50 Jahre "Bildungskatastrophe" : Studium für alle ist ein Holzweg

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50 Jahre "Bildungskatastrophe" : Studium für alle ist ein Holzweg

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Schlechtes Vorbild der amerikanischen Massenakademisierung: Absolventen der Jacobs University Bremen.

Deutschland betreibt nach amerikanischem Vorbild eine Politik der Akademisierung für fast alle. Dabei zeigt gerade der internationale Vergleich die Vorzüge der dualen Ausbildung, schreibt Bildungsforscher Rainer Bölling.

Vor genau 50 Jahren, im Februar 1964, rief der Religionsphilosoph Georg Picht in der Zeitschrift "Christ und Welt" die deutsche "Bildungskatastrophe" aus. In seinem gleichnamigen Buch, das zum Bestseller wurde, forderte er, die Abiturientenquote von damals nur sieben Prozent innerhalb von zehn Jahren zu verdoppeln und mahnte: "Die Zahl der Abiturienten bezeichnet das geistige Potential eines Volkes, und von dem geistigen Potential sind in der modernen Welt die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft, die Höhe des Sozialproduktes und die politische Stellung abhängig. Der bisherige wirtschaftliche Aufschwung wird ein rasches Ende nehmen, wenn uns die qualifizierten Nachwuchskräfte fehlen, ohne die im technischen Zeitalter kein Produktionssystem etwas leisten kann."

Diese Sichtweise beruht auf der von amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlern entwickelten Humankapitaltheorie, der zufolge eine positive Korrelation zwischen hohem formalen Bildungsniveau und dem Einkommen von Individuen und Nationen besteht. Sie war Picht über den Bildungsökonomen Friedrich Edding vermittelt worden. Dieser hatte 1961 an der ersten Konferenz der neu gegründeten OECD zum Thema „Wirtschaftswachstum und Bildungsaufwand“ teilgenommen, auf der die Humankapitaltheorie eine zentrale Rolle spielte. Als Vorbild galten die USA, wo bereits zwei Drittel eines Altersjahrgangs einen High-School-Abschluss erreichten und ein Drittel ins College ging. Einige Ökonomen meinten sogar, das dortige Begabungsreservoir enthalte „bestimmt noch weit mehr Talente, als bis jetzt daraus abgezapft wurden“. Umso mehr gelte das für fast alle europäischen Staaten.

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Ein halbes Jahrhundert nach Pichts Kassandraruf erwirbt in Deutschland über die Hälfte eines Jahrgangs die allgemeine oder die Fachhochschulreife, und dennoch meinen OECD-gläubige Politiker, Deutschland drohe ein Mangel an Hochqualifizierten, der seinen Wohlstand gefährdet. Warum? Weil andere Länder höhere Abiturienten- und Hochschulabsolventenquoten aufweisen. Welche Ergebnisse die forcierte Ausweitung dieser Abschlüsse dort gebracht hat, wird nicht gefragt. Doch es lohnt sich dieser Frage nachzugehen.

Bildungsökonomie Vergesst die OECD!

Die Bildungsagenda der OECD hat sich in Ministerien und vielen Redaktionen durchgesetzt. Falsch bleibt sie trotzdem. Nicht immer mehr Akademiker, sondern die Qualität des Wissenschaftssystems sollte oberstes Ziel sein.

Schüler im Hörsaal Quelle: dpa

Zu den europäischen Ländern, die die Bildungsexpansion früher und entschiedener betrieben haben als Deutschland, gehören Frankreich und Italien. In Italien wurde schon 1969 den Absolventen aller Schultypen der Sekundarstufe II (einschließlich Techniker- und Berufsschulen) die Hochschulreife zuerkannt, während die Anforderungen deutlich sanken. Das führte zu einem rasanten Anstieg der Abiturientenquote: Bereits 1992 hatte sie die 50-Prozent-Marke überschritten und erreichte 2007 mit 77,5Prozent ihren Höhepunkt, um dann auf 72,6 Prozent abzusinken. Mittlerweile nehmen auch nur noch knapp zwei Drittel der Berechtigten ein Studium auf gegenüber 80 Prozent zu Beginn der 1990er Jahre. Und kaum ein Drittel eines Jahrgangs bringt es überhaupt zu einem Hochschulabschluss. Neben mangelnder Studierfähigkeit und der chronischen Überfüllung der Universitäten spielt hierbei die hohe Akademikerarbeitslosigkeit eine große Rolle. Schon vor 20 Jahren lebten Zehntausende junger Leute mit Abitur und Hochschulausbildung von Hilfsjobs in der Gastronomie und rissen sich um Stellen als Bürodiener oder Schalterbeamter bei der Post. Und Jahre vor der Euro-Schuldenkrise waren bereits 20 bis 24 Prozent der 15- bis 24-jährigen Erwerbsbevölkerung ohne Beschäftigung; bis heute ist die Quote auf 40 Prozent gestiegen. Das Volkseinkommen pro Kopf aber lag in Italien schon 2010 um 18 Prozent niedriger als in Deutschland.

