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Bildung: Die Inflation des Abiturs

18. Januar 2013
Abiturprüfung 2011 im Fach Deutsch in der Turnhalle des Anton-Bruckner-Gymnasiums in Straubing (Bayern) Quelle: dpaBild vergrößern
Abiturprüfung 2011 im Fach Deutsch in der Turnhalle des Anton-Bruckner-Gymnasiums in Straubing (Bayern) Quelle: dpa
von Ferdinand Knauß

Der Streit um die G8-Reform verdeckt die wahren Probleme des deutschen Schulsystems. Eine desorientierte Politik und vulgärökonomistische Ideologen ruinieren das Bildungsniveau der Abiturienten.

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Die Schulen sind zum Experimentierfeld einer völlig enthemmten Bildungspolitik geworden. Gerade erst hatten alle Bundesländer außer Rheinland-Pfalz die Umstellung auf "G8", also das achtjährige Gymnasium mit dem Abitur nach 12 statt wie bislang 13 Schuljahren, beschlossen. Nach den ersten Erfahrungen in der Praxis gab es harsche Kritik von Schülern, Eltern und Lehrern - eine Emnid-Umfrage zeigt, dass neun von zehn Müttern oder Vätern gar nichts vom "Turbo-Abi" halten. Und umgehend rücken jetzt viele Länder zumindest teilweise wieder davon ab. In Nordrhein-Westfalen gibt es bereits einige Modellschulen, an denen G9 wieder eingeführt wurde, ähnliches gilt für Schleswig-Holstein. Baden-Württemberg will seinen Schulen die Entscheidung überlassen, Bayern erlaubt Schülern, freiwillig ein Jahr länger zu bleiben.

Tatsächlich ist allerdings die heiß diskutierte Frage, ob nun G8 oder G9 besser ist, nicht die wirklich entscheidende. Hinter der Fassade des Streits um das Turbo-Abi geschehen an unserem Schulsystem nämlich Veränderungen, die einschneidender sind, als die Frage nach dem pro oder contra für ein Schuljahr, das in der Realität ohnehin eher ein halbes als ein ganzes Unterrichtsjahr war und ist. Nicht wann oder wie lange unsere Schüler lernen ist entscheidend, sondern was und ob sie mit einem Abiturzeugnis tatsächlich "hochschulreif" sind. Die Entscheidungen darüber fallen aber ohne öffentliche oder parlamentarische Debatten in den Hinterzimmern der Exekutive.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, nennt das, was an deutschen Gymnasien passiert, einen "Abiturwahn". Man könnte auch von einer galoppierenden Inflation sprechen. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Es war nur wenigen Medien eine kurze Nachricht wert, dass sich in Nordrhein-Westfalen nicht nur die absolute Zahl der Abiturienten erhöht, sondern dass sich in den vergangenen Jahren auch die Noten dieser Abiturienten sehr stark verbessert haben. 2002 lag die Durchschnittsabiturnote noch bei 2,68, während sie im vergangenen Jahr bei 2,5 lag. Die Zahl der Abiturienten mit einem glatten Einser-Schnitt (1,0) stieg in den letzten fünf Jahren um sagenhafte 120 Prozent auf genau 1000 Schüler. Die Entwicklung ist nicht auf NRW beschränkt. Zum Beispiel schafften junge Thüringer im Schnitt sogar ein 2,0- und Bayern und Baden-Württemberger ein 2,4-Abi.

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Was ist los mit den deutschen Schülern? Können mehr als 40 Prozent der Kinder – in Hamburg liegt der Abiturientenanteil bereits bei über 50 Prozent - überhaupt das Niveau erreichen, das zur Hochschulreife nötig ist? Sind sie kollektiv klüger und fleißiger geworden? Die nordrhein-westfälische Kultusministerin Sylvia Löhrmann behauptet das tatsächlich. Gerade die guten Schüler strengten sich besonders an. Sie gehe daher davon aus, dass der Anstieg "nicht auf eine Senkung der Anforderungen im Abitur" zurückzuführen sei – wie die CDU-Landtagsabgeordnete Ina Scharrenbach zuvor behauptet hatte.

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Kommentare | 28Alle Kommentare
  • 25.10.2013, 17:38 UhrJoddliBolli

    Zustimmung! Aber bilden sie sich mal nicht so viel auf ihre "Zertifikate" ein und ein Studium ist so ein "Zertifikat". Wirklich etwas "Erschaffen" ist zumindest m.E. das wirklich "Besondere", wenn man davon sprechen kann...

  • 21.06.2013, 13:06 UhrAngelika

    Waren wir früher so viel dümmer, wenn man sich die heutigen Abinoten anschaut? Zum Vergleich: Mein Abiturjahrgang 1983, Gymnasium eines bürgerlichen Vororts im Westen Berlins: 102 Abiturienten, davon 2 nicht bestanden, von den restlichen 100 haben ganze 11 (!) einen Schnitt von unter 2,0 erzielt, einmal die 1,0. Heute, Jahrgang 2013, zum Vergleich in einer brandenburgischen Kleinstadt: 77 Abiturienten im zweitbesten Gymnasium dieser Stadt, davon 4 Durchfaller; von den erfolgreichen 73 haben 23 (!) einen Schnitt von 1,9 und besser; einer die 1,0. Prozentual liegt hier der Anteil von Einserkandidaten also bei fast 30 %; im Gegensatz zu meinem früheren Jahrgang (knapp 11 %). Waren wir früher also wirklich so viel dümmer, oder was ist da los???

  • 06.06.2013, 17:22 UhrGast

    Hier bekommt man gezeigt, was gute Schulausbildung Lehrern und Schülern bringt.
    http://www.visiblelearning.de/

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