Vergütung: Berater konstruieren Vorstandsgehälter, die keiner versteht

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Vergütung: Berater konstruieren Vorstandsgehälter, die keiner versteht

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Die oberste Etage: Vorstandschefs der Dax-Konzerne verdienten 2016 durchschnittlich 5,5 Millionen Euro.

von Nena Schink

Spezialisierte Berater haben die Entlohnung in Unternehmen komplex und sich selbst nahezu unersetzlich gemacht. Kaum jemand steigt noch durch. Doch nun regt sich Widerstand.

Dass Manager ihre Gehälter rechtfertigen müssen, die Politik mal wieder über gierige Eliten und maßlose Boni diskutiert, kann Helmuth Uder nicht verstehen. „Es wird immer so getan, als sei das Festgehalt eines Vorstands der Lohn für seine Arbeit und die Bonuszahlung eine Art Bonbon, das irgendwie obendrauf kommt“, sagt er. Das sei ein Grundirrtum. Und überhaupt: Wenn Gehälter aus dem Ruder liefen, sei das kein Fehler im System, sondern menschliches Versagen. „Das ist so ähnlich wie bei einem Flugzeugabsturz, bei dem nicht die Maschine defekt war, sondern der Pilot das Unglück verursacht hat“, sagt Uder.

Seine Haltung ist kaum überraschend. Schließlich hat Uder die Entlohnungssysteme maßgeblich mitgebaut. Sein Arbeitgeber Willis Towers Watson zählt zu einer Handvoll spezialisierter Beratungen, die die Entlohnung in Unternehmen regelkonform, transparent und objektiv gestalten wollen. Tatsächlich sind die Vergütungen unter ihrer Mitwirkung so komplex geworden, dass allenfalls sie selbst noch durchblicken. Deshalb stehen sie zunehmend in der Kritik.

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In welchen Ländern und Branchen Manager die höchsten Boni erhalten

  • Deutschland

    Die Personal- und Organisationsberatungsgesellschaft Korn Ferry Hay Group analysiert jährlich die Vergütung von Vorständen in Europa. Für die aktuelle Untersuchung wurden die Daten von mehr als 1.813 Vorständen und Top-Führungskräften aus 22 Ländern und 365 Unternehmen verwendet. Die Daten stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen wie zum Beispiel Geschäftsberichten.

    Beim Vergleich von Vorständen in Europa belegt Deutschland hinter Österreich Platz sechs, was das Festgehalt und kurzfristige Boni betrifft. Diese Zahlungen machen 35 beziehungsweise 33 Prozent der Gesamtvergütung aus. Damit ist Deutschland etwa 15 Prozent über dem europäischen Durchschnitt platziert.

  • Österreich

    Festgehalt und kurzfristige Boni von Managern sind in Österreich noch etwas höher als in Deutschland. Sie liegen 17 Prozent über dem Durschnitt in Europa. Damit belegen die Vorstände in Österreich Platz fünf im Ranking.

  • Spanien

    In Spanien leben die Manager, die am viertbesten bezahlt werden. Das Gehalt liegt satte 29 Prozent über dem durchschnittlichen Gehalt europäischer Vorstandsmitglieder.

  • Russland

    „Boni spielen traditionell eine große Rolle bei der Vergütung von Top-Managern. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen jedoch, dass ihr Einfluss im vergangenen Jahr besonders hoch war“, sagt William Eggers, Vergütungsexperte von Korn Ferry Hay Group. Dank dieser leistungsabhängigen Sonderzahlungen schafften es die russischen Manager in die Top 3 der bestbezahlten Manager. Ihre Vergütung liegt 35 Prozent über dem europäischen Durchschnitt.

  • Großbritannien

    Auch die Briten verdienten 2015 prächtig: Die Vergütung der Spitzenmanager überstieg den Durchschnitt um 38 Prozent. Langfristige Bonuszahlungen machen einen Anteil von 39 Prozent der Bezüge aus.

  • Schweiz

    Noch besser hatten es nur die Schweizer: Unternehmen in der Schweiz zahlen ihren Top-Managern nach wie vor am meisten. Die Bezüge der Top-Manager lagen hier 42 Prozent über dem Durchschnitt. Langfristige Boni machen 36 Prozent der Vergütung der Schweizer Manager aus.

  • Medien

    Am besten verdienten Top-Manager im Jahr 2015 in der Medienbranche. Das Grundgehalt fiel 2015 satte 32 Prozent höher aus als in anderen Branchen.

    Quelle: Vergleich der Vorstandsgehälter in Europa durch die Personal- und Organisationsberatungsgesellschaft Korn Ferry

  • Pharma

    Ähnlich gut verdienten Spitzenmanager im vergangenen Jahr in der Pharmaindustrie. Sie bekamen acht Prozent mehr Gehalt als der Branchendurchschnitt.

  • Automobilindustrie

    Auch in der Automobilindustrie lagen die Durchschnittsgehälter bei 108 Prozent.

  • Banken und Finanzunternehmen

    Die Boni-Deckelungen bei Banken und Finanzunternehmen führten dazu, dass Top-Manager dieser Branche nun beim Gehalt unter dem europäischen Durchschnitt aller Branchen liegen.

  • Transport & Energie

    Auf den letzten Plätzen bei der Gesamtvergütung liegen die Transportunternehmen und Energieversorger.

In den vergangenen Jahren ist das Geschäft der Gehaltsexperten stark gewachsen. Willis Towers Watson ist an der Börse rund 18 Milliarden Dollar wert und beschäftigt weltweit 39 000 Mitarbeiter. In Deutschland konkurriert das Unternehmen mit Spezialanbietern wie Hkp und Personalberatern wie Kienbaum um Aufträge, zudem drängen Wirtschaftsprüfer und Anwälte in den Markt. Die Vergütung von Vorständen ist zwar prestigeträchtig, trägt zum Umsatz der Berater aber nur wenig bei. Lukrativ ist vor allem die Entwicklung von Gehaltsmodellen für die Ebenen darunter.

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Bedarf ist zweifellos da. Unternehmen, die in vielen Ländern aktiv sind, müssen ebenso viele Regeln beachten. Und Investoren hinterfragen die Bezahlung zunehmend kritisch. Alle Wünsche unter einen Hut zu bringen ist alles andere als einfach. „Die Systeme sind so komplex, dass selbst Aufsichtsräte in Dax-Unternehmen nur im Ausnahmefall in der Lage sind, die Grundzüge zu verstehen“, sagt Manuel Theisen, Experte für die Regeln guter Unternehmensführung.

Das müssen sie aber. Da der Aufsichtsrat rechtlich für die Vorstandsvergütung verantwortlich ist, haftet er bei Fehlern. Schaltet er Experten ein, sichert er sich gegen Klagen von Aktionären oder den Vorwurf der Untreue ab. Kaum ein größeres Unternehmen verzichtet heute deshalb noch auf Berater. „Hier hat der Gesetzgeber selbst einen Markt geschaffen“, sagt Theisen.

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