In Frankreich propagierte der sozialistische Erziehungsminister Chevènement 1985 das Ziel, 80 Prozent eines Jahrgangs auf die Stufe des Baccalauréat - des französischen Abiturs - zu führen. Diese auch in Deutschland bekannte Zielmarke ist mit dem Schlagwort „Demokratisierung der Bildungschancen“ verbunden. Allerdings liegt die Quote der Erfolg­reichen heute erst bei 73 Prozent – und das, obwohl das Bac in verschiedene Zweige unter­schiedlichen Anforderungsniveaus unterteilt wurde. Zum traditionellen allgemeinbildenden Abitur (bac général) traten 1969 der technologische und 1985 der berufsbildende Zweig hinzu. Vor allem diesem bac professionnel mit über 70 Schwerpunkten wie Bäcker/Konditor, Metzger oder Kfz-Mechaniker ist der Anstieg der Abiturientenquote über 70 Prozent zuzuschreiben.

Die bisherige OECD-Position ist unhaltbar

Dabei handelt es sich hier um eine ganz überwiegend schulische Berufsausbildung mit einem sehr geringen Praxisanteil von etwa 18 Wochen, die gleichwohl zur Aufnahme jedes Studiums an einer öffentlichen Universität berechtigt. Dort aber findet nach dem ersten Studienjahr eine scharfe Auslese statt, die für viele Studenten bereits das Aus bedeutet. Und wer wirklich Karriere machen will, muss eine der Elitehochschulen mit zweijährigem Vorbereitungskurs und eigenen strengen Aufnahmeprüfungen absolvieren.

Auch der ökonomische Effekt dieser „Demokratisierung“ ist äußerst fraglich. 2006 unterzog die Bildungssoziologin Marie Duru-Bellat in ihrem Buch „L’inflation scolaire“ das Dogma einer kritischen Revision. Ihre international vergleichende Analyse brachte keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Ausdehnung des Schulbesuchs in den entwickelten Ländern zum wirtschaftlichen Wachstum oder zur Senkung von Jugendarbeitslosigkeit beiträgt. In historischer Perspektive zeigte sich vielmehr, dass die Verlängerung der Ausbildung in Frankreich seit den 1970er Jahren mit steigender Jugend­arbeitslosigkeit einherging. Dieser Befund wird durch neuere Zahlen bestätigt. Seit 2004 liegt die Erwerbslosigkeit der 15-24-Jährigen in Frankreich stets über 20 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie in der Bundesrepublik heute. Das Volkseinkommen pro Kopf ist dagegen fast 10 Prozent niedriger als in Deutschland.

Auf der anderen Seite gibt es in Europa Länder, deren Abiturienten- und Akademikerquoten wie die Deutschlands unter dem OECD-Durchschnitt liegen, nämlich Österreich und die Schweiz. Dort hat stattdessen das duale System der Berufsausbildung einen hohen Stellenwert. Eine weitere Gemeinsamkeit dieser Länder besteht darin, dass sie die niedrigste Jugend­arbeitslosigkeit in Europa aufweisen. In Österreich betrug sie 2013 wie in Deutschland etwa 8 Prozent (bei einem EU-Durchschnitt von 23,3), in der Schweiz gar nur 3,5 Prozent. Das Volkseinkommen pro Kopf lag 2010 in Österreich um 3,5 Prozent, in der Schweiz sogar um 22 Prozent über dem Deutschlands, das wiederum klar vor den südeuropäischen Staaten rangierte. Deutschlands südliche Nachbarn schaffen das mit deutlich niedrigeren Abiturienten- und Hochschulabsolventenquoten. In Österreich lag die Maturitätsquote 2010 bei 40 Prozent eines Jahrganges, in der Schweiz gar nur bei 33 Prozent.

Ein überraschendes Lob erfuhr die duale Ausbildung in Deutschland vor einem Jahr aus dem Mund des amerikanischen Präsidenten Obama. Der Hintergrund ist, dass die USA nach Jahrzehnten forcierter Akademisierung gegenwärtig von allen OECD-Ländern die höchsten Abbrecherquoten in post-sekundären Bildungsgängen aufweisen, wie die OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger in einem Aufsatz selbst feststellt: „Von den etwa 70 Prozent einer Alterskohorte, die ein Studium am College beginnen, haben im Alter von 25 Jahren nur etwa die Hälfte tatsächlich einen Abschluss erreicht. Und von diesen 25-jährigen College-Absolventen sind wiederum etwa die Hälfte entweder arbeitslos, oder sie arbeiten in Jobs, die nicht ihrem formalen Ausbildungsstand entsprechen.“

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Hier wird die Kehrseite der zum Dogma erstarrten Humankapitaltheorie greifbar. Die bildungspolitische Heilslehre der OECD führt eben nicht unbedingt dazu, „Schüler und Studierende von Weltklasseformat auszubilden“, wie es im aktuellen OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick“ vollmundig heißt. Vielmehr bleiben – so Ischinger – „in einem System, das primär auf die Universitätsbildung fokussiert ist und darüber die berufliche Ausbildung vernachlässigt, diejenigen auf der Strecke, die keine ausgeprägten akademischen Neigungen haben und deren Talente eher in angewandter Technik oder im Handwerk liegen.“ Diese Erkenntnis sollte Grund genug sein, die bisherige Position der OECD schnellstens zu revidieren.

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