
Die Schulen sind zum Experimentierfeld einer völlig enthemmten Bildungspolitik geworden. Gerade erst hatten alle Bundesländer außer Rheinland-Pfalz die Umstellung auf "G8", also das achtjährige Gymnasium mit dem Abitur nach 12 statt wie bislang 13 Schuljahren, beschlossen. Nach den ersten Erfahrungen in der Praxis gab es harsche Kritik von Schülern, Eltern und Lehrern - eine Emnid-Umfrage zeigt, dass neun von zehn Müttern oder Vätern gar nichts vom "Turbo-Abi" halten. Und umgehend rücken jetzt viele Länder zumindest teilweise wieder davon ab. In Nordrhein-Westfalen gibt es bereits einige Modellschulen, an denen G9 wieder eingeführt wurde, ähnliches gilt für Schleswig-Holstein. Baden-Württemberg will seinen Schulen die Entscheidung überlassen, Bayern erlaubt Schülern, freiwillig ein Jahr länger zu bleiben.
Tatsächlich ist allerdings die heiß diskutierte Frage, ob nun G8 oder G9 besser ist, nicht die wirklich entscheidende. Hinter der Fassade des Streits um das Turbo-Abi geschehen an unserem Schulsystem nämlich Veränderungen, die einschneidender sind, als die Frage nach dem pro oder contra für ein Schuljahr, das in der Realität ohnehin eher ein halbes als ein ganzes Unterrichtsjahr war und ist. Nicht wann oder wie lange unsere Schüler lernen ist entscheidend, sondern was und ob sie mit einem Abiturzeugnis tatsächlich "hochschulreif" sind. Die Entscheidungen darüber fallen aber ohne öffentliche oder parlamentarische Debatten in den Hinterzimmern der Exekutive.
Bild: dpaBaden-Württemberg
Stärken: Der Chancenspiegel präsentiert ein sehr ähnliches Ergebnis wie vorangegangene Pisa-Tests: Was Leistung angeht, sind die Schüler in Baden-Württemberg spitze: Die Lesekompetenz von Neuntklässlern ist überdurchschnittlich, 50,3 Prozent machen das Abitur, nur 5,7 Prozent der Schüler machen keinen Abschluss (Bundesdurchschnitt: 7 Prozent)
Schwächen: Zu den Topschülern gehören leider nur die mit wohlhabendem Elternhaus, Schüler aus sozial schwachen Strukturen haben wenig Chancen, das Gymnasium zu besuchen: Die Chance eines Kindes aus oberen Sozialschichten, das Gymnasium zu besuchen, ist 6,6 mal höher als die eines Kindes aus unteren Sozialschichten (Bundesdurchschnitt: 4,5). Einem Aufwärts- stehen 3,1 Abwärtswechsel gegenüber (Bundesdurchschnitt: 1:4,3). Heißt: Pro Schüler, der von der Realschule aufs Gymnasium wechselt, gehen mehr als drei Schüler den umgekehrten Weg.
Bild: dpaBayern
Stärken: Auch die Bayern sind bei der sogenannten Kompetenzförderung in der Spitzengruppe: Sowohl Viert- als auch Neuntklässlern sind außerordentlich gut in Deutsch. Von den Schülern, die mindestens einen Hauptschulabschluss machen, finden 51,8 Prozent einen Ausbildungsplatz - auch das ist im Ländervergleich sehr gut. Nur sechs Prozent gehen ohne Abschluss von der Schule.
Schwächen: Benachteiligte Jugendliche erreichen in puncto Leistung 72 Kompetenzpunkte weniger als privilegierte Jugendliche. (Bundesdurchschnitt: 67 Kompetenzpunkte Unterschied). Eine entsprechende fördernde Schulform wie die Ganztagsschule ist dafür kaum verbreitet: Nur 8,5 Prozent aller Schüler in der Primar- und Sekundarstufe 1 besuchen eine Ganztagsschule (Bundesdurchschnitt: 26,9 Prozent). Genauso schlecht sind die Chancen eines Kindes aus sozial schwachen Strukturen, aufs Gymnasium zu gehen: Akademikerkinder haben eine 6,5 mal höhere Chance auf den Gymnasiumbesuch. Die Konsequenz: Nur 37,6 Prozent der jungen Erwachsenen machen Abitur - im Bundesdurchschnitt sind es 46,4 Prozent. Außerdem bleiben 4,7 Prozent der Schüler bis zur zehnten Klasse einmal sitzen.
