Anpassung par excellence: Sind die Hörsäle voller Duckmäuser?

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InterviewAnpassung par excellence: Sind die Hörsäle voller Duckmäuser?

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Christiane Florin ist Journalistin und Lehrbeauftragte für Politikwissenschaften an der Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

von Kerstin Dämon

"Warum sind unsere Studenten so angepasst?" Diese Frage will die Politikwissenschaftlerin Christiane Florin in ihrem Buch beantworten. Ein Interview über Desinteresse und Ahnungslosigkeit der Studenten von heute.

WirtschaftsWoche: Sie sagen, die heutigen Studenten haben keine Lust mehr zu diskutieren. Im Internet sieht das aber oft ganz anders aus...

Christiane Florin: Sie haben zumindest häufig keine Lust, im Seminarraum zu diskutieren und sich beim Austausch unterschiedlicher Positionen in die Augen zu sehen.

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Weil sie reale Reaktionen nicht mehr aushalten?

Auch das, ja. Aber vor allem, weil im Seminarraum etwas anderes gefragt ist als nur auf "Like" zu klicken. In einem akademischen Rahmen wird erwartet, dass man Argumente entwickelt, sich in die Rolle des Gegenübers hineinversetzt. Idealerweise steht dann am Ende ein eigener, begründeter Standpunkt, nicht nur eine Meinung. Das ist anstrengend. Und die Studenten erfahren leider nicht immer, dass sich diese Anstrengung auch lohnt. Sie können ja auch durch ein Studium kommen, ohne jemals einen eigenen Standpunkt entwickelt zu haben.

Das Buch "Warum unsere Studenten so angepasst sind" erscheint am 01.September 2014. ISBN: 978-3-499-61741-6 Quelle: Presse

Das Buch "Warum unsere Studenten so angepasst sind" erscheint am 01.September 2014. ISBN: 978-3-499-61741-6

Bild: Presse

Können Sie sich erklären, woran das liegt?

Meine naive Annahme war: Wer sich für ein Studium einschreibt, der hat Freude daran, sich Gedanken zu machen. Der bereitet zum Beispiel ein Referat vor, am Ende des Referats steht eine These, über die die Kommilitonen dann munter diskutieren. Das funktioniert so nicht mehr. Diskussionsbereitschaft ist nicht mehr selbstverständlich vorhanden, die müssen wir explizit einfordern und eben auch belohnen. Wir unterwerfen uns einer ökonomischen Logik.

Zur Person

  • Christiane Florin

    Dr. Christiane Florin ist seit über zehn Jahren Lehrbeauftrage am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn. Ihre Fachgebiete sind Medienpolitik und Medienkultur. Sie selbst studierte in Bonn und Paris Politik, Geschichte und Musikwissenschaft. Bis 2010 leitete sie das Feuilleton des "Rheinischen Merkur", heute ist sie die Redaktionsleiterin von "Christ und Welt" in der "ZEIT".

Als wichtig gilt, was prüfungsrelevant ist und was benotet wird. Dozenten, die ausdrücklich Debattenseminare anbieten und dafür dann auch Punkte vergeben, die machen gute Erfahrung. Da wird diskutiert.

Ist dafür nicht das Creditpoint-System von Bologna verantwortlich? Die Studenten wollen ihre Zeit und Energie nicht einfach auf etwas verschwenden, dass ihnen nicht messbar etwas einbringt…

Bologna steht am Ende eines bestimmten Prozesses, nicht am Anfang. Die Beobachtung, dass es sehr mühsam ist, überhaupt einmal Widerspruch zu bekommen, konnten Sie schon vor der Bologna-Reform machen. Um fundiert widersprechen zu können, müsste man allerdings auch etwas gelesen haben, das man der Dozentin um die Ohren hauen könnte. Aber auch gelesen wird nur das, was als prüfungsrelevant auf der Literaturliste angeben ist. Mein Eindruck ist, dass viele Studenten Bologna begeistert oder zumindest mit einer gewissen Erleichterung annehmen, weil es einfach die Fortsetzung der Schule ist. Da weiß man, woran man ist. In der Regel muss man den Stundenplan nicht selber zusammenstellen, dazu kommt die klare Ansage: "Diese Seiten müssen Sie jetzt für die Prüfungen lesen und die Seiten können Sie weglassen." Das wird von den meisten Studenten sehr geschätzt. Es ist eher meine Altersgruppe, die jammert und klagt, weil alles so verschult ist und wir selbst freier studieren konnten. Dass früher alles besser war, habe ich damit nicht gesagt.

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