Work-Life-Balance: Ein Plädoyer für den Feierabend

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Work-Life-Balance: Ein Plädoyer für den Feierabend

von Ferdinand Knauß

Glücklich ist, wer sich im Beruf selbst verwirklichen kann. Alle anderen Menschen brauchen die Trennung von Arbeit und Leben. Und Arbeitgeber müssen das akzeptieren.

Thomas Vašek ist sicher ein glücklicher Mensch. Und er lässt die Welt an diesem Glück teilhaben: "Ich liebe meine Arbeit", lautet der erste Satz seines aktuellen Buches. Es heißt "Work-Life-Bullshit" und die These steht im Untertitel: "Warum die Trennung von Arbeit und Leben in die Irre führt."

In diesem Werk teilt uns Vašek, der als Chefredakteur eines Philosophiemagazins seinen Lebensunterhalt verdient, nicht ganz uneitel mit, dass er "gar nicht viel anderes tue" als zu arbeiten und "dennoch weder krank, noch erschöpft" sei und daher das "Gejammer über die Zumutungen der Arbeit" nicht mehr hören könne.

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Sind die vielen arbeitsbedingt psychisch Kranken also nur Hypochonder und Jammerlappen? Führt das Bedürfnis nach Freizeit und nach der Trennung von Arbeit und Leben tatsächlich in die Irre? Ist das Geheimnis des Glücks, die Arbeit ganz einfach zum Lebensinhalt zu machen?



Sind Sie Buronout-gefährdet?

Zunächst einmal muss man fragen, was "Arbeit" ist. Der Philosoph Vašek gibt darauf keine befriedigende Antwort. Er scheint nicht zu merken, dass das, was er pausenlos tut, kaum mit demselben Arbeitsbegriff zu fassen ist wie das, was eine Kassiererin oder ein Bankkaufmann tut. Und daher ist sein Buch mit 275 Seiten trotz aller aufgehäuften Gelehrsamkeit selbst ziemlicher Bullshit.

Der amerikanische Soziologe Richard Florida hat sehr schön beschrieben, wie Künstler, Musiker, Wissenschaftler, Autoren - also Leute wie Vasek - sich nie zwingen lassen und dennoch fast immer mit Kunst, Musik oder Wissenschaft befasst sind, ohne das als Mühsal zu empfinden. Wie sich "Arbeit" und Spiel bei ihnen verwischen, weil sie viel Zeit für intensive Konzentration in Einsamkeit brauchen. Und dazwischen Phasen, in denen sie scheinbar nichts tun, während in ihren Köpfen neue Werke heranreifen. Ein Controller würde das, was Vašek oder Florida tun, nicht "Arbeit" nennen. Und er hätte damit Recht.

Wer seine leidenschaftlichen Interessen ausleben und davon leben kann, und das noch weitgehend selbstverantwortlich und ungebunden, der wird nie ausbrennen. Der hat selbstverständlich auch kein Bedürfnis nach Grenzen für seinen Beruf. Natürlich ist so ein Mensch immun gegen Burnout und andere arbeitsbedingte Krankheiten. Thomas Vašek und Richard Florida können auf die Work-Life-Balance pfeifen, weil für sie Lebensinhalt und Erwerbstätigkeit identisch sind. Happy few!

Arbeit ist etwas anderes. Etymologisch kommt das Wort vom lateinischen "arvum", dem Ackerland, und im Mittelhochdeutschen war es gleichbedeutend mit Mühsal. Der Philosoph Otfried Höffe definiert Arbeit als "Tätigkeit des Menschen in Abhängigkeit von Natur und natürlicher Bedürftigkeit zum Zweck der Lebensunterhaltung und -verbesserung." Oder wie es in der Bibel heißt: "Im Schweiße Deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen."

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4 Kommentare zu Work-Life-Balance: Ein Plädoyer für den Feierabend

  • Es ist zweifelsohne sinnvoll, Arbeit begrifflich zu definieren. Dennoch greift der Autor dieses Beitrags in seiner Definition nicht weniger kurz als der von ihm gerügte Buchautor. Kulturhistorisch wird Arbeit nämlich sehr unterschiedlich konnotiert. Bei den Germanen kam sie der Knechtschaft, gar Sklaverei gleich. In der Antike widmete sich derjenige, der es sich leisten konnte, lieber seiner körperlichen und geistigen Fitness. Im Mittelhochdeutschen stand Arbeit für Mühsal und Strapaze. Das Verständnis des Berufs als Berufung setzte sich mit dem Beginn der Reformation durch. Tolstoi bezeichnete 1880 Arbeit als „unerlässliche Voraussetzung des menschlichen Lebens, die wahre Quelle menschlichen Wohlergehens.“ In diesem Verständnis eröffnet Arbeit Möglichkeiten der schöpferischen Gestaltung und der Selbstentfaltung. In unserer postindustriellen Gesellschaft wird Arbeit immer stärker zum individuellen Wert, die Selbstausbeutung in den Kreativbranchen spricht Bände, dort ist Arbeit das "Sein". Unbestreitbar ist, dass Arbeit Lebenssinn stiften kann: „Ich bin 80 und die Arbeit nimmt noch immer die meiste Zeit in meinem Leben ein. Sie erfüllt mich und hat großen Anteil an meinem Glück“, sagt der russische Arzt Victor M. Shklovsky, Jahrgang 1930, Gründer und Leiter des Zentrums für Neuro-Rehabilitation in Moskau, im Interview mit dem Hirnforscher Ernst Pöppel. All diesen Gedanken gehen wir auch in unserem WirtschaftsWoche-Sachbuch "Sieg der Silberrrücken nach, das jetzt in Kürze erscheint: http://www.lindeverlag.de/titel-141-141/sieg_der_silberruecken-5351/

  • ..das Glück der Mitarbeitenden ist nicht Zweck eines Unternehmens, aber es entscheidet über dessen Erfolg..

    Hier einige Inspirationen und Tipps für den "Feierabend":
    http://www.scopar.de/news/kalte-depression-burnout-vermeiden

  • Sehr guter Artikel. Gut geschrieben, gut durchdacht. Zum Schluss passiert aber ein ernster Denkfehler, wo der Auto selbst in die allgegenwärtige Propagandafalle tappt:

    Bei der Rheinbahn in Düsseldorf hat man nach meiner Ansicht vor allem begriffen, wie man elegant Anspruch auf die Freizeitwelt der Mitarbeiter erhebt. Wie viele Mitarbeiter waren es noch mal, die beim Fernsehgucken, beim Computerspielen, bei der Lektüre eines Schnulzenromans, der Bildzeitung oder meinetwegen eines Pornomagazins abgebildet wurden? Null, nix und keiner. Denn bei der Kampagne geht es ja gar nicht um die Mitarbeiter, und schon gar nicht um den Einzelnen, sondern bloss um die Werte des Unternehmens.

    Die Kampagne sagt: Wir haben kreative, erfolgreiche und sozial verantwortungsbewusste Mitarbeiter, und zwar nicht nur 8 Stunden am Tag, sondern 24 Stunden lang. Wer bei uns mitmischen will, muss auch in der Freizeit diese Werte verkörpern können. BASTA!

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