Bildung: Lehrer kritisieren Inklusionspolitik

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Bildung: Lehrer kritisieren Inklusionspolitik

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Sylvia Löhrmann (Grüne), NRW-Schulministerin und stellvertretende Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, musste sich beim Deutschen Lehrertag in Dortmund heftige Kritik an ihrer Inklusionspolitik gefallen lassen.

von Ferdinand Knauß

Der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern funktioniert nicht so, wie sich Bildungspolitiker das vorstellen. Es fehlen tausende Stellen für Sonderpädagogen, klagen Lehrer.

Behinderte Kinder sollen nicht mehr in besonderen Förderschulen unterrichtet werden, sondern gemeinsam mit anderen Kindern. Dieses von der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen 2006 beschlossene Ziel wird von Bildungspolitikern aller Parteien und Lehrervertretern gleichermaßen gutgeheißen. Doch in der Praxis funktioniert die Inklusion in Deutschland nicht, das pfeifen längst die Spatzen von den Schuldächern. Auf dem Deutschen Lehrertag in Dortmund nutzte der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, die Anwesenheit der nordrhein-westfälischen Kultusministerin Sylvia Löhrmann für harsche Kritik: „Es besteht die Gefahr, dass die Politik die Inklusion vor die Wand fährt.“

Den Schulen in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern fehlten tausende Sonderpädagogen, sagte Beckmann. "Wenn die inklusive Schule gelingen soll, brauchen wir eine konsequente Doppelbesetzung des Unterrichts mit Fach- und Sonderpädagogen." In der Praxis stehen Lehrer ohne sonderpädagogische Ausbildung sehr oft allein vor Schulklassen mit behinderten oder verhaltensauffälligen Schülern, die einer besonderen Förderung bedürfen. "Derzeit hat ein behindertes Kind im gemeinsamen Unterricht nur durchschnittlich drei bis vier Stunden pro Woche die Förderung eines Sonderpädagogen", sagt Beckmann. Der VBE fordert daher allein für Nordrhein-Westfalen mindestens 7000 zusätzliche Stellen für Sonderpädagogen an inklusiven Schulen. Die durch die Schließung von Förderschulen frei werdenden Sonderpädagogen reichten bei weitem nicht aus, um einen angemessenen inklusiven Unterricht an allgemeinbildenden Schulen zu sichern.

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Löhrmann, die in ihrer Funktion als stellvertretende Vorsitzende der Kultusministerkonferenz vor Ort war, wies die Kritik zurück. Die NRW-Landesregierung habe rund 3000 zusätzliche Stellen bewilligt, obwohl ihr "Experten" versichert hätten, dass die Inklusion auch kostenneutral ohne zusätzliche Sonderpädagogen zu schaffen sei.

Für besonders verfehlt halten Kritiker die überstürzte Schließung zahlreicher Förderschulen. Die Länderregierungen verfolgen dadurch, so die Unterstellung, weniger das Ziel einer funktionierenden Inklusion, sondern wollten vor allem Kosten für den Unterhalt sparen. In Nordrhein-Westfalen werden demnächst zwei Drittel der Förderschulen für Lernbehinderte auf Grund einer Mindestgrößenverordnung geschlossen. Die Schüler landen also nun unmittelbar an allgemeinbildenden Schulen - oft ohne eine besondere Betreuung.

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Der Streit um die Umsetzung der Inklusion könnte bald zu einem brisanten Streitthema vor Landtagswahlen in allen Bundesländern werden. Denn die bisherige Umsetzung der Inklusion in Deutschland stößt bei den Bürgern zunehmend auf Misstrauen. Eine vom VBE in Auftrag gegebene Umfrage zeigte vor wenigen Tagen, dass zwar nach Ansicht von 71 Prozent der Bundesbürger die Inklusion in der Grundschule mehr Vor- als Nachteile bringt. Auch für die weiterführenden Schulen befürworten 66 Prozent ein gemeinsames Lernen. Allerdings wird, so die Umfrage, gerade unter den Grünen-Wählern (76 Prozent) und den SPD-Wählern (65 Prozent) die Bereitschaft der Politik, genügend finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, besonders angezweifelt.

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