Anpassung par excellence: "Ich wünsche mir Leidenschaft auf einer abstrakten Ebene"

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Anpassung par excellence: Sind die Hörsäle voller Duckmäuser?

"Ich wünsche mir Leidenschaft auf einer abstrakten Ebene"

Aber das ist doch auch so gewollt. Die Studenten sollen schnell der Wirtschaft zur Verfügung stehen. Das macht Druck - vielleicht sogar Angst?

Aber woher kommt diese Existenzangst? Wir sind eigentlich in einer guten wirtschaftlichen Situation. Ein Studium, auch ein geisteswissenschaftliches, gilt als Schutz vor Arbeitslosigkeit. Der Druck und die Angst haben damit zu tun, dass die Altersgruppe der jetzt unter 25-Jährigen die erste Generation ist, die ernsthaft versucht, alles unter einen Hut zu bringen: Der Job soll nicht nur Broterwerb sein, sondern Sinnspender, aber das ganze Leben soll er nicht bestimmen. Die Partnerschaft soll gelingen, ein Kind gehört auch meistens zur Lebensplanung, und man will bei all dem selber nicht zu kurz kommen. Es gibt keine andere Altersgruppe, die sich ein solches Pflichtprogramm vorgenommen hat. Die Betonung liegt auf Pflicht. Deshalb verstehe ich, dass viele Studenten sich unter Druck fühlen. Aber ich wünsche mir, dass sie das nicht erst dann artikulieren, wenn einer Dozentin der Kragen platzt. Mir geht es nicht um einen Generationenkonflikt.

Studenten-Typologie Von Karriere-Kai bis Helfer-Hannes

Eine exklusive Studie zeigt, was Deutschlands Studenten unter Karriere verstehen, welche Werte ihr Leben prägen und was sie von Ihren künftigen Arbeitgebern erwarten. 

Quelle: dpa

Sondern?

Mir geht es darum zu sagen: Fordert das, was eine Uni leisten könnte, auch mal ein. Gebt euch nicht damit zufrieden, dass wir hier nur Prüfungsergebnisse abfragen.

Welchen Typus Student wünschen Sie sich denn?

Diejenigen, von denen es trotz allem noch einige gibt und die manchmal von ihren effizienten Kommilitonen regelrecht fertig gemacht werden: Studenten, die sich über gesellschaftliche Entwicklungen Gedanken machen und sich nicht nur fragen: "Was bringt mir diese Veranstaltung namens Studium für den Lebenslauf?". Die auch einmal jenseits der persönlichen Betroffenheit auf einer abstrakteren Ebene nachdenken. Banales Beispiel: Wenn ich nachfrage, was sie unter Politik verstehen, sagen mir Seminarteilnehmer, sie finden einen klassischen Politikbegriff langweilig. Staat, Partei, Ämter, Nachrichten vom Typus "Minister A ist nach B gereist" – langweilig. Dann frage ich: „Was ist denn dann Politik für Sie - jenseits von Staat, Amtsinhabern und Parteien?“ Dann blicke ich in ratlose Gesichter. Da fehlt die Leidenschaft, ein alternatives Modell der Beteiligung zu entwickeln. Zu überlegen, wie kann denn Politik anders funktionieren? Und nicht nur dann, wenn es dafür Credit Points gibt.

Die unterschiedlichen Studenten-Typen

  • Sucher-Simon

    Sein Profil ist sehr diffus. Nichts ist ihm so richtig wichtig. Er scheint sich noch nicht entschieden zu haben, was er einmal erreichen möchte. Weder Selbstverwirklichung noch der Erfolg seines Arbeitgebers ist diesem Typ besonders wichtig. Am meisten Wert legt er noch auf Work-Life-Balance. „Wenn sich Sucher-Simon bis zum Ende des Studiums nicht erheblich ändert, wird er es in der Wirtschaft ganz schön schwer haben“, sagt Hesse.

