durchsetzen als Verdi bei den Friseuren. Ein dritter Faktor seien der Bedarf an Auszubildenden und die Beliebtheit der Branchen.

In beliebten Jobs gibt es weniger Lehrgeld

„Friseure und Kfz-Mechatroniker sind sehr beliebt“, sagt Bispinck. Das drückt den Preis, den Unternehmen für ihre Lehrlinge zahlen. Ein Kraftfahrzeugmechatroniker gehört selbst in der Industrie am Ende seiner Ausbildung in Westdeutschland mit etwas mehr als 900 Euro pro Monat nicht zu den Spitzenverdienern unter den Lehrlingen.
Eine grundsätzliche Höhe für die Ausbildungsvergütung gibt der Gesetzgeber übrigens nicht vor. Die Ausbildungsvergütung müsse „angemessen“ sein, erklärt Bispinck. Beim Zentralverband des Handwerks hält man das für gegeben. Weder für die schulische noch die Ausbildung an der Uni werde man bezahlt. Auch trügen die Auszubildenden in der Regel noch nicht zum Umsatz des Unternehmens bei. Gerade in Dienstleistungsberufen und kreativen Jobs spiele die Bezahlung für die Ausbildungswahl überhaupt keine Rolle. „Ausbildungsplätze als Goldschmied werden immer gesucht.“

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