DGB-Studie: Bildungspolitik verfehlt ihre eigenen Ziele

DGB-Studie: Bildungspolitik verfehlt ihre eigenen Ziele

Einige der Zielvorgaben des Bildungsgipfels von 2008 sind inzwischen unerreichbar. Die Gewerkschaften fordern jetzt einen neuen Gipfel - und erhalten Rückendeckung von der SPD.

Das kommt davon, wenn man seine Ziele zu genau beziffert. Die Bildungspolitiker in Bund und Ländern haben auf ihrem Bildungsgipfel 2008 in Dresden versprochen, den Anteil der Schulabgänger ohne jeglichen Abschluss bis Ende 2015 von damals rund 8 Prozent auf vier zu halbieren.

Nun macht eine Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes deutlich, dass dieses Ziel wohl kaum noch zu erreichen sein wird. 2013 verließen 5,7 Prozent eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss. Der DGB will auch kein Maßnahmenbündel erkennen, „das in diesem Handlungsfeld Erfolge versprechen würde“.

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Auch das zweite große Ziel des Bildungsgipfels, nämlich die Halbierung der Quote junger Erwachsener (20-29 Jahre) ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung von 17 auf 8,5 Prozent, kann wohl nicht mehr bis Ende 2015 erreicht werden. Von 2008 bis 2013 hat sich die entsprechende Quote nur von 17,2 auf 13,8 Prozent verringert.

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2013 hatten also 1, 4 Millionen junge Erwachsene keine abgeschlossene Berufsausbildung – und waren auch nicht mehr dabei, eine zu erwerben. Da im selben Jahr noch fast 258.000 jungen Erwachsene im sogenannten Übergangssystem vermeldet waren - jenem Teil des Berufsbildungssystems, das keinen Abschluss vermittelt -, kann das Halbierungsziel nicht mehr erreicht werden.

„Die hohen Zahlen der Jugendlichen ohne Schulabschluss und der jungen Menschen ohne Berufsabschluss bleiben ein zentrales Problem in unserem Bildungswesen“, bilanziert der Autor der DGB-Studie, der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm. Das deutsche Bildungssystem insgesamt sei „auch im internationalen Vergleich  unterfinanziert“.

So kritisch der DGB die deutsche Bildungspolitik auch angeht, die Sinnhaftigkeit der Dresdner Ziele selbst stellt er nicht in Frage. Dass es höchst fragwürdig ist, bildungspolitischen Erfolg allein an Abschluss-Zahlen festzumachen, wird in Klemms Untersuchung bei genauerem Hinsehen aber durchaus deutlich. Denn ein Hauptschulabschluss an sich ist nichts weiter als ein Dokument, das kaum etwas über den tatsächlichen Bildungsstand eines jungen Menschen aussagt. Dieser variiert stark zwischen den Bundesländern.

Eine im Herbst 2013 veröffentlichte Studie hat für das Fach Mathematik gezeigt, dass ein für Hauptschüler festgelegter Mindeststandard der Leistungsfähigkeit von 5,5 Prozent aller Neuntklässler im Jahr 2012 nicht erreicht wurde. Dieser Wert liegt deutschlandweit bei der Quote von 5,7 Prozent der Schüler, die 2013 keinen Hauptschulabschluss erlangen konnten.

Blickt man nun aber zum Beispiel auf Mecklenburg-Vorpommern, das bei den Abgängern ohne Abschluss mit 10,3 Prozent Schlusslicht ist, wundert man sich, dass gleichzeitig nur 2,8 Prozent der mecklenburgischen Neuntklässler den Mindeststandard in Mathematik nicht erreichten. Das heißt nichts anderes, als dass manch ein Mecklenburger ohne Abschluss besser rechnen kann als manch ein Bremer mit Hauptschulabschluss.

In Sachsen verfehlten sogar nur 1,3 Prozent den Mindeststandard, obwohl 9,5 Prozent ohne Abschluss die Schule verließen. Ganz offensichtlich lernen in Sachsen oder Mecklenburg selbst formale Schulversager mehr als in anderen Ländern diejenigen mit Abschluss.

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Noch deutlicher wird die Fragwürdigkeit einer ganz auf Zählen fixierten Bildungspolitik beim Blick auf ein weiteres Ziel des Bildungsgipfels: Der Anteil der Studienanfänger unter den Abgängern eines Jahrganges sollte auf 40 Prozent steigen. Dieses Ziel war schon im selben Jahr, also 2008 erreicht. 2013 waren es sogar 57,5 Prozent.

Klemm und der DGB werten das „fraglos als bildungspolitischen Erfolg“. Man kann sich aber auch als Nicht-Bildungsforscher denken, dass diesem extremen Anstieg kein ebensolcher Anstieg des tatsächlichen Leistungsstands der Studierberechtigten entspricht.

Als Erfolg wertet der DGB auch, dass 2012 fast jeder Zweite (49 Prozent) zwischen 19 und 64 eine berufliche Weiterbildungsmaßnahme in Anspruch genommen hat. Das Erreichen des in Dresden ausgegebenen 50-Prozent-Ziels bis 2015 sei daher wahrscheinlich, stellt Klemm fest.

Kritisch sieht er dabei die „soziale Schieflage“: Arbeitslose, gering Qualifizierte, Menschen ohne Berufsausbildung und Zuwanderer nähmen unverhältnismäßig selten an Weiterbildung teil. Sie blieben dadurch „abgehängt“, schreibt der Bildungsforscher.

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