  • Familien-Franzi

    Work-Life-Balance ist für diesen Typ zentral. Der Kinderwunsch ist ausgeprägt, Traditionen hält sie hoch. Sie ist auf der Suche nach einem langfristigen Karriereweg, bei einem Arbeitgeber der sie gut entlohnt und bei dem sie nach Dienstschluss getrost das Handy abschalten kann.

  • Helfer-Hannes

    Dieser Typ ist besonders darauf bedacht, anderen Menschen zu helfen, seinen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten und sein Leben mit Sinn zu füllen. Deshalb fordert er von seinem Arbeitgeber eine Unternehmenskultur, die sich an ideellen Werten orientiert. Geld und persönlicher Erfolg sind für ihn zweitrangig. Sich selbst bei der Arbeit zu verwirklichen und einen Beitrag zum Erfolg des Unternehmens zu leisten, ist für ihn wichtiger.

  • Alles-Anna

    Familie? Ja – Führungsposition? Ja – Sich sozial engagieren? Ja. An erster Stelle steht bei all dem stets das ausgeglichene Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben. Eine gute Bezahlung vom Arbeitgeber ist ihnen ebenso wichtig, wie sein gesellschaftliches Engagement und seine herausragenden Produkte. Sie wollen langfristige Perspektiven genauso wie flexible Arbeitszeiten. Die hohen Ansprüche stellen sie auch an sich selbst. Sie sind engagiert, interessiert und ambitioniert. „Aber auch sie werden den ein oder anderen Kompromiss eingehen müssen“, sagt Hesse.

  • Karriere-Kai

    Sein persönlicher Erfolg und sein Job stehen für ihn im Vordergrund. Gute Bezahlung und andere materielle Werte sind für ihn wichtig. Er ist ehrgeizig. Ein Viertel aus diesem Cluster ist bereit mehr als 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. „Sie verkörpern die klassische Karriereorientierung, wie sie sie bei den Babyboomern kennengelernt haben“, heißt es in der Studie.

Ist das für Sie frustrierend?

Frustriert bin ich nicht, denn es ist ja nicht so, als gebe es überhaupt keine engagierten und über den eigenen Bauchnabel hinaus schauenden Studenten. Was ich sage gilt weder nicht für jeden. Es ist eine Entwicklung, die ich bei einer größer werdenden Gruppe beobachte. Es gibt sozusagen eine kritische Masse der Unkritischen. Und das finde ich bedenklich. Man braucht ja in einer Demokratie ernsthafte Debatten. Man braucht Leute, die Argumente austauschen und sagen: Das könnte doch auch ganz anders funktionieren. Wenn bei Umfragen unter Studenten immer nur die Rückmeldung kommt, dass sie im Studium noch besser auf die Arbeitswelt vorbereitet werden wollen, dann kann ich das zwar verstehen - aber es ist zu wenig. Wenn man in den Gesellschaftswissenschaften nicht mehr zweckfrei über Gesellschaft nachdenken kann, dann weiß ich nicht, wo das sonst passieren sollte.

Ich frage in jedem meiner Module: "Warum studieren Sie Politikwissenschaften?" oder "Warum studieren Sie es ausgerechnet hier, in Bonn?". Oft bekomme ich da sehr pragmatische Antworten. Weil man eben irgendetwas studieren sollte, wenn man Abitur gemacht hat. Weil die Familie oder die Freunde in der Nähe wohnen. Weil München zu teuer ist.

Ist das nicht nachvollziehbar?

Doch, aber ich möchte mir einen gewissen Idealismus bewahren dürfen. Etwa, dass ich ein Studienfach immer noch nach Begabung und Neigung auswählen darf. Dass ich ein Institut wähle, dessen Profil mich interessiert. Dass ich dorthin gehe, wo auch Originaltexte gelesen werden. Dass ich mich bewusst für akademische Bildung entscheide und nicht nur für Ausbildung. Kann sein, dass das nostalgisches Gesülze ist. Aber ich habe allein auf die Ankündigung des Buches hin so viele Rückmeldungen bekommen – von Studierenden wie von Lehrenden -, die darauf schließen lassen, dass es da offenkundig Probleme gibt, über die bisher nicht offen gesprochen wurde.

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