Bildungsmisere: "Akkreditierung ist mit Forschungsfreiheit unvereinbar"

InterviewBildungsmisere: "Akkreditierung ist mit Forschungsfreiheit unvereinbar"

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Professoren sammeln nur noch Drittmittel und für Studenten stehen nur noch Credit-Ponts im Fokus

von Jens Wernicke

Die einseitige Ausrichtung an Wirtschaftsinteressen führe zum „Geistessterben“ im Bildungssystem, sagt Pierangelo Maset. Doch ein aktuelles Urteil des Verfassungsgerichts könnte einen Wendepunkt bedeuten.

Herr Maset, in einem ihrer Bücher bescheinigen sie uns ein „Geistessterben“. Was stört Sie an Bachelor und Master, G8, Elite- und Stiftungsuniversitäten? Was stört Sie an der Bildungspolitik?

Pierangelo Maset: Die Bildungspolitik folgt nahezu geschlossen den technokratischen Modellen, für die Bologna und PISA stehen. Im Kern geht es bei diesen Modellen um die Steuerung des Bildungswesens mit ökonomischen Kennziffern und um eine flächendeckende Standardisierung. Damit werden die vielen Unterschiede, die in Prozessen der Bildung bestehen – Unterschiede der Beteiligten, der Inhalte, der Strukturen – rabiat zu Gunsten einseitiger Leistungs- und Effektivitätskriterien eingeebnet.

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Die Kollateralschäden auf dem Wege zur absoluten Fitness für die globalen Märkte: Im Ergebnis sind die Hochschulen total verschult, ihre Inhalte erodieren. Die Lehrenden werden zu Drittmitteljägern dressiert und ihre Studierenden zu angepassten Credit-Point-Collectors. Das bundesdeutsche Schulsystem erstickt im permanenten Reformfieber und produziert gleichzeitig sozial selektive Effekte.

Zur Person

  • Pierangelo Maset

    Pierangelo Maset, geboren 1954, ist Professor für Kunst und ihre Vermittlung an der Leuphana-Universität Lüneburg und Chefredakteur der Kulturzeitschrift DAS PLATEAU. Zahlreiche Publikationen in den Gebieten Kunst, Ästhetik, Kunstvermittlung.

Die Anwendung ökonomischer Modelle und Vorgaben auf das gesamte Bildungssystem erzeugt eine Umwertung, bei der die Bildung am Ende auf der Strecke bleibt. Am Ende mündet alles in pathologische Symptome: Bulimie-Lernen, Bulimie-Lehre und Bulimie-Forschung.

Wir verlassen die Grundlage öffentlicher Bildung im modernen Sinne, die mit Kants Prinzip „Sapere aude!“ treffend bezeichnet ist. Dieses „Wage zu wissen“ ist kein Faktor betriebswirtschaftlicher Kennzahlen, sondern die zentrale Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft. Durch die heutige Kontroll- und Effizienzorientierung des Bildungssystems wird das Prinzip immer mehr zum Verschwinden gebracht, und Bildung wird immer mehr zur Ausbildung nach den Vorstellungen der Wirtschaft.

Als Kritiker der gegenwärtigen Bildungspolitik stehen Sie nicht alleine da.

Glücklicherweise nicht. In den zurückliegenden Jahren gab es eine große Anzahl an kritischen Publikationen über die Entwicklungen an Schulen und Hochschulen. Auch in der „Wirtschaftswoche“ wurde zum Beispiel die „Babylonische Gefangenschaft des Bildungsministeriums“ bemängelt. Doch die Politik schien sich dadurch wenig beeindrucken zu lassen und bastelte munter weiter an ihrer technokratischen Vision einer „Bildungslandschaft“.

Lehrer-Bildung Die Babylonische Gefangenschaft des Bildungsministeriums

500 Millionen Euro stecken Bund und Länder in die Lehrerbildung. Doch das Programm steht ganz unter der Kontrolle einer wissenschaftlichen Mode: der empirischen Bildungsforschung.

Quelle: dpa

Das Bundesverfassungsgericht hat in einem aktuellen Urteil die Praxis der Akkreditierung von Studiengängen für verfassungswidrig erklärt. Wie bewerten Sie das?

Die von vielen Beratern umgebenen Wissenschafts- und Bildungspolitiker offenbaren leider gewisse Beratungsresistenzen. Allmählich spricht sich aber doch herum, dass einige der Instrumente der schönen neuen Bildungswelt nicht nur unerwünschte Nebenwirkungen haben, sondern möglicherweise mit geltendem Recht, nämlich mit der Lehr- und Forschungsfreiheit, nicht vereinbar sind. Die Akkreditierungen setzen die Hochschulen mit aus der Ökonomie übernommenen Verfahren unter Druck und verlangen von Wissenschaftlern die Unterordnung unter ihre übergriffigen Prinzipien.

Bildung „Deutschland ist auf dem Weg in die Inkompetenz“

„Man muss nur wissen, wo es steht“: Bildungsexperte Hans-Peter Klein kritisiert die Kompetenzorientierung der Bildungspolitik. Das Ziel sei die Hochschulreife für jeden, der einen Text lesen und verstehen kann.

Bildung: Sinkender Anspruch in Schulen und Hochschulen. Quelle: imago, Montage

Im konkreten Fall klagte eine private Fachhochschule, weil ihr von einer Akkreditierungsagentur die Akkreditierung von zwei Studiengängen versagt wurde. Die Hochschule strengte ein Normenkontrollverfahren an, das feststellen sollte, ob es mit dem Grundgesetz vereinbar ist, dass eine Akkreditierungsagentur als privates Unternehmen eine hoheitsrechtliche Aufgabe übernimmt.

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