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Bildung: Die Inflation des Abiturs

von Ferdinand Knauß

Der Streit um die G8-Reform verdeckt die wahren Probleme des deutschen Schulsystems. Eine desorientierte Politik und vulgärökonomistische Ideologen ruinieren das Bildungsniveau der Abiturienten.

Abiturprüfung 2011 im Fach Deutsch in der Turnhalle des Anton-Bruckner-Gymnasiums in Straubing (Bayern) Quelle: dpa
Abiturprüfung 2011 im Fach Deutsch in der Turnhalle des Anton-Bruckner-Gymnasiums in Straubing (Bayern) Quelle: dpa

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Die Schulen sind zum Experimentierfeld einer völlig enthemmten Bildungspolitik geworden. Gerade erst hatten alle Bundesländer außer Rheinland-Pfalz die Umstellung auf "G8", also das achtjährige Gymnasium mit dem Abitur nach 12 statt wie bislang 13 Schuljahren, beschlossen. Nach den ersten Erfahrungen in der Praxis gab es harsche Kritik von Schülern, Eltern und Lehrern - eine Emnid-Umfrage zeigt, dass neun von zehn Müttern oder Vätern gar nichts vom "Turbo-Abi" halten. Und umgehend rücken jetzt viele Länder zumindest teilweise wieder davon ab. In Nordrhein-Westfalen gibt es bereits einige Modellschulen, an denen G9 wieder eingeführt wurde, ähnliches gilt für Schleswig-Holstein. Baden-Württemberg will seinen Schulen die Entscheidung überlassen, Bayern erlaubt Schülern, freiwillig ein Jahr länger zu bleiben.

Tatsächlich ist allerdings die heiß diskutierte Frage, ob nun G8 oder G9 besser ist, nicht die wirklich entscheidende. Hinter der Fassade des Streits um das Turbo-Abi geschehen an unserem Schulsystem nämlich Veränderungen, die einschneidender sind, als die Frage nach dem pro oder contra für ein Schuljahr, das in der Realität ohnehin eher ein halbes als ein ganzes Unterrichtsjahr war und ist. Nicht wann oder wie lange unsere Schüler lernen ist entscheidend, sondern was und ob sie mit einem Abiturzeugnis tatsächlich "hochschulreif" sind. Die Entscheidungen darüber fallen aber ohne öffentliche oder parlamentarische Debatten in den Hinterzimmern der Exekutive.

Baden-Württemberg

Stärken: Der Chancenspiegel präsentiert ein sehr ähnliches Ergebnis wie vorangegangene Pisa-Tests: Was Leistung angeht, sind die Schüler in Baden-Württemberg spitze: Die Lesekompetenz von Neuntklässlern ist überdurchschnittlich, 50,3 Prozent machen das Abitur, nur 5,7 Prozent der Schüler machen keinen Abschluss (Bundesdurchschnitt: 7 Prozent)

Schwächen: Zu den Topschülern gehören leider nur die mit wohlhabendem Elternhaus, Schüler aus sozial schwachen Strukturen haben wenig Chancen, das Gymnasium zu besuchen: Die Chance eines Kindes aus oberen Sozialschichten, das Gymnasium zu besuchen, ist 6,6 mal höher als die eines Kindes aus unteren Sozialschichten (Bundesdurchschnitt: 4,5). Einem Aufwärts- stehen 3,1 Abwärtswechsel gegenüber (Bundesdurchschnitt: 1:4,3). Heißt: Pro Schüler, der von der Realschule aufs Gymnasium wechselt, gehen mehr als drei Schüler den umgekehrten Weg.

Bild: dpa

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, nennt das, was an deutschen Gymnasien passiert, einen "Abiturwahn". Man könnte auch von einer galoppierenden Inflation sprechen. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Es war nur wenigen Medien eine kurze Nachricht wert, dass sich in Nordrhein-Westfalen nicht nur die absolute Zahl der Abiturienten erhöht, sondern dass sich in den vergangenen Jahren auch die Noten dieser Abiturienten sehr stark verbessert haben. 2002 lag die Durchschnittsabiturnote noch bei 2,68, während sie im vergangenen Jahr bei 2,5 lag. Die Zahl der Abiturienten mit einem glatten Einser-Schnitt (1,0) stieg in den letzten fünf Jahren um sagenhafte 120 Prozent auf genau 1000 Schüler. Die Entwicklung ist nicht auf NRW beschränkt. Zum Beispiel schafften junge Thüringer im Schnitt sogar ein 2,0- und Bayern und Baden-Württemberger ein 2,4-Abi.

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Was ist los mit den deutschen Schülern? Können mehr als 40 Prozent der Kinder – in Hamburg liegt der Abiturientenanteil bereits bei über 50 Prozent - überhaupt das Niveau erreichen, das zur Hochschulreife nötig ist? Sind sie kollektiv klüger und fleißiger geworden? Die nordrhein-westfälische Kultusministerin Sylvia Löhrmann behauptet das tatsächlich. Gerade die guten Schüler strengten sich besonders an. Sie gehe daher davon aus, dass der Anstieg "nicht auf eine Senkung der Anforderungen im Abitur" zurückzuführen sei – wie die CDU-Landtagsabgeordnete Ina Scharrenbach zuvor behauptet hatte.

25 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 22.03.2013, 18:32 UhrDEUFRA2011

    Wie dumm ist der letzte Satz. Deutschland braucht beides.

  • 15.02.2013, 09:36 UhrRalf

    Kaum zu fassen, wenn man das so liest. Es entsteht der Eindruck, das vor den Reformen der letzten Jahre das bildungstechnische Paradies herrschte und nun alles kaputt gemacht wird. Die Frage ist, was wir mit dem System erreichen wollen. Geht es darum, wie früher eine kleine Elite in sich selbst zu erhalten? Dann hat der Artikel Recht. Wollen wir die Benachteiligung von Kindern bildungsferner und ärmerer Schichten sowie von Migranten beseitigen? Und dazu noch verhindern, das ein immer größerer Mangel an Fachkräften herrscht? Dann ist das hier alles nur sehr subjektives Gefasel über Zustände einer Vergangenheit, die kaum erstrebenswert ist. Wenn die deutsche Gesellschaft ihre Position im globalen Vergleich erhalten will, braucht sie ein breiteres Bildungsniveau, keine kleine exzellent gebildete Elite.

  • 13.02.2013, 19:14 UhrGunther

    Danke für diesen erhellenden Artikel, dessen Inhalte ich in ähnlicher Form schon seit Einführung unseres Zentral - "Abitures" in NRW aus eigener Erfahrung bestätigen kann und unablässig propagiere! Unsere Bildungsideologen, gleichgültig welcher politischen Farbe, werden erst dann aufgeben, wenn sie jeden auf ihr eigenes Niveau herunter gezogen haben, so dass schließlich jedem sogar die Fähigkeit, bei Promotionen zu plagiieren, genommen werden wird.
    Es macht einfach keinen Spaß mehr, Kinder und Jugendliche absichtlich zu verdummen.
    Wenigstens kann man uns Lehrern nun keinen Vorwurf mehr für die Bildungsmisere machen: Denn wenn alle Abiturienten auf dem Papier immer besser werden, weil wir uns an die Vorgaben halten, Schüler realiter aber immer weniger leisten und können, zeigt dies, dass wir "erfolgreich" genau das machen, was man von "oben" von uns verlangt!

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