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Elsbeth Stern im Interview: „Einzeln fördern“

von juergen.rees@wiwo.de und dieter dürand

Die Bildungsforscherin Elsbeth Stern über neue Unterrichtskonzepte und ideale Lernformen.

Bildungsforscherin Elsbeth Stern,  Arne Weychardt
Elsbeth Stern, 48, ist Professorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Sie gilt als Expertin für schulisches Lernen und leitet ein Lernlabor. Die verheiratete, kinderlose Psychologin wechselt demnächst an die ETH Zürich, Foto: Arne Weychardt

WirtschaftsWoche: Frau Professor Stern, können Sie es noch guten Gewissens empfehlen, ein Kind auf eine staatliche Schule zu schicken?Stern: Warum nicht? Entscheidend wäre für mich die Frage: Was wird in der Schule gemacht – und nicht: Von wem wird sie betrieben? Wir haben in Deutschland die Tendenz, uns zu sehr auf Formalien zu konzentrieren. Was meinen Sie damit? Dass Schulen privat betrieben werden, macht sie nicht automatisch besser. Es gibt sehr gute staatliche Schulen. Trotzdem nimmt die Zahl der Anmeldungen auf Privatschulen zu, das Vertrauen vieler Eltern in die staatlichen Schulen schwindet. Können Sie das verstehen? Ich habe viele Vorträge in privaten Schulen gehalten. Mein Eindruck war, dass da sehr viele Eltern aus der Mittelschicht saßen mit enormer Angst vor einem sozialen Abstieg. Die hoffen, ihre Kinder werden auf einer solchen Schule besser gefördert und finden dadurch später einen leichteren Einstieg ins Berufsleben. Nach welchen Kriterien beurteilen Sie denn die Qualität einer Schule? Ich würde mir anschauen, wie stark die Lehrer der Schule daran interessiert sind, dass die Schüler etwas lernen. Ob die Lehrer berücksichtigen, dass Kinder unterschiedliche Lernwege gehen müssen und ob sie die Kinder dabei unterstützen. Die besten Schulen sind die mit einer klaren pädagogischen Mission, wie zum Beispiel die Helen-Lange-Schule in Wiesbaden, die Bodensee Schule in Friedrichshafen oder die Jena-Plan-Schule in Jena. Die Folgen der Schulprobleme sind sichtbar: In Deutschland haben wir zu wenig Akademiker, zu wenig Spitzenkräfte, Schwächen in Mathematik und Naturwissenschaften, so der jüngste OECD-Bericht. Woran liegt das? Wir haben Abschlüsse, die ein Versagen implizieren anstatt als Nachweis für bestimmte Fähigkeiten angesehen zu werden. Inzwischen zählt der Hauptschulabschluss praktisch überhaupt nichts mehr. Wir schaffen hohe Abbrecherquoten, weil wir uns zum Beispiel immer noch Sitzenbleiber in der Schule und Studienabbrecher leisten. Wenn jemand das Examen nicht schafft, sollten wir ihm zumindest bescheinigen, was er bis dahin gelernt hat. Dass es besser geht, zeigt der Bachelor-Abschluss. Wie wichtig sind die Abschlüsse, gerade im internationalen Wettbewerb? Keine Frage, ohne Abschlüsse geht es nicht. Aber als Unternehmen würde ich mich heute nicht mehr allein darauf verlassen. Ich würde zur Beurteilung von Kandidaten zusätzlich eigene Tests entwickeln, die auf meine Anforderungen ausgerichtet sind. Belegt es ein Versagen des dreigliedrigen Schulsystems, wenn heute das Abschlusszeugnis eines Hauptschüler oder Abiturient keine Aussagekraft mehr hat? Es gibt keine wissenschaftlichen Argumente für unser dreigliedriges Schulsystem. Wir bräuchten stattdessen mehr Gemeinschaftsschulen ohne Klassenverbände in einem Ganztagesangebot. Nicht weil die Schüler intellektuell so gleich sind, wie in der Gesamtschuldiskussion früher oft behauptet wurde, sondern weil sie so unterschiedlich sind, dass sie nicht in unser grobes Schema mit Haupt-, Realschule und Gymnasium passen. Für eine begabungsgerechte Förderung jedes einzelnen Schülers taugt unser dreigliedriges Schulsystems nicht. Also Gesamtschulen für alle? Um Himmels Willen, ich will hier keine ideologische Systemdiskussion führen. Die Gemeinschaftsschule sollte nur ein Angebot sein. Wir müssen aber dafür sorgen, dass man in den Schulen optimal lernen kann. Ist das im bestehenden System möglich? Wenn die Hauptschule zur Restschule verkommt, weil Kinder, die dort unterrichtet werden, die deutsche Sprache nicht beherrschen, ist das nicht möglich. Aber ich habe zum Beispiel in Bayern sehr gute Hauptschulen kennengelernt.

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1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 18.07.2008, 12:57 UhrAnonymer Benutzer: hoffmann.bln@t-online.de

    Dieser Artikel macht mich wütend und traurig zugleich. Wütend, weil ich weiß, wieviel vorhandenes Potential bei Kindern verloren geht und traurig, weil ich mich frage, wie lange es noch dauern soll, bis sich etwas ändert. Sicher brauchen Veränderungen Zeit, aber es geht hier um Menschen und in unserer heutigen Wissensgesellschaft müsste so etwas schneller möglich sein. im bereich der Tecknik versucht man ja auch, auf dem neusten Stand zu sein.

    in meiner langjährigen Praxis als Leiterin einer Kindertagesstätte habe ich erfahren, wie schwierig es ist, Kindern Unterstützung und individuelle Förderung zukommen zu lassen. Die Vielfalt nimmt dramatisch zu: Kinder mit Lernbehinderungen, ADHS, Hochbegabung und Entwicklungsverzögerungen, die nicht sofort einzuorden sind. bis diese Kinder Unterstützung bekommen vergeht viel zu viel Zeit. Engagierte Erzieher und Lehrer können diese Schwierigkeiten nur zum Teil ausgleichen, weil die Rahmenbdingungen oft miserabel sind: viel zu viele Kinder für eine bezugsperson.

    Für die Rahmenbedingungen (dazu gehört auch eine gute Erzieher- und Lehrerbildung) muss die Politik sorgen. Aber ich wünsche mir, dass sich immer mehr Eltern stark machen und sich dafür einsetzen, dass Lernen spannend und zukunftsnah bleibt.

    Gerda Hoffmann berlin

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