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Büro der Zukunft: Wand mit Ohren

von detlef gürtler beruf@wiwo.de

Die Technik tritt im Büro der Zukunft immer mehr in den Hintergrund und passt sich den Bedürfnissen des Nutzers individuell an.

Nichts Böses ahnend öffnen wir die Tür zu unserem Büro. Schon an der Tapete erkennen wir, dass der heutige Tag hektisch wird. Die rot flackernde Leuchtschrift an der Wand verkündet: „Die Präsentation wurde auf den 12. Oktober 2030, 12 Uhr vorverlegt“ – das ist in zwei Stunden. „Gustavo, Andrea und irgendjemand von der Agentur“, rufen wir der Tapete zu und setzen uns schon mal in die Konferenzecke. Die Tapete weiß, dass wir jetzt schnell die Präsentation vorbereiten müssen, dass alles andere im Moment unwichtig ist. Sie lässt deshalb nur Anrufer durch, die mit dem Treffen in zwei Stunden zu tun haben. Ansonsten herrscht: Ruhe. Wir haben keinen Computer eingeschaltet, keine Rufumleitung aktiviert, kein Telefon ausgeschaltet. Im Jahr 2030 wird es in unserem Büro keine derartigen Geräte mehr geben. Das meinen jedenfalls Büroforscher wie Norbert Streitz, Begründer und langjähriger Leiter des Forschungsbereichs „Erlebniswelten der Zukunft“ am Fraunhofer-Institut für Integrierte Publikations- und Informationssysteme (IPSI) in Darmstadt. Sämtliche technischen Errungenschaften würden dann schlicht unsichtbar sein. Die Informationstechnologie ist zwar allgegenwärtig und dominiert den Arbeitsalltag noch stärker als heute, tritt aber in den Hintergrund. „Der eigentliche Träger der intelligenten Funktionen des Büros“, sagt Streitz, „ist der Büroraum in seiner Gesamtheit.“ Solche Szenarien klingen nach Science-Fiction und tatsächlich sind sie technisch noch weit entfernt. Doch in vielen Prognosen über die Zukunft der Arbeit sind sich die Büroforscher schon heute einig, etwa dass ein Raum von selbst erkennen wird, wer ihn betritt. Das kann durch einen Fingerabdruck geschehen, vielleicht reicht aber schon der Geruch, den wir verströmen. Oder dass, so Streitz, der Raum „jedem Nutzer genau die Funktionen zuweist, die ihm zustehen, oder die er gerade haben möchte“. Nicht Soft- oder Hardware seien die entscheidenden Merkmale des Büros der Zukunft, sondern ihr Verschmelzen mit einer intelligenten Raumtechnik. „Die Verfügbarkeit von Funktionen ist dann nicht mehr davon abhängig, was sich im Raum befindet, sondern primär davon, wer sich im Raum befindet“, sagt Streitz. Das Verschwinden einzelner Techniken zugunsten einer ganzheitlichen Raumsteuerung war eines der zentralen Ergebnisse eines Workshops, den die Kölnmesse kürzlich veranstaltete. Sechs Experten, vom Trendforscher über die Designerin bis zum Architekten, wollten herausfinden, in welchem Umfeld wir im Jahr 2030 arbeiten werden. Ihre Ergebnisse werden auf der Büromesse Orgatec, die am 24. Oktober beginnt, in einer Ausstellung zu sehen sein.

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Und wahrscheinlich nicht nur auf Begeisterung stoßen. Wie schwer wir uns tun, bei technischen Innovationen lieb gewonnene Gewohnheiten aufzugeben, beschreibt Ludger Hovestadt, Architekturprofessor an der ETH Zürich, am Beispiel des Telefons. „Das ist schon heute kein Gerät mehr, sondern eine Softwarefunktion im Netz.“ Dennoch zeigt sich schon in der Sprache die Tendenz zur Beharrung am Staus quo. Obwohl praktisch kein Gespräch mehr so beendet wird, reden wir immer noch vom „Auflegen“. Viele brauchen einfach das Gefühl, ein Gerät in der Hand zu haben, anstatt den Gesprächspartner direkt über eine intelligente Tapete oder Wand anzusprechen. Auch die Vorstellung, dass sie Texte statt über eine Tastatur über sensorbestückte Oberflächen etwa auf der Tischplatte eintippen, wirkt befremdlich – so als würde man mit einer Luftgitarre Musik machen können. „Die Wände haben Ohren“, das klingt eher nach Überwachung, nach Kontrolle, nach Gefahr. In Zukunft könnte jedoch ein solcher Büroraum zum Statussymbol werden. Wo die Technik als perfekter Dienstleister in den Hintergrund tritt, verändert sich das Verhalten ihrer Nutzer, bietet sie bessere Entfaltungsmöglichkeiten. „Wir werden unser Büro mehr als eine Bühne begreifen“, sagt Thomas Willemeit, Architekt aus Los Angeles, „ein bespielbarer Raum, der in der Lage sein muss, Potenziale aus uns herauszulocken, und der uns die Möglichkeit gibt, das Beste zu geben.“ Die neue Technik passt sich ihren Nutzern optimal an, sie dominiert nicht den Alltag, sondern lässt sich dominieren. Für Willemeit ist der Funktionswandel des Büros deshalb auch ein Indikator für den Übergang von der industriellen zur individualisierten Arbeitswelt: „Wir betrachten einen Büroraum nicht mehr als eine Art Maschinenhalle, wo man Kalkuliertes tut und Aufgaben in Serienschaltung vollbringt.“ Als ein mögliches Element einer Individualisierung des Büros sehen die Forscher des IPSI-Instituts die sogenannte „Hello-Wall“. Diese erkennt heute, wer sich im Raum befindet und welche Funktionen ihm zur Verfügung stehen sollen. Sie liefert alle Informationen, die der Nutzer braucht. Und reagiert auf seine Anforderungen, ob durch Sprache oder durch Mausklick. Ihre Mitteilungen vermittelt sie über sich verändernde Lichtmuster. Und wenn der Mitarbeiter den Raum verlässt, schaltet sie sich automatisch ab.

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