Verena Bentele: Durch Grenzüberwindung lernt man sich kennen

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InterviewVerena Bentele: Durch Grenzüberwindung lernt man sich kennen

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Verena Bentele, 32, wuchs auf einem Bauernhof am Bodensee auf. Mit drei Jahren stand das blinde Mädchen das erste Mal auf Skiern. Von 1995 bis 2011 war sie Mitglied der Nationalmannschaft im Skilanglauf und Biathlon. Bei vier Paralympischen Spielen gewann sie 12 Goldmedaillen. Heute arbeitet die Wahlmünchenerin unter anderem als freiberufliche Referentin im Personaltraining. Im Februar erschien ihr Buch „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“. Ein Leben ohne Sport kann sie sich auch nach ihrer Profi-Karriere nicht vorstellen.

An Handicaps entwickeln wir uns weiter, sagt Verena Bentele. Die Personalberaterin ist von Geburt an blind und zählt zu den erfolgreichsten behinderten Wintersportlerinnen weltweit.

WirtschaftsWoche: Sie scheinen ständig nach Grenzen zu suchen, um sie zu überwinden. Warum?

Verena Bentele: Ich laufe oft gegen Dinge, wortwörtlich. Wenn ich einen neuen Weg gehe, komme ich nicht weiter, ohne zu fragen. Sprich, ich stoße an meine alltäglichen Grenzen. Ich versuche immer wieder, gelassen zu bleiben und an diesen Hürden zu trainieren. Von klein auf fand ich es ein tolles Gefühl, Grenzen zu verschieben. Zum Beispiel trotz meiner Blindheit Radfahren zu lernen oder mit meinen beiden älteren Brüdern auf Dächer zu klettern. Wer sich einmal etwas ganz Neues getraut hat, kann dieses Erfolgserlebnis auch in anderen Situationen nutzen.

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Viele finden ihren Alltag anstrengend genug und gehen Hürden lieber aus dem Weg.

Klar, jeder der seine Komfortzone verlässt, riskiert, sich den Kopf anzuschlagen. Aber ich ermutige jeden dazu, es dennoch immer wieder zu versuchen. Wir verschenken sonst so viele Möglichkeiten! Außerdem wird uns schnell langweilig. Neue Erfahrungen machen jede Aufgabe spannend, und diese Spannung macht uns gut. Und: Nur durch Grenzüberwindung lernt man sich selber kennen und bekommt eine Vorstellung davon, wie man für seine Ziele trainieren kann.

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Felix Neureuther Quelle: AP

Bei den Paralympischen Spielen haben Sie zwölf Mal Gold geholt, zuletzt sind Sie den Radmarathon vom norwegischen Trondheim nach Oslo gefahren und auf den Kilimandscharo gestiegen. Wie setzt man sich realistische Ziele?

Immer mit kleineren, planbaren Zielen in erreichbarer Nähe anfangen. Nicht gleich auf den Kilimandscharo wollen, sondern erst mal mehr Sport machen – trotz der vielen Arbeit. Also sich zwei Mal in der Woche mit einem Freund verabreden, dem man nicht so leicht absagt. Das nächste Ziel kann der Zehn-Kilometer-Firmenlauf sein. Wichtig ist, dass man sich auch die kleineren Erfolge gönnt. Der Vergleich mit anderen bringt uns nicht immer weiter, oft geht es eher um die persönlichen Ziele.

Im Job ist es oft schwer, eigene Grenzen einzugestehen.

Natürlich, auch für mich. Aber: Jeder, mit dem ich spreche, hat schon mal im Job um Hilfe gebeten. Wir alle können von den Fähigkeiten Anderer profitieren. Ich finde das viel sympathischer, als wenn jemand meint, alles alleine am besten zu können. Bei der Bewerbung um die Olympischen Spiele 2018 in München saß ich bei einer Abendveranstaltung als Sportbotschafterin neben Münchens Oberbürgermeister Christian Ude. Nach zwei Stunden musste ich ihn bitten, mich aus der zweiten Reihe durch einen großen Saal über eine steile Treppe hinaus zu führen, weil ich dringend zur Toilette musste. Als wir draußen waren, sagte er: „Jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll.“ - „Bringe mich einfach nur zur Tür“, antwortete ich. Dieses Erlebnis hat mir wieder einmal gezeigt, dass es sich lohnt, offen zu sein und zu fragen. Christian Ude und ich sind anschließend erst mal kurz an die Bar gegangen.

Pragmatismus als Rezept gegen Peinlichkeiten?

Ich bin ein Freund von praktischen Lösungen. Kommt man in eine unangenehme Situation, so hilft nur zu überlegen: Welche Möglichkeiten habe ich, das Beste daraus zu machen? Es wäre schade, gleich alles hinzuschmeißen und an jeder kleinen Hürde zu scheitern. Einmal bin ich vor einem Vortrag auf dem Bahnhof gestolpert und hatte einen Riesenfleck auf der Hose. Mein Assistent hatte zum Glück noch Shorts dabei, und ich habe seine Jeans angezogen. Es sah unmöglich aus. Aber beim Vortrag hat es niemanden gestört. So etwas hat für Außenstehende oft eine viel kleinere Bedeutung.

Nach Verletzung nicht den Mut verlieren

Bei den deutschen Meisterschaften im Langlauf 2009 stürzten Sie schwer, weil Ihr Begleitläufer bei seinen Kommandos „links“ und „rechts“ verwechselte. Wie haben Sie es geschafft, nach Kreuzbandriss und schweren Verletzungen an Leber und Niere ein Jahr später bei den Paralympics in Vancouver fünf Goldmedaillen zu holen?

Wie so oft hat mir die offene Kritik von nahe stehenden Menschen geholfen, die meine Gedanken in eine andere Richtung gelenkt haben. Es war gut, dass meine Familie und meine Freunde gesagt haben: „Du bist im Moment unausstehlich. Mach mal wieder Sport.“ Meine Eltern haben mir konkret vorgeschlagen, einen Bekannten aus unserem Dorf anzurufen. Der hatte angeboten, mich auf dem Tandem mitzunehmen. Das Tandem fahren hat mir große Sicherheit gegeben: Man ist mit dem Piloten über das Rad verbunden und nicht nur über die Stimme wie beim Langlauf. So habe ich allmählich das Vertrauen in meine Stärken und in einen Trainingspartner zurück gewonnen.

Vertrauen ist also lernbar?

Ich bin davon überzeugt, dass Vertrauen ein Trainingsprozess ist. Wer nach einer Enttäuschung sagt, er könne sich nie wieder auf jemanden einlassen, nimmt sich selbst ganz viele Möglichkeiten. Ich hätte mich auch dafür entscheiden können, nie mehr Sport zu machen – dann hätte jedoch die Angst mein Handeln bestimmt, nicht der Wunsch, zu lernen und neue Ziele zu erreichen. Da bestimme ich lieber selbst und entscheide mich bewusst, Vertrauen wieder zu lernen. So gibt man vor allem sich selbst eine zweite Chance.

Ist der Begleitläufer der Chef im Team? Der zwar die Ansagen macht, aber nicht der Wichtigste ist?

Es gibt meines Erachtens gar nicht den einen wichtigen Begleitläufer. Sondern verschiedene für unterschiedliche Aufgaben. Zum Beispiel einen, der mit mir auf der Loipe ist, oder den Trainer, der die Trainingspläne schreibt. Das lässt sich allgemein aufs Berufsleben übertragen. Jeder Begleitläufer hat andere Fähigkeiten. Funktioniert ein Team nicht, so ist nicht gleich alles vorbei. Die Rollen müssen dann neu vergeben werden.

Wie läuft man im Team zur Höchstform auf?

Jeder im Team muss genau wissen, was von ihm erwartet wird. Eine Begleitläuferin ist mir schon nach ein paar Monaten abgesprungen, weil ihr Freund die Grippe hatte. Ich dachte mir, das ist doch keine Leistungssportlerin! Erst im Nachhinein habe ich gewusst: Sie hatte sich den Job ganz anders vorgestellt. Für mich wiederum war glasklar, dass wir sehr viel unterwegs sind und sehr viel trainieren. Man muss also vorher deutlich darüber sprechen, was jemand geben kann und wie die Erwartungen sind. Schließlich braucht man dieselben Ziele. Wenn jeder andere Interessen verfolgt, bleibt der Erfolg aus.

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Unternehmensziele entsprechen nicht unbedingt denen des Einzelnen...

Nehmen Sie das Beispiel Tandem fahren. Ich verwirkliche mich, indem ich hinten auf dem Tandem sitze und meine Leistung erbringe, ohne selbst lenken zu können. Gemeinsam müssen wir uns darauf einigen, in welchem Gang wir fahren. Das Tempo bestimmt sich auch durch den Widerstand, den man auf das Fahrrad gibt. Das ist, bildlich gesprochen, bei der Arbeit genauso. Nicht immer bestimmen wir selbst die Richtung, jedoch ist es wichtig, dass wir uns mit dem Ziel identifizieren und unsere Leistung bringen wollen. Ich kann es nicht verstehen, wenn Leute sich jahrelang nur beschweren, aber nichts an ihrer persönlichen Richtung ändern.

Welche Grenzüberwindung haben Sie als nächstes vor?

Ich bin im Januar zur Behindertenbeauftragen der Bundesregierung ernannt worden. In dieser politischen Funktion fahre ich beispielsweise zu den Paralympics nach Sotschi und nicht wie ursprünglich geplant als ARD-Expertin. Sportlich habe ich mir wieder den Radmarathon Trondheim-Oslo vorgenommen. Letztes Mal habe ich für 540 Kilometer knapp 23 Stunden gebraucht, jetzt will ich die Strecke in unter 21 Stunden schaffen.

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