Berufsschulen: Die duale Berufsbildung ist in Gefahr

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Berufsschulen: Die duale Berufsbildung ist in Gefahr

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Angehende Mechatroniker bei der Ausbildung.

von Ferdinand Knauß

Lehrer an beruflichen Schulen schlagen Alarm: Die Fixierung der Bildungspolitik auf steigende Studentenzahlen gefährde das duale Berufsbildungssystem. Derweil werden dessen Fähigkeiten zur Weiterbildung vergeudet.

Der übertriebene Anstieg des Anteils der Studierenden unter jungen Menschen gefährde die Leistungsfähigkeit der dualen Berufsbildung in Deutschland, warnen der Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen (BLBS) und der Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen (VLW). Schuld daran sei auch die Fixierung der Bildungsdebatte auf das Gymnasium und die Hochschulen. Das habe dazu geführt, dass nicht nur akademisch gebildete Eltern ihre Kinder unbedingt zu Abitur und Hochschulstudium anhielten, weil sie die Alternativen der beruflichen Qualifikation unterschätzen. „Da ist in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren etwas gewaltig schief gelaufen in der der gesellschaftspolitischen Vermittlung“, sagt Wolfgang Lambl, stellvertretender Bundesvorsitzender des BLBS, im Gespräch mit der WirtschaftsWoche.

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Angelika Rehm, die Bundesvorsitzende des VLW, spricht ähnlich wie der frühere Kulturstaatsminister und Bildungsphilosoph Julian Nida-Rümelin von einem „Akademisierungswahn“. „Wir schielen viel zu sehr auf das angelsächsische Modell einer Akademisierung der Berufe.“ Schuld an der Schieflage der deutschen Bildungsdiskussion sei auch die OECD: „Die Macher der OECD-Studien kennen nicht unser berufliches Schulwesen und meinen daher, das Allheilmittel sei, dass alle Abitur machen.“ Die daraus abgeleiteten bildungspolitischen Forderungen ignorierten, dass das duale berufsbildende System in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit Jahrzehnten das Rückgrat einer funktionierenden Wirtschaft sei und nun durch sinkende Schülerzahlen und öffentliche Vernachlässigung geschwächt werde.

Die innerdeutsche Debatte werde, so kritisiert Rehm, vor allem von Menschen in Politik und Medien geführt, die selbst den Weg über allgemeinbildende Schulen und Universitäten genommen haben, und denen das berufliche Schulwesen wenig bekannt sei.

Bildungspolitik Akademisierung gefährdet duale Berufsbildung

Bildungsphilosoph und Ex-Staatsminister Nida-Rümelin befürchtet, dass der Anstieg der Studentenzahlen die duale Berufsbildung beschädigt, und fordert eine offene Debatte über Grundsatzfragen.

Der ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) Quelle: Presse

Unterstützung erhalten die Berufsschullehrer von Josef Kraus, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands. Er widerspricht der von OECD und vielen Bildungspolitikern vertretenen These, dass eine höhere Akademikerquote im Interesse der Beschäftigungsmöglichkeiten junger Leute sei: „Dadurch dass man alle Berufe akademisiert, gibt es nicht automatisch mehr Arbeitsplätze.“ Das entscheidende Kriterium sei die Jugendarbeitslosigkeit, und da stehe Deutschland zusammen mit Österreich und der Schweiz einmalig gut da – dank des dualen Systems. „Die Behauptung der OECD, es gäbe eine Korrelation zwischen Wohlstand und Akademikerquote ist völlig falsch“, kritisiert Kraus. „Ich verstehe auch nicht, dass die Bundesregierung und auch die Kultusministerkonferenz nicht der OECD und der Bertelsmann-Stiftung endlich mal widersprechen, weil deren Studien völlig an der Wirklichkeit vorbeigehen.“

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6 Kommentare zu Berufsschulen: Die duale Berufsbildung ist in Gefahr

  • Es ist sehr wichtig, dass führende Wirtschaftspublikationen den Stellenwert der beruflichen Bildung herausheben. Dem außerordentlich guten Artikel ist nur eines noch hinzuzufügen:
    Die OECD- Bildungsstrategen vergessen hinsichtlich des finanziellen Aufwandes für Bildung, dass die Betriebe diese in unserem Lande ganz wesentlich mitfinanzieren. Würde man den Beitrag zu dem Gesamtbildungsaufwand addieren, wäre unser Land dasjenige, das die höchsten Bildungsanstrengungen weltweit generiert.
    G.I., Berufsschullehrer a.D.

  • Man muss Facharbeiter und Meister in der Industrie und im Handwerk aufwerten denn sie sind das Rückgrad unseres technologischen Vorsprunges in der Welt. Diese Berufe gehen über das Duale System um müssen unbedingt erhalten werden.

  • Dieser Artikel war überfällig. Die Leistungen und der Wert der beruflichen Bildung werden in der Öffentlichkeit immer noch verkannt. Und dies, obwohl uns die ganze Welt um unsere gut ausgebildeten Fachkräfte beneidet. Erstaunlich ist, dass nicht Handwerk, Industrie oder die Kammern öfter den Wert der beruflichen Bildung im dualen System herausstellen. Es müssen mehr Mittel in die hoch effiziente berufliche Bildung investiert werden. Gut, dass die Lehrerverbände darauf aufmerksam machen.
    G.S., Schulleiter, eines beruflichen Schulzentrums

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