Falsche Lehrpläne: Die Jugend lernt, was gestern wichtig war

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GastbeitragFalsche Lehrpläne: Die Jugend lernt, was gestern wichtig war

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Anstatt die Dauer der gymnasialen Bildung von acht oder neun Jahren zu hinterfragen, sollte der reformbedürftige Inhalt der Lehrpläne überarbeitet werden, findet Klaus Zierer, Professor an der Uni Oldenburg.

Bei der Bildung wird oft das Falsche kritisiert. Denn woran es fehlt, sind neue Lehrpläne. Mit dem heutigen Unterricht bereiten wir niemanden auf das Leben vor. Da helfen auch mehr Naturwissenschaften nicht.

Es wird mal wieder kräftig über Strukturen debattiert: Soll das Gymnasium nun acht oder neun Jahre dauern? In Bayern war sogar die ganze Bevölkerung aufgerufen, per Volksbegehren Stellung zu beziehen. So wichtig Partizipation in einer Demokratie ist, es ist die falsche Frage, die zu diskutieren ist: Entscheidend für erfolgreiche Bildung sind nicht so sehr die räumlichen und zeitlichen Rahmenbedingungen, sondern die Interaktion zwischen den Beteiligten. Und damit ist die Gretchenfrage für ein modernes Gymnasium nicht die Frage nach der Dauer, sondern die Frage nach einem Bereich, der angesichts einer einseitigen Fokussierung auf die Outputs á la PISA-Kompetenzen völlig vergessen wird: die Frage nach den Bildungsinhalten, die Frage nach dem Lehrplan.

Blickt man vor diesem Hintergrund auf die aktuellen gymnasialen Lehrpläne, so lässt sich eine Dominanz bestimmter Fächer und Disziplinen festmachen: Mathematik, Naturwissenschaften und Sprache dominieren in allen Jahrgangsstufen. Erinnert sei auch an die unentwegt geforderte Stärkung der MINT-Fächer.

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Was junge Deutsche über unsere Geschichte zu wissen glauben

  • Kennen Sie den Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur?

    40 Prozent der Jugendlichen mussten diese Frage mit "nein" beantworten. Das ist das Ergebnis einer Studie des Forschungsverbundes SED-Staat von der Freien Universität Berlin.

  • War das Dritte Reich eine Diktatur?

    Ebenfalls 50 Prozent glauben nicht, dass das Dritte Reich eine Diktatur war. Unter jugendlichen Migranten bewerten sogar 40 Prozent das damalige Regime positiv oder neutral.

  • Was geschah am 13. August 1961?

    50 Prozent der befragten Teilnehmer konnten diese Frage richtig beantworten: Der Beginn des Mauerbaus in Berlin. 31 Prozent dachten bei Nennung dieses Datums an ein anderes wichtiges politisches Ereignis der sechziger Jahre (bei der Fragestellung wurde zur Auswahl vorgegeben: Mauerbau, Kuba-Krise, Weltraumflug Juri Gagarins, Rücktritt Konrad Adenauers). Jeder fünfte Deutsche (19 Prozent) sieht sich nicht in der Lage, dem Datum "13. August 1961" eines der genannten Ereignisse zuzuordnen.

  • Welchen Zweck hatte der Bau der Berliner Mauer?

    Mit dem Bau der der Berliner Mauer sollte die massenhafte Flucht in Richtung West unterbunden werden um so den Zusammenbruch des DDR-Systems zu verhindern. 22 Prozent der vom Forschungsverbund SED-Staat Befragten antwortete allerdings, dass die DDR-Führung mit dem Mauerbau die Einmischung des Westens in die Angelegenheiten der DDR unterbinden und damit den West-Ost-Konflikt entschärfen wollte. Einige Jugendliche hätten sogar behauptet, der Westen hätte die Mauer gebaut, um Armutsflüchtlinge aus dem Osten abzuwehren.

  • War die DDR demokratisch?

    Zwar führte die Deutsche Demokratische Republik (DDR) das Wort Demokratie im Namen, demokratisch legitimiert war sie jedoch nicht. Laut Umfrage glaubte jedoch jeder dritte in Ostdeutsche, dass die DDR eine Demokratie gewesen sei. Im Westen dachte das jeder Vierte.

  • War die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung demokratisch?

    Immerhin 50 Prozent der Befragten sagten, dass es sich bei der alten Bundesrepublik um eine Demokratie gehandelt hat.

Das häufig genannte Argument: Damit werden jene Kompetenzen vermittelt, die die zukünftige Generation in Anbetracht einer Globalisierung haben muss. Man könnte hier einstimmen und argumentieren, dass auch andere Fächer wichtig sind: Geschichte beispielsweise, gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Und weiter Musik und Kunst, aber auch Sport – das Gymnasium war schließlich in der Antike eine Sportstätte. Warum nicht auch Philosophie und Pädagogik, wo doch jeder Mensch ein potenzielles Elternteil ist – potenzieller sicherlich als Mathematiker oder Naturwissenschaftler.

Was Schüler in der neunten Klasse können sollen

  • Was wurde diesmal getestet?

    Es ging um die Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik) – und zwar über alle