Bild: dpaSaarland
Stärken: Im Saarland machen 51,9 Prozent das Abitur. Das ist über Bundesdurchschnitt und befördert das Land damit in die Spitzengruppe im Ländervergleich. Auch in puncto Integration ist das Saarland weit vorne: Nur 4,3 Prozent aller Schüler sind vom Regelschulsystem ausgeschlossen und werden in speziellen Förderschulen unterrichtet.
Schwächen: Wirkliche Schwächen haben die Schulen beziehungsweise das Bildungssystem im Saarland laut dem Chancenspiegel nicht. In den einzelnen Bereichen der Kategorien Durchlässigkeit und Kompetenzförderung bewegt sich das Bundesland immer im Mittelfeld. So hat ein Kind auf einer sozial starken Familie eine dreimal höhere Chance, aufs Gymnasium zu gehen als ein Kind aus einer schwächer gestellten Familie. Das ist unschön, aber immer noch überdurchschnittlich gut. 15,9 Prozent aller Schüler in der Primar- und Sekundarstufe 1 besuchen eine Ganztagsschule (Bundesdurchschnitt: 26,9 Prozent). Ländervergleich: Untere Gruppe. Auch das Verhältnis 1:3,3 beim Wachsel der Schulform (pro Schüler, der von der Real- oder Hauptschule "aufsteigt", wechseln 3,3 Schüler vom Gymnasium auf die Realschule beziehungsweise von Real- zu Hauptschule) liegt noch unterhalb des Bundesdurchschnitts von 1:4,3. Auch im Lesen sind saarländische Schüler aud den vierten und neunten Klassen mittelmäßig.
huGO-BildID: 25450255 ARCHIV - Schüler und Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat. Zu den Ergebnissen der Koalitionsrunde vom Wochenende gehört das Ziel, noch in dieser Wahlperiode eine Grundgesetzänderung zu erreichen, die das Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungspolitik aufhebt. Foto: Frank Rumpenhorst dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Bild: dpaHessen
Stärken: An hessischen Schulen gibt es eine sehr gute Integrationsquote: Nur 4,4 Prozent aller Schüler gehen auf sogenannte Förderschulen anstatt auf Haupt- und Realschulen oder Gymnasien. Mit diesem Wert gehört Hessen zur Spitzengruppe. Außerdem ist etwas mehr als ein Drittel der hessischen Schüler in einer Ganztagsschule - im Bundesdurchschnitt sind es nur 26,9 Prozent. Die Chance eines Kindes aus oberen Sozialschichten, aufs Gymnasium zu gehen, ist 2,8 mal höher als die eines Kindes aus unteren Sozialschichten - auch das ist im Ländervergleich spitze. Durchschnittlich liegt die Quote bei 4,5. Außerdem bekommen fast 45 Prozent der Hauptschüler einen Ausbildungsplatz.
Schwächen: Nur beim Lesen sind die Hessen maximal im Mittelfeld. Die Grundschüler aus der vierten Klasse schafften es im puncto Lesen sogar nur auf einen der hinteren Ränge. Beim letzten Pisa-Test belegten die Schüler der neunten Klasse beim Lese- und Hörverstehen noch jeweils den 4. Platz unter 16 Bundesländern. Allerdings landeten sie beim verstehenden Lesen und Hören nur auf dem 8. beziehungsweise 9. Platz. - Insofern deckt sich das Ergebnis mit dem Chancenspiegel.
Bild: dpaBerlin
Stärken: Wirklich gut ist das Berliner Bildungssystem nur bei der Ganztagsbetreuung und der Integration lernschwacher und körperlich behinderter Kinder. 45 Prozent der Schüler gehen auf eine Ganztagsschule und nur 4,4 Prozent der Schüler werden gesondert in Förderschulen unterrichtet.
Schwächen: Wie auch die letzten Pisa-Tests zeigten, sind die Schüler in Berlin nicht sonderlich leistungsstark. Sowohl Viert- als auch Neuntklässler haben bloß unterdurchschnittliche Lesekompetenzen und auch die Differenz der Leistungen privilegierter und benachteiligter Kinder ist mit 70 Punkten erschreckend hoch - der durchschnittliche Wert beträgt 40 Punkte. Bei den Schülern der Klasse neun liegt der Wert 22 Punkte über Durchschnitt. 10,4 Prozent der Jugendlichen verlässt in Berlin die Schule ohne Abschluss.
Bild: dpaRheinland-Pfalz
Stärken: 3,8 Prozent der Schüler gehen in Förderschulen, alle anderen besuchen gemeinsam die Regelschulen. Das beschert Rheinland-Pfalz im Ländervergleich einen Platz in der oberen Ländergruppe. Außerdem schnitten die Neuntklässler bei der Lesekompetenz mit 497 Kompetenzpunkten gut ab. (Bundesdurchschnitt: 496 Kompetenzpunkte)
Schwächen: In Rheinland-Pfalz besuchen nur 18,5 Prozent der Schüler eine Ganztagsschule, das ist ziemlich wenig. Ansonsten sind die Schulen des Bundeslande mittelmäßig: Die Chancen eines Kindes aus sozial schwachen sind 3,2 mal niedriger, dass es ein Gymnasium besucht, als die eines Kindes aus den oberen Sozialschichten. Fast 40 Prozent der Schüler, die mindestens einen Hauptschulabschluss haben, bekommen auch einen Ausbildungsplatz und rund sieben Prozent verlassen die Schule ohne Abschluss. Das ist Durchschnitt.
Bild: dpaNiedersachsen
Stärke: Die gute Nachricht: Die Leistung der Schüler ist in Niedersachsen nicht so stark vom sozialen Umfeld der Kinder abhängig, wie in anderen Ländern. Die Viertklässler aus bildungsnäheren Elternhäusern erreichen nur 30 Kompetenzpunkte mehr als Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern - im Schnitt sind es 40 Punkte Unterschied. Auch in Klasse neun liegt der Unterschied zwischen benachteiligten und privilegierten Schülern zehn Punkte unter Durchschnitt. Außerdem funktioniert die Integration der Schüler in das Regelschulsystem sehr gut. Nur 4,4 Prozent der Schüler gehen in Förderschulen.
Schwäche: Bei den Niedersachsen hapert es bei der Durchlässigkeit des Systems - das Land schaffte es nur in die untere Gruppe der Bundesländer. So gehen 5,8 mal mehr Kinder aus wohlhabendem Hause aufs Gymnasium als Arbeiterkinder und einem Wechsel in eine höhere Schulform stehen 11,8 Abstiege entgegen. Außerdem bleiben überdurchschnittlich viele Schüler sitzen. Einen Ausbildungsplatz bekommen 34,8 Prozent der Schüler - auch das ist unterdurchschnittlich.
Bild: dpaSachsen-Anhalt
Stärke: Gerade die Viertklässler aus Sachsen-Anhalt sind besonders gut in Deutsch, die Schüler der neunten Klassen sind immerhin im Mittelfeld. Auch beim Zusammenhang Leistung und Elternhaus schneidet Niedersachsen gut ab: Viertklässler, die zuhause entsprechend gefördert werden, sind nur 32 Kompetenzpunkte besser als benachteiligte Mädchen und Jungen - das ist acht Punkte unter Bundesdurchschnitt. Bei den Schülern der neunten Klassen beträgt der Unterschied 55 Punkte, der Durchschnitt liegt bei 67 Punkten Differenz.
Schwäche: Gar nicht gut schneidet das Bundesland in den anderen Kategorie ab: Nur 38,8 Prozent der Schüler machen Abitur, 12,3 Prozent bekommen gar keinen Schulabschluss. Mit vier Prozent ist auch die Quote derer, die eine Klasse wiederholen müssen, recht hoch und auch bei der Durchlässigkeit des Schulsystems bekleckert sich Sachsen-Anhalt nicht mit Ruhm.
Bild: dapdSchleswig-Holstein
Stärken: Im Norden Deutschlands werden Kinder besonders gut integriert. Nur 2,9 Prozent der Schüler gehen in Förderschulen (Bundesdurchschnitt: 5 Prozent). Das ist die geringste Ausschlussquote im Vergleich. Auch die Quote der Schüler, die eine sonderpädagogische Förderung brauchen, ist mit 5,4 Prozent unterdurchschnittlich niedrig.
Schwächen: Schwer haben es Kinder aus einfachen Strukturen: Die Chance eines Kindes aus den oberen Sozialschichten, das Gymnasium zu besuchen, ist 5,6 mal höher. Auch finden nur 35,2 Prozent nach der Schule eine Ausbildungsstelle.
Bild: dapdHamburg
Stärken: Bei der Durchlässigkeit des Systems und den Abiturquoten ist der Stadtstaat Hamburg besonders gut aufgestellt: 52,5 Prozent erreichen die Hochschulreife, die Chancen eines Kindes aus einem wohlhabenden Elternhaus für einen Platz im Gymnasium sind nur 2,6 mal höher als die eines Kindes aus den unteren Sozialschichten. Beim Schulformwechsel stehen einem Aufwärts- stehen 1,7 Abwärtswechsel gegenüber.
Schwächen: Dafür sieht es bei den allgemeinen Leistungen der Schüler nicht gut aus: Lesekompetenz: Sowohl die Viert- als auch die Neuntklässler sind in Deutsch viel schlechter als der Durchschnitt. Und Neuntklässler aus bildungsfernen Elternhäusern sind ebenfalls deutlich leistungsschwächer als andere.
Baden-Württemberg
Stärken: Der Chancenspiegel präsentiert ein sehr ähnliches Ergebnis wie vorangegangene Pisa-Tests: Was Leistung angeht, sind die Schüler in Baden-Württemberg spitze: Die Lesekompetenz von Neuntklässlern ist überdurchschnittlich, 50,3 Prozent machen das Abitur, nur 5,7 Prozent der Schüler machen keinen Abschluss (Bundesdurchschnitt: 7 Prozent)
Schwächen: Zu den Topschülern gehören leider nur die mit wohlhabendem Elternhaus, Schüler aus sozial schwachen Strukturen haben wenig Chancen, das Gymnasium zu besuchen: Die Chance eines Kindes aus oberen Sozialschichten, das Gymnasium zu besuchen, ist 6,6 mal höher als die eines Kindes aus unteren Sozialschichten (Bundesdurchschnitt: 4,5). Einem Aufwärts- stehen 3,1 Abwärtswechsel gegenüber (Bundesdurchschnitt: 1:4,3). Heißt: Pro Schüler, der von der Realschule aufs Gymnasium wechselt, gehen mehr als drei Schüler den umgekehrten Weg.
Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, nennt das, was an deutschen Gymnasien passiert, einen "Abiturwahn". Man könnte auch von einer galoppierenden Inflation sprechen. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Es war nur wenigen Medien eine kurze Nachricht wert, dass sich in Nordrhein-Westfalen nicht nur die absolute Zahl der Abiturienten erhöht, sondern dass sich in den vergangenen Jahren auch die Noten dieser Abiturienten sehr stark verbessert haben. 2002 lag die Durchschnittsabiturnote noch bei 2,68, während sie im vergangenen Jahr bei 2,5 lag. Die Zahl der Abiturienten mit einem glatten Einser-Schnitt (1,0) stieg in den letzten fünf Jahren um sagenhafte 120 Prozent auf genau 1000 Schüler. Die Entwicklung ist nicht auf NRW beschränkt. Zum Beispiel schafften junge Thüringer im Schnitt sogar ein 2,0- und Bayern und Baden-Württemberger ein 2,4-Abi.

Was ist los mit den deutschen Schülern? Können mehr als 40 Prozent der Kinder – in Hamburg liegt der Abiturientenanteil bereits bei über 50 Prozent - überhaupt das Niveau erreichen, das zur Hochschulreife nötig ist? Sind sie kollektiv klüger und fleißiger geworden? Die nordrhein-westfälische Kultusministerin Sylvia Löhrmann behauptet das tatsächlich. Gerade die guten Schüler strengten sich besonders an. Sie gehe daher davon aus, dass der Anstieg "nicht auf eine Senkung der Anforderungen im Abitur" zurückzuführen sei – wie die CDU-Landtagsabgeordnete Ina Scharrenbach zuvor behauptet hatte.





















