Bildungsgipfel: Sozial Schwächere bleiben abgehängt

Bildungsgipfel: Sozial Schwächere bleiben abgehängt

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Bund und Länder müssen mehr in Bildung investieren, fordert der DGB.

2008 einigte sich Kanzlerin Merkel mit den Ländern auf ehrgeizige Ziele zur Förderung der Bildung. Gutt zehn Jahre nach dem Dresdner Bildungsgipfel zieht der Gewerkschaftsbund eine negative Bilanz: Passiert sei wenig.

Fast zehn Jahre nach Milliarden-Versprechen von Bund und Ländern für mehr Bildung wird der Ruf nach einer neuen umfassenden Initiative lauter. Die Saar-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) forderte am Freitag auf einer Veranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in Berlin eine neue „nationalstaatliche Kraftanstrengung“.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sprach sich für eine generelle Gebührenfreiheit für Kitas, Schulen und Hochschulen aus. „In Rheinland-Pfalz ist es so, ich hätte gern, dass es in ganz Deutschland so ist.“

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Der DGB zog eine überwiegend negative Bilanz zum Dresdner Bildungsgipfel von 2008. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länder hatten damals einen finanziellen Kraftakt versprochen, um die Mittel für Bildung und Forschung auf insgesamt zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufzustocken. Die Quote der jungen Menschen ohne Schul- oder Berufsabschluss sollte halbiert werden. Beide Ziele wurden verfehlt, kritisierte der Bildungsforscher Klaus Klemm.

Steigende Schülerzahlen in Deutschland - wo ist das Problem?

  • Was besagt die Studie?

    Schreckensszenario oder wichtige Warnung? Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung steigen die Schülerzahlen in Deutschland bis zum Jahr 2030 viel stärker an als bislang angenommen. Unter dem Titel „Demographischer Wandel ade - Aktuelle Bevölkerungsentwicklung und Folgen für die allgemeinbildenden Schulen“ listen die Forscher aus Gütersloh auf, was an zusätzlichen Kosten auf Länder und Kommunen zukommt und wie gegengesteuert werden kann. Nach ihrer Prognose gibt es bis 2025 rund 4 Prozent mehr Schüler, bis 2030 ist ein Plus von 8 Prozent.

    Laut Studienautor Dirk Zorn beruht die offizielle Schülerprognose der Kultusministerkonferenz noch auf Zahlen aus dem Jahr 2012. „Seitdem sind aber zwei Dinge passiert: Fünfmal in Folge ist die Zahl der Geburten gestiegen und wir hatten deutlich höhere Zuwanderungszahlen als erwartet“, sagt der Autor.


  • Warum warnt die Bertelsmann-Stiftung?

    Ein Umsteuern im Schulsystem braucht erheblichen zeitlichen Vorlauf. Experten gehen in der Regel von rund sieben Jahren aus, um reagieren zu können. „Das gilt für zusätzliche Lehrkräfte genauso wie für neue Schulgebäude. Die veränderte demografische Entwicklung mit ihren Folgen für die Schülerzahlen muss deshalb jetzt auf die politische Agenda“, sagt Zorn als Fazit.

    Berlin plant bereits den Bau von zahlreichen zusätzlichen Schulen. Grund ist hier die seit Jahren ansteigende Bevölkerungszahl in der Hauptstadt.

  • Wo ist das Problem?

    Die Ausbildung von neuen Lehrern liegt in der Hand der Länder, der Bau von neuen Schulen ist Aufgabe der Kommunen. „Damit sich die Bildungsverwaltung auf die zusätzlichen Schüler einstellen kann, müssen deshalb beide Seiten gut zusammenarbeiten“, sagt Zorn. Terhart dagegen verweist auch auf die persönliche Lebensplanung von angehenden Lehrern. „Hier ist ein sehr genauer Blick nötig. Wir haben heute zum Beispiel einen großen Lehrermangel an Berufsschulen und Grundschulen, aber eben nicht am Gymnasium für die Fächer Deutsch und Geschichte“, sagt der Experte der Uni Münster.

  • Wie seriös ist ein so weiter Blick in die Zukunft?

    „Der Anstieg der Schülerzahlen war so nicht absehbar. Auch wir haben vor ein paar Jahren noch mit weiter sinkenden Zahlen gerechnet“, sagt Dirk Zorn, der mit Professor Klaus Klemm die Studie erstellt hat. Ewald Terhart von der Universität Münster bezeichnet die Studie als gut und sehr interessant. Aber: Es gebe Grenzen und Lücken. Der Professor warnt davor, die alten und heute falschen Zahlen der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2012 mit der unsicheren Prognose der Bertelsmann-Stiftung im Vergleich zu vermischen.

  • Trifft das Problem alle Bundesländer und Kommunen gleich?

    Nein, es gibt starke regionale Unterschiede. Ländliche Bereiche sind weniger betroffen als Großstädte und Metropolen. „Hier helfen den Verantwortlichen bei der Planung nur regelmäßig aktualisierte Vorausschätzungen auf kommunaler Ebene“, sagt Zorn. „Wir müssen hier noch zu einer viel feinkörnigeren Betrachtung kommen“, sagt auch Terhart.

Die Gebührenfreiheit sei wichtig für mehr Chancengleichheit, sagte Dreyer. So gäben dann erheblich mehr Eltern ihre Kinder in die Kita. Der Bund müsse aber dafür auch wieder mehr in die Bildung der Länder investieren können. „Wir brauchen gerade im Kita- und Schulbereich ein gemeinsames Zusammenwirken.“ Heute darf der Bund Bildung nicht generell mitfinanzieren. Kramp-Karrenbauer sagte: „Was wir brauchen, ist das gemeinsame Bewusstsein, dass es ein Kooperationsgebot in der Bildung gibt.“

DGB-Vizechefin Elke Hannack kritisierte: „Die vermeintliche Bildungsrepublik Deutschland bleibt ein gespaltenes Land.“ Sozialschwächere blieben oft abgehängt.

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