Bildungspolitik: Macht die Kitas besser!

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Bildungspolitik: Macht die Kitas besser!

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Früh übt sich. Nirgendwo lohnen sich Investitionen mehr als in Kitas.

von Matthias Streit

Deutschland soll mehr Geld in Bildung investieren. Dabei ist Geld gar nicht das Problem: Die Mittel müssten besser verteilt werden – in Kitas statt Universitäten.

In der Kita wird Emils Lieblingsgericht serviert – Spaghetti in Tomatensoße. Die klein geschnittenen Nudeln dampfen vor ihm auf dem Teller, den Löffelschaft umschließt er mit der ganzen Hand. Kaum ist ein Happen zwischen den rot bekleckerten Mundwinkeln des Fünfjährigen verschwunden, schiebt er schon die nächste Portion nach. Leise schmatzt er vor sich hin. Er sitzt allein am Tisch.

In seinem Rücken essen die anderen Kinder an einer kleinen Tafel, kichern über verspritzte Essensreste. Emil wurde nicht etwa eine Strafe aufgebrummt, er hat ADHS – er ist hyperaktiv, hat Probleme mit der Aufmerksamkeit. Damit er nicht für Unruhe sorgt, isolieren ihn die Erzieherinnen in der integrativen Kindertagesstätte im Düsseldorfer Süden – beim Essen, beim Malen, sogar beim Spielen. Gegen jede pädagogische Regel, doch ihnen fehlt schlicht die Zeit, sich mit besonderen Kindern wie Emil auch besonders zu beschäftigen. Laut einer Untersuchung des Ministeriums für Bildung und Forschung leiden 72 Prozent aller Erzieher unter übermäßigem beruflichem Stress, ein Drittel gilt als Burn-out-gefährdet. Kein Wunder, bei 2200 Euro Einstiegsgehalt fast ohne Karrierechancen. Knapp 500 000 pädagogische Fachkräfte gibt es in Deutschland. Trotzdem fehlen laut Bertelsmann-Stiftung allein den Kitas noch 120 000 Erzieherinnen und Erzieher. Die dafür nötigen Personalkosten würden jährlich zusätzlich fünf Milliarden Euro verschlingen. Im vergangenen Jahr standen gerade einmal 19,5 Milliarden Euro an öffentlichen Geldern für Kindertageseinrichtungen bereit.

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NRW-Kultusministerin Sylvia Löhrmann "Wir haben Nachholbedarf im Bildungssystem"

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Sylvia Löhrmann (Grüne), fordert mehr Verantwortung vom Bund in Bildungsfragen. Vor allem finanziell soll er Länder und Kommunen unterstützen.

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Quelle: dpa

Von dieser Knappheit ist ein paar Kilometer weiter wenig zu spüren. Vor ein paar Wochen hat die Universität Düsseldorf mit dem Neubau der Biologiefakultät begonnen – Projektkosten 154 Millionen Euro. Die deutschen Universitäten sind heute so gut ausgestattet wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Ende kommender Woche will der Bundesrat dem Bund die Möglichkeit einräumen, weitere Milliarden in die Universitäten zu pumpen.

Nie zuvor wurde in Deutschland so viel in die Bildung investiert wie heute. Knapp 117 Milliarden Euro öffentlicher Gelder waren 2013 im Bildungsbudget verplant – für Kindergärten, Schulen, Berufsbildung und Hochschulen. Das sind fast 70 Prozent mehr als noch im Jahr 2000. Gleichzeitig ist die Zahl der unter 30-Jährigen aber leicht zurückgegangen, von 28 auf 24 Millionen.

Dieser Gegensatz stößt einigen Bildungsforschern bitter auf. „Es wird nicht zu wenig in Bildung investiert. Das Geld fließt einfach nur an die falschen Stellen“, sagt etwa Axel Plünnecke. Der Bildungsökonom vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft stellt klar: Selbst wenn das Bildungsbudget eingefroren würde, stünde für die kommenden Jahre stetig mehr Geld pro Person zur Verfügung. „Aktuell werden für einen unter 30-Jährigen 4800 Euro im Monat ausgegeben. 2030 könnten es schon 5700 Euro sein“, rechnet Plünnecke vor. Der Grund: Die Zahl der unter 30-Jährigen nimmt bis dahin um vier Millionen Menschen ab.

Frühkindliche Rendite

Eigentlich sollten sich Emil und seine Eltern über diese Prognose freuen. Doch vielleicht ist es auch schon zu spät, wenn Emil eines Tages in den Genuss dieser üppigen Bildungsmittel kommt. Denn sein Bildungserfolg entscheidet sich nicht erst in der Universität, sondern hier und jetzt, am Einzeltisch in der Kindertagesstätte. Der amerikanische Bildungsökonom und Wirtschafts-Nobelpreisträger James Heckman hat vor einigen Jahren schon nachgewiesen, dass die Ausgaben in frühkindliche Bildung die höchsten Renditen im gesamten Bildungssektor bringen.

Friedhelm Pfeiffer vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat im vergangenen Jahr an konkreten Beispielen errechnet, was Bildungsinvestitionen bringen. Sein Ergebnis: Würden die Mittel für Kinder unter sechs Jahren um zehn Prozent erhöht, stiege deren Lebenseinkommen um bis zu 14 Prozent. Bei späteren Förderungen bis zum elften Lebensjahr bringt der gleiche Einsatz nur noch neun Prozent mehr Einkommen. „Diese Investitionen kommen letztlich auch dem Staat zugute. Zum Beispiel in Form von geringeren Sozialausgaben für Menschen, die ohne diese Investitionen kaum oder keine Beschäftigung finden“, sagt Pfeiffer.

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