Bildungspolitik: Gebt uns die Realschule zurück!

ThemaBildung

KommentarBildungspolitik: Gebt uns die Realschule zurück!

Bild vergrößern

Wolfgang Marquardt, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, will Abiturienten den Weg in die berufliche Ausbildung schmackhaft machen.

von Ferdinand Knauß

Der Wissenschaftsrat will den Akademisierungswahn bremsen. Nun sollen mehr Abiturienten in die berufliche Ausbildung. Dafür war eigentlich eine Schulform zuständig, die die Bildungspolitik auf dem Reform-Altar geopfert hat.

Vielleicht deutet sich in der Bildungspolitik eine Wende an. Es wäre gut so.

Der Wissenschaftsrat in Person seines scheidenden Vorsitzenden Wolfgang Marquardt empfiehlt Abiturienten, einen Ausbildungsberuf in Erwägung zu ziehen. Die Berufswahl, so sagte er, solle nicht nach „Image- und Prestigegesichtspunkten“ getroffen werden. Der Wissenschaftsrat, das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern, will die Ausbildungsberufe und das duale System der Berufsbildung aufgewertet sehen. Dazu sollten die Schulen inklusive der Gymnasien berufliche und akademische Wege als gleichwertig vorstellen.

Anzeige

Begrüßenswert an dieser Position ist, dass der Wissenschaftsrat offensichtlich erkannt hat, dass die Konzentration der Bildungspolitik auf die Steigerung der Studentenzahlen mittlerweile jedes Maß verloren hat. Nicht nur Lehrer an berufsbildenden Schulen, sondern auch Bildungswissenschaftler und Philosophen wie Julian Nida-Rümelin erkennen mittlerweile die Gefahren die von überfüllten Hochschulen auf Kosten der Berufsbildung für den Arbeitsmarkt und die Universitäten gleichermaßen ausgehen.

An den Universitäten selbst regt sich nicht mehr nur im Stillen ein zunehmender Widerstand gegen die unter der Flagge der Bologna-Reformen völlig aus dem Ruder gelaufene Akademisierungspolitik, die unvermeidlicher Weise das Ende der herkömmlichen, an Bildung und Wissenschaft statt Ausbildung und Wirtschaft orientierten Universität bedeutet. Die Hochschulen werden dadurch zu Quasi-Berufsschulen, wie Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, in seinem aktuellen Buch „Bildung statt Bologna“ warnt. Lenzen, der vor allem während seiner Zeit als Präsident der Freien Universität Berlin selbst als Treiber der Ökonomisierung galt, ruft die Universitäten jetzt zur „Subversion“ auf. Sollte der Staat die Universitäten weiter daran hindern, sich auf ihre eigentlichen Aufgaben – Forschung, Lehre, Bildung – zu besinnen, so „befinden wir uns im Widerstandsfall“.  

Der Bluff des Zentralabiturs Abitur auch ohne Wissen möglich

Für die Lösung vieler Abitur-Aufgaben muss man nicht in die Schule gegangen sein, findet unser Gastautor und Bildungsforscher Hans Peter Klein. Den Niveauverlust als Erfolg zu verkaufen, hat sogar Methode.

Quelle: dpa

Die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka allerdings bleibt wie ihre Ministerkollegen auf Landesebene weiter auf dem Kurs der unbedachten Hochschulexpansion. Als ob die rasende Inflationierung des Abiturs durch Schleifung der Prüfungsanforderungen nicht bereits dafür sorgten, dass in den meisten Bundesländern mittlerweile die Hälfte eines Jahrgangs - zumindest de jure – „hochschulreif“ ist, werden allerorten die letzten Hürden des Hochschulzugangs für beruflich Qualifizierte geschliffen. «Es muss in Deutschland möglich sein, dass eine Rechtsanwaltsfachangestellte auch Anwältin werden kann», sagte Wanka neulich.

Der naheliegende Schluss, dass genau diese blindwütige Massenakademisierung eine Hauptursache für die hohe Zahl der Studienabbrecher sein dürfte, ist dabei für Wanka ebenso wie für ihre Kollegen in den Landeshauptstädten tabu. Zwischen Wankas Ratschlag an Studienabbrecher, eine Handwerkslehre zu erwägen (26. Januar 2014), und ihrer Forderung, die Universitäten für Nichtabiturienten zu öffnen (23. Februar 2014) liegen kaum vier Wochen. Als ob das eine mit dem anderen nichts zu tun hätte!

Die Botschaft, die von solchen Aussagen bei jungen Menschen ankommt, lautet: Ohne ein Hochschulstudium zumindest probiert zu haben, seid ihr nichts. Eine berufliche Ausbildung ist nach diesem Konzept kein akzeptabler Lebensweg, sondern allenfalls ein Umweg zum allein seeligmachenden Studium, oder zweite Wahl, falls man an der Uni scheitert. Marquardts Warnung an junge Menschen, nur aus „Image- und Prestigegründen“ an die Uni zu gehen, ist auch eine treffende Kritik, dieser fatalen Überbewertung des Universitätsstudiums.

Der Aufruf des Wissenschaftsrates an Abiturienten, eine Berufsausbildung statt eines Studiums zu beginnen, zeigt aber auch, wie fehlgeleitet die gesamte Schulreformpolitik der vergangenen Jahrzehnte war und ist. Denn für junge Menschen, die nach einer fundierten allgemeinbildenden Schulzeit eine qualifizierte Berufsausbildung machen und danach möglicherweise auch an einer Fachhochschule studieren konnten, war eigentlich die Realschule vorgesehen. Diese war, gemeinsam mit den berufsbildenden Schulen des dualen Systems, das eigentliche Erfolgsgeheimnis der deutschen Bildungspolitik. Die Realschule, die in den meisten Bundesländern in anderen Schulformen aufgeht, ist ein Opfer der blindwütigen an angelsächsischen Vorbildern orientierten Reformpolitik. Nun hat also das Gymnasium de facto die Funktion der Realschule mit übernommen als Quasi-Gesamtschule. Doch dafür ist es eigentlich nicht da. Die vorbildliche Arbeitsteilung – bei stets gesicherter Durchlässigkeit – zwischen Realschulen für künftige „Macher“ in der Wirtschaft und Gymnasien, die die „Denker“ auf ein wissenschaftliches Studium vorbereiten, hat man auf dem Altar der Gleichheit geopfert.

Weitere Artikel

Vielleicht ist es noch nicht zu spät, die letzten institutionellen und ideellen Reste des erfolgreichen, bewährten deutschen Bildungssystems zu retten. Die Realschule war dessen ganz besondere Stärke. Es wäre gut, sich darauf zu besinnen. Ein Hoffnungsschimmer ist immerhin die allmählich um sich greifende Erkenntnis, dass ein Universitätsstudium nicht der allein selig machende Lebensweg für alle jungen Menschen ist.     

 

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%