Bildungsforscher Volker Ladenthin: "PISA gefährdet unser Bildungssystem"

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InterviewBildungsforscher Volker Ladenthin: "PISA gefährdet unser Bildungssystem"

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Bildungsforscher Volker Ladenthin

von Jens Wernicke

Heute wurde die neue PISA-Studie vorgestellt. Doch was da gemessen, quantifiziert und zu Länder-Rankings verarbeitet wird, hat mit wahren Bildungszielen nichts zu tun, kritisiert der Bildungsforscher Volker Ladenthin.

Herr Ladenthin, morgen, am 3. Dezember, werden die Ergebnisse der neuesten, fünften PISA-Studie vorgestellt. Was haben Sie daran auszusetzen?

Zum einen misst PISA die deutschen Schulen nicht an den Kriterien, die in Verfassung, Schulgesetzgebung und Lehrplänen als Ziele derselben ausgegeben sind. „Die Jugend soll erzogen werden im Geist der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen, zur Verantwortung für Tiere und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, in Liebe zu Volk und Heimat, zur Völkergemeinschaft und zur Friedensgesinnung.“ So steht es beispielsweise im Schulgesetz von Nordrhein-Westfalen. Bisher haben die PISA-Macher aber nicht nachgewiesen, dass ihre Kriterien derlei Ziele unterstützen. Vielmehr wird immer deutlicher, wie sehr die PISA-Kriterien das Erreichen dieser Ziele behindern.

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Zum anderen hat PISA eigenmächtig fremde, nicht vorab demokratisch verabredete Kriterien für das, was gute Bildung sein soll, eingeführt. Die gesetzten Kriterien haben sich dabei keiner breiten und wissenschaftlichen Diskussion über das, was Schule überhaupt soll und will, versichert. Ohne Auseinandersetzung mit dem Stand der Wissenschaft, mit bestehenden Schul- und Bildungstheorien, und auch nicht gemeinsam mit Lehrer- oder Elternverbänden werden die Kriterien der OECD, die übrigens niemand hierzu legitimiert hat, dies zu tun, nun einfach als Maßstäbe gesetzt. So etwas war bisher in der Wissenschaft unüblich.

Und außerdem, womit wir beim dritten und letzten Punkt wären, immunisiert sich die PISA-Crew gegen offene Diskussionen sowie Kritik, weil sie nur auf ausgewählte Repliken überhaupt eingeht – jene nämlich, die ihr nicht zu nahe kommen. Das hat es in der Wissenschaft eines demokratischen Landes bisher noch nicht gegeben.

Bildungsökonomie Vergesst die OECD!

Die Bildungsagenda der OECD hat sich in Ministerien und vielen Redaktionen durchgesetzt. Falsch bleibt sie trotzdem. Nicht immer mehr Akademiker, sondern die Qualität des Wissenschaftssystems sollte oberstes Ziel sein.

Schüler im Hörsaal Quelle: dpa

So eine Art feindliche Übernahme des Bildungssystems durch Dritte und deren Interessen, meinen Sie?

Ja, die Bildungspolitik, laut Grundgesetz doch eigentlich Sache der Bundesländer, wird inzwischen längst international gesteuert – durch die Abkommen von Lissabon, Bologna und jetzt auch noch durch „Europa 2020“. Inzwischen werden die Lehrziele, die bis in die letzte Kita verbindlich werden sollen, international festgelegt.

Und was hat PISA mit all dem zu tun?

PISA diente und dient der Durchsetzung dieser Beschlüsse. PISA ist kein Messinstrument, sondern dient vielmehr der Implementierung vorab gesetzter Ziele. Die OECD will etwas durchsetzen und nicht erst über etwas einen Konsens herstellen.

PISA krempelt das Bildungssystem um und das gefällt Ihnen nicht. Dem würde ich entgegnen: Es ist längst höchste Zeit, dass endlich einmal qualitativ etwas besser wird in unserem maroden und hoch selektiven deutschen Bildungssystem, finden Sie nicht?

