Bologna-Reform: Gut gedacht, lieblos gemacht

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KommentarBologna-Reform: Gut gedacht, lieblos gemacht

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Von vielen ungewollt kam die Bologna-Reform über Rektoren, Professoren und Studenten und sie wurde auch dementsprechend behandelt

von Max Haerder

Von zehn Jahren wurden die ersten Bachelor- und Master-Studiengänge eingeführt. Bildungspolitiker mögen zwar anderes behaupten, aber die Bilanz ist bestenfalls durchwachsen.

Wenn einen sonst kaum jemand lobt, dann muss man es halt selber machen. Vor ziemlich genau zehn Jahren, am 15. August 2002, begann in Deutschland die größte Hochschulreform der vergangenen Jahrzehnte: die Bologna-Reform. Passende Zeit für ein paar Worte des Lobes in eigener Sache, findet dieser Tage Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Die Einführung der Bachelor- und Master-Abschlüsse, sagt sie, sei „eine europäische Erfolgsgeschichte“.

Jenseits der Bildungs- und Kultusministerien aber ist die Haltung Bologna gegenüber bestenfalls neutral, selten euphorisch, sondern meistens kritisch. Die Reform kam ungewollt über Rektoren, Professoren und Studenten und sie wurde – leider – auch dementsprechend behandelt. Bologna hat, in Verbindung mit der Exzellenzinitiative für die Forschung, ein Jahrzehnt der maximalen Veränderung und Verausgabung für die deutschen Universitäten und Hochschulen zur Folge gehabt. Nicht immer mit gutem Ausgang.

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Die Wahrheit über die Bologna-Bilanz findet sich weniger in den Daten und Zahlen, die mittlerweile fast all das testieren, was mit der Einführung entstehen sollte: kürzere Studienzeiten, also jüngere Absolventen, eine recht gute Arbeitsmarktbilanz, geringe Abbrecherquoten. Die Wahrheit findet sich im Hörsaal, in den Seminaren und Bibliotheken, auch in den Gesprächen studentischer Beratungsangebote: Aus der akademischen Freiheit und dem Glück intellektueller Trödel- und Spielerei, die schon vorher gefährdet war, sind vielerorts restlos durchgetaktete und engmaschige, beengende statt befreiende Studiengänge entstanden. Und viele haben bis heute jeden Protest überlebt.

Aus Angst vor zu leichtgewichtigen Bachelor-Absolventen und aus Faulheit wurden Diplom-Inhalte aus neun in sechs Semester gequetscht und in logischer Folge der Prüfungsdruck erhöht. „Bulimielernen“ – einpauken, ausspucken – ist zum geflügelten Wort der Studierenden geworden. Die Hochschulen haben sich gefährlich nahe den Orten angenähert, denen sie doch so fern wie möglich sein sollten, wenn man Wilhelm von Humboldt noch einen Rest Bedeutung beimisst: den Schulen.

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Viel zu selten wurden die neuen Freiheiten gesehen und genutzt, die Bologna auch bietet: Es gibt viel zu wenige acht- statt sechssemestrige Studiengänge, die sowohl dem lernen müssen und entdecken lassen Zeit geben; die Ausflüge in die Forschung und Auslandsaufenthalte ohne bürokratischen Stress ermöglichen, ja: ermutigen. Die vollen zehn Jahre hat es gedauert, bis eine renommierte Universität wie Freiburg einen wegweisenden vierjährigen Bachelor of Arts konstruierte, der sich nach der edlen Tradition geisteswissenschaftlicher Colleges nicht zuallererst und ausschließlich dem Arbeitsmarkt verpflichtet fühlt, sondern dem wachen Geist seiner Studenten.

Es ist zu hoffen, dass es im zweiten Jahrzehnt Bologna diese Ideen sind, die ausstrahlen und anspornen.

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