Achim Wambach: "Die Blackbox der VWL wird jetzt aufgebohrt"

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InterviewAchim Wambach: "Die Blackbox der VWL wird jetzt aufgebohrt"

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Achim Wambach im Interview.

von Bert Losse

Der Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik über die Wettbewerbsnachteile der deutschen VWL – und das Ende des Elfenbeinturms in der Ökonomie.

WirtschaftsWoche: Professor Wambach, Anfang Oktober wird der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Ökonomie vergeben. Wie groß ist die Chance, dass ein Deutscher die Auszeichnung erhält?
Achim Wambach: Ehrlich gesagt: nicht sehr groß.

Der bisher einzige deutsche Preisträger war 1994 der Spieltheoretiker Reinhard Selten. Warum fehlt es deutschen Ökonomen speziell im Vergleich zu den US-Kollegen an Exzellenz?
Vorsicht! Die USA haben in der Forschung zwar noch einen Vorsprung. Es kommt nicht von ungefähr, dass viele deutsche Topökonomen an US-Hochschulen arbeiten. Aber die Wirtschaftswissenschaften in Deutschland und im gesamten deutschsprachigen Raum holen gewaltig auf – vielleicht gibt es den Nobelpreis ja in einigen Jahren. In der Verhaltensökonomie etwa zählen wir mittlerweile zur Weltspitze. Auch generell hat sich die wissenschaftliche Ausbildung verbessert. Aber wir leiden in Deutschland eben unter strukturellen Nachteilen.

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Was meinen Sie damit?
Die meisten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten sind sehr klein, dort arbeiten manchmal nur vier bis fünf Volkswirte. Da ist es schwer bis unmöglich, ein anspruchsvolles Graduiertenprogramm aufzubauen oder hochkarätige Gastwissenschaftler anzulocken. Das schaffen nur große Unis wie Bonn, Zürich, Köln, München, Mannheim, Berlin oder Frankfurt. In den USA gibt es dagegen rund 50 Universitäten mit großen Fakultäten, die nicht nur Professoren, sondern auch international umworbene „Postdocs“, also promovierte Ökonomen, die nach einer Professur streben, anlocken.

Zur Person

  • Achim Wambach

    Achim Wambach, 49, zählt zu den einflussreichsten Ökonomen in Deutschland. Er ist Vorsitzender der Monopolkommission und Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Seit Anfang des Jahres steht er auch an der Spitze des Vereins für Socialpolitik. Die Vereinigung von Ökonomen trifft sich vom 3. bis 6. September in Wien zu ihrer Jahrestagung.

Wie lässt sich das Problem entschärfen?
Zum Beispiel durch Kooperation. Die kleineren Hochschulen in Deutschland müssen ihre Kräfte stärker bündeln. Da gibt es auch schon gute Ansätze wie das Bavarian Graduate Program in Economics. Hier bieten zehn bayrische Universitäten ein gemeinsames Kurs- und Seminarprogramm für Doktoranden an. Ein ähnliches Projekt läuft im Ruhrgebiet.

Spielt auch das Geld eine Rolle im Wettbewerb um die klügsten Köpfe?
Absolut. An einer öffentlichen Universität in den USA kommen bei Ökonomen schon mal 200.000 Dollar und mehr zusammen. In Deutschland setzen relativ starre Besoldungstabellen den Rahmen, hier kommt man in der höchsten Stufe W3 auf rund 70.000 Euro, plus vielleicht die eine oder andere Zulage. Wer als deutscher Spitzenökonom sein Leben rein pekuniär optimieren möchte und andere Faktoren ausblendet, geht in die USA. Ganz nebenbei: Man hat dort auch geringere Lehrverpflichtungen als bei uns.

Plurale Ökonomen Neue Lehren für die Volkswirtschaft

Ein von George Soros unterstütztes Onlinelehrbuch soll die VWL modernisieren. Viele deutsche Studenten sind aber auch damit unzufrieden.

Mit Piketty zum Papierflieger: Onlinelehrbuch will die VWL modernisieren. Quelle: Getty Images

Auch inhaltlich ist die VWL im Umbruch. Bei welchen Themen ist die meiste Musik drin?
In der Verhaltensökonomik und der Politischen Ökonomie haben wir derzeit große Forschungszentren. Die Finanzkrise hat neue spannende Arbeiten in der Makroökonomie und im Finance-Bereich angeregt. Auch Digitalisierung und Big Data geben der VWL neue Impulse.

Inwiefern?
In der digitalen Wirtschaft haben wir es mit völlig neuen Markt- und Preisstrukturen zu tun. Das Thema Marktdesign entwickelt sich daher zu einem bedeutenden Forschungsthema – übrigens auch in den Unternehmen. Google, Amazon und Ebay greifen verstärkt auf Ökonomen zurück. Wir haben zudem immer größere Datenmengen zur Verfügung und können sie technisch immer besser verarbeiten. Das gibt der empirischen Wissenschaft neuen Schwung. Durch schlaueres Datendesign, Labor- und Feldexperimente können wir nicht mehr nur Zusammenhänge nachweisen – sondern diese auch besser erklären. Was wir früher als Blackbox akzeptiert haben, wird jetzt aufgebohrt.

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