Für qualitative Verbesserungen bin ich immer zu haben. Nicht aber für quantitative Messkunststücke. Dass es sich hierbei aber genau um solche handelt, erkennen Sie daran, dass bisher noch jeder aus PISA das abgeleitet hat, was er auch vor PISA bereits gefordert hatte. Übrigens: Seit der ersten OECD-Datenerhebung 1974 stellt auch die OECD stets das Gleiche fest und fordert auch immer wieder Dasselbe. Da kann messmethodisch doch irgendetwas nicht stimmen, finden Sie nicht?

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12 Kommentare zu Bildungsforscher Volker Ladenthin: "PISA gefährdet unser Bildungssystem"

  • Wenn ich meine Schulzeit mit der meiner Kinder vergleiche und dem, was uns PISA da erzählt, beschleicht mich ein ganz ungutes Gefühl. Nämlich das, dass Bildung zunehmend als zielgerichtete Vermittlung von Fähigkeiten verstanden wird, die für ein späteres 'Funktionieren' der jungen Menschen als nötig erachtet werden. Pisa scheint dabei ein Element zu sein, die Verschulung des Studiums mit dem angelsächsischen Bachelor und Master Modell ein anderes. Hier steht Reproduktion statt Kreativität und Rasenmäher statt Individualität im Mittelpunkt. Es ist schon merkwürdig, wenn Pisa dem deutschen Bildungssystem seit Jahren immer wieder schlechte Zeugnisse ausstellt, einem Land, dem seine hochwertigen Erzeugnisse und Lösungen von anderen förmlich aus der Hand gerissen werden. Man kann die deutschen Exportüberschüsse kritisieren oder das deutsche Bildungssystem. Kritik an beidem ist jedoch in sich unlogisch und höchst unglaubwürdig. Insofern kann ich dem Beitrag nur zustimmen.

  • Als Vater zweier Töchter kann ich den Aussagen nur zustimmen. Die Schule orientiert sich bevorzugt an kurzfristigen Zielen. Man versucht, eine Vergleichbarkeit für solche Rankings und Benchmarks herzustellen, die den Bildungsauftrag ignoriert. Schüler werden ermuntert und darin bestärkt auf gute Ergebnisse in Tests und Prüfungen hin zu pauken. Wer hier mitziehen möchte, hat keine Freizeit mehr, erzielt vielleicht Bestnoten, bekommt aber kaum eine solide Basis für das spätere Leben. Man lernt für die Schule nicht fürs Leben. Zu meiner Zeit war es noch Anspruch der Oberstufe den Schüler den sog. Transfer des Gelernten auf neue Aufgabenstellungen hin leisten zu lassen und damit sein Verständnis des Gelernten zu vertiefen. Davon ist man mittlerweile weit entfernt. Meine ältere Tochter hat gerade mit dem ersten G8 Jahrgang in Hessen ihr Abitur als Jahrgangsbeste mit Bestnoten abgeschlossen. Im Studium wird nun langsam klar, welche Nachteile ein solches Turboabi zusammen mit diesem ausgeprägten Vergleichbarkeitswahn mit sich bringt. So wird das nichts mit Deutschlands Zukunft.

  • endlich jemand der sagt, wie es ist. Wir lassen uns in Deutschland von Scharlatanen auf der ganzen Welt vorschreiben, was wir zu tun haben, ob im Bildungswesen oder im Wirtschaftsbereich, z.B. bei der Berufsausbildung, die in Deutschland besser ist als in den meisten anderen Ländern. Trotzdem wird sie schlecht geredet und jeder muss seinen "Master" machen, obwohl der oft nicht annähernd so gut qualifiziert, wie eine abgeschlossen Lehre. Voraussetzung für eine gute Bildung sind gut ausgebildete und motivierte Lehrer.

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