KommentarBildung: Feiger Aufschub

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Abitur gleich Ausbildung? - Eine Lösung im Streit um die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung gibt es noch nicht.

von Konrad Fischer

Bund und Länder erklären den Streit um die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung für beendet. Das Gegenteil ist der Fall: Es wird Zeit, ihn endlich zu beginnen.

Vielleicht muss man nur laut genug über ein Ergebnis jubeln, dann wird sich schon keiner so genau anschauen, was da genau passiert ist. Auf diese Strategie scheint zumindest Bundesbildungsministerin Anette Schavan zu setzen. „Ein wichtiger Schritt zum Bildungsraum Europa“ sei gelungen, sagt sie, als sie gemeinsam mit dem Präsidenten der Kultusministerkonferenz der Länder, Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD), die Einordnung der deutschen Bildungsabschlüsse in den europäischen Qualifikationsrahmen vorstellt. Das klingt zwar nach einer Meldung mit der Relevanz einer Gurkenkrümmungs-Richtlinie, sorgte aber seit Jahren für Zoff zwischen allen Beteiligten in der deutschen Bildungspolitik. Denn dahinter steht eine der Grundfragen des deutschen Bildungssystems: Ist akademische Bildung mehr wert als berufliche? Und die ist keineswegs gelöst.

Meister gleich Bachelor?

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2008 bat die Europäische Union die Mitgliedsstaaten, ihre heimischen Abschlüssen in ein achtstufiges System einzugruppieren, das soll die Bewertung ausländischer Abschlüsse für Arbeitgeber erleichtern und so die Mobilität im europäischen Arbeitsmarkt erhöhen. Viele Staaten haben das relativ zügig hinbekommen, in Deutschland schwelte seitdem der Streit, ob Meister gleich Bachelor sein soll, Ausbildung gleich Abitur.
Und jetzt ist alles gut? Von wegen. Nur in einem Punkt hat man sich jetzt geeinigt. Der Meister wird gemeinsam mit dem Bachelor auf Stufe sechs stehen, beide berechtigen somit zur Aufnahme eines Master-Studiums. Den Streit um Abitur und Ausbildung haben Bund und Länder jedoch nur vertagt. Für fünf Jahre wird das Thema jetzt mal beobachtet. Als täte man das nicht schon seit Dekaden.

Die Verzögerungstaktik verwundert nicht, geht es für die Beteiligten in der Debatte doch nicht nur um Argumente, sondern auch um Machtansprüche. So ist die berufliche Bildung bundeseinheitlich geregelt, die Schulabschlüsse sind hingegen Ländersache. Und die Länder wollen den wichtigsten ihrer Abschlüsse nicht entwertet sehen. So reden die Beteiligten lieber um den heißen Brei herum, als sich in dieser Frage, die ehrlich gestellt Fraktionen spalten könnte, auf die Füße zu treten. Ministerin Schavan begründet die Vertagung mit dem Argument, die Frage sei gar nicht unmittelbar relevant, schließlich strebe niemand nach dem Abitur sofort den Arbeitsmarkt an.

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Beschäftigungsfähigkeit als zentrales Ziel

Doch es wird endlich Zeit, sich jenseits solcher Grabenkämpfe damit auseinanderzusetzen, wie weit man die Verzahnung von Arbeitsmarkt und Bildung führen will. Im Bologna-Prozess wurde „Employability“, also Beschäftigungsfähigkeit, zum zentralen Ziel der akademischen Bildung erklärt. Meint man das ernst, so muss man anfangen, alle Abschlüsse an ihrer Arbeitsmarktreife zu messen, auch das Abitur. Stattdessen könnte sich auch die Einsicht durchsetzen, dass es gerade im Sinne vieler nicht akademisch gewachsenen Berufsbilder sein könnte, weiterhin den Unterschied zwischen praktischer und akademischer Bildung zu bewahren. Dann muss schleunigst ein sauberes System geschaffen werden, das Übergänge ermöglicht, ohne die beiden Zweige gleichzuschalten. Wie auch immer die Entscheidung ausfallen mag, diskutieren sollte man sie, bevor es zu spät ist. Denn bald erledigt die europäische Bürokratie das Thema von selbst, ohne dass noch Platz für Argumente bleibt.

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