Überstunden: Deutschland macht Extraschichten

Überstunden: Deutschland macht Extraschichten

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Nirgendwo werden so viele Überstunden gemacht, wie in Deutschland.

Die Deutschen sind Meister der Überstunden. Entsprechend groß ist die Kluft zwischen vertraglich vereinbarter und tatsächlicher Arbeitszeit. Der DGB fordert deshalb von den Unternehmen, mehr Leute einzustellen.

"Mit dem Gehalt sind Überstunden des Arbeitnehmers abgegolten" - diese Klausel ist zwar juristisch unwirksam, taucht aber immer noch in vielen Arbeitsverträgen auf. Übersetzt heißt das: Überstunden gehören in diesem Job einfach dazu - Geld oder Freizeitausgleich gibt es dafür keinen.

Das käme so manchen Arbeitgeber auch teuer zu stehen, wie die Statistik belegt: Demnach machten die Arbeitnehmer in Deutschland im vergangenen Jahr rund 806 Millionen bezahlte Überstunden. Das ist zwar ein Rückgang - im Jahr 2000 waren es noch 1,1 Milliarden bezahlte Überstunden - allerdings steigt die Zahl der unbezahlten Überstunden dank Arbeitszeitkonten immer weiter an.

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Laut Statistik hat jeder Arbeitnehmer in Deutschland im vergangenen Jahr 27,8 unbezahlte und 21,1 bezahlte Überstunden gemacht - je nach Branche und Position mehr oder weniger.

Dienstleister machen unbezahlte, Arbeiter bezahlte Überstunden

So zeigt ein Bericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dass Vollzeitkräfte mehr Überstunden machen als Teilzeitkräfte, letztere dafür eher bezahlte als unbezahlte Mehrarbeit leisten. Und in der Industrie kommen Überstunden häufiger vor als im Dienstleistungssektor. Dafür machen die Dienstleister mehr unbezahlte Überstunden als die Arbeiter, die ihre Mehrarbeit wenigstens noch bezahlt bekommen.

Die Typologie der Arbeitnehmer: Wer wie lange arbeitet und wie viel verdient

  • Die Flexiblen

    Im Rahmen der Xing-Arbeitsmarktstudie wurden unterschiedliche Arbeitnehmer-Typen definiert und fünf relevante Segmente gebildet. Eine der Gruppen sind die "Flexiblen", also beispielsweise Teilzeitkräfte oder Projektarbeiter. Zu dieser Gruppe gehören überwiegend jüngere Frauen mit einer durchschnittlichen Ausbildung, einem meist festen Einkommen von unter 2.000 Euro (brutto), in deren Berufsfeld Home Office oft möglich ist. Ihre Arbeitszeit beträgt zwischen 30 und 40 Stunden in der Woche.

  • Die Wissensarbeiter

    Die Wissensarbeiter sind Befragte mit akademischem Abschluss, einem überdurchschnittlichen Verdienst von 3.000 Euro (brutto) und mehr, die in der Kreativwirtschaft, höheren Verwaltung oder Wissenschaft arbeiten. Die Arbeitszeit beträgt selten exakt 40 Stunden in der Woche.

  • Die Gehaltsoptimierer

    Die "Gehaltsoptimierer" sind überwiegend jüngere Männer mit Berufsausbildung, die selten nach Tarifvertrag beschäftigt sind und in den Bereichen Produktion, Finanzen oder Handel arbeiten. Ihre wöchentliche Arbeitszeit beträgt 40 Stunden oder mehr.

  • Die sozialen Berufe

    In den sozialen Berufen arbeiten Menschen mit Berufsausbildung und einem oft variablen Gehalt zwischen 2.000 und 3.000 Euro (brutto). Sie arbeiten in den Berufsfeldern Gesundheit, Soziales und Lehre und sind oft in Schichtarbeit tätig.

  • Die Blue Collar-Worker

    Blue Collar-Worker sind Arbeitnehmer mit Ausbildung, die oft nach Tarifvertrag beschäftigt sind und auf dem Bau, im KFZ- oder Gastgewerbe arbeiten. Viele von ihnen haben Kinder und arbeiten unter 40 Stunden in der Woche.

Insgesamt gebe es einen langfristigen Trend zu weniger bezahlten Überstunden. Und je höher die Position, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass Extraarbeit auch bezahlt wird. "Das lässt sich insbesondere auf den Strukturwandel am Arbeitsmarkt und neue Instrumente zur Arbeitszeitflexibilisierung wie Arbeitszeitkonten zurückführenf", heißt es beim IAB.

Außerdem seien Stellen, die schwierig zu besetzen sind, eher anfällig für Überstunden. Bei fast der Hälfte der Stellen, auf denen häufig Überstunden geleistet werden müssen, berichten die vom IAB befragten 14.000 Arbeitgeber von Schwierigkeiten im Besetzungsprozess.

Allerdings ist unklar, ob Überstunden oder Termin- und Zeitdruck Ursache oder Folge von Stellenbesetzungsproblemen sind. Es sei beispielsweise auch denkbar, dass der Betrieb aufgrund von Fachkräfteengpässen mit Stellenbesetzungsproblemen zu kämpfen hat und die Mitarbeiter deswegen Überstunden leisten müssen, erklären die IAB-Arbeitsmarktforscher.

Die 40,3-Stunden-Woche

Letztlich haben die vertraglich vereinbarten Arbeitszeiten mit der Zeit, die die Deutschen tatsächlich am Hochofen oder am Schreibtisch verbringen, kaum noch etwas miteinander zu tun. Inklusive Überstunden arbeitet der Durchschnittsdeutsche 40,3 Stunden pro Wochen.

In der Urlaubszeit kommen durchschnittlich noch einmal acht Stunden pro Woche hinzu, wie eine Studie von Upwork, einem Marktplatz für Online-Arbeit, zeigt. Jedenfalls dann, wenn die Kollegen die Arbeit der Urlauber mitmachen müssen. Laut Arbeitsvertrag sind die meisten jedoch nur 36,5 beziehungsweise 37 Stunden pro Woche am Arbeitsplatz. Also bis zu zehn Stunden weniger, als es in Stoßzeiten tatsächlich der Fall ist.

Und ein Ende ist nicht in Sicht: Die Statistiker haben im Frühjahr 2015 mehr als 4000 Arbeitnehmer gefragt, ob ihr Arbeitgeber von Ihnen erwartet, dass sie auch über ihre vertraglich geregelten Arbeitszeiten hinaus flexibel einsetzbar sind. 45 Prozent gaben an, dass das auf ihre aktuelle Arbeitssituation (voll und ganz) zutrifft.

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Dass unbezahlte Mehrarbeit auf Dauer nicht gesund sein kann, zeigen zahlreiche Untersuchungen. Der Trendreport "Arbeitsmarkt und berufliche Herausforderungen 2015" der BWA Akademie, einem Spezialisten für Personalentwicklung, bringt es auf die Formel: Wer lange arbeitet, wird schneller krank. Demnach sehen 90 Prozent der befragten Personalverantwortlichen in der deutschen Energiewirtschaft wechselnde oder lange Arbeitszeiten als Hauptursache für psychische Belastungen am Arbeitsplatz an.

"Wir wissen, dass die Arbeitsbelastung in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen hat, durch Arbeitsverdichtung, Arbeit am Wochenende und dauernde Erreichbarkeit. Diese Belastung führt zu Stress und Erkrankungen", sagt auch Reiner Hoffmann, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Er spricht sich für einen raschen Abbau unbezahlter Überstunden aus - wenn Überstunden anfallen, sollten sie wenigstens auch bezahlt werden, sagte er gegenüber der Zeitung "Welt". Und wo Überstunden keine Ausnahme, sondern Dauerzustand sind, müssten neue Stellen geschaffen werden. Nur so sei gewährleistet, dass Beschäftigte lange arbeiten könnten und gesund blieben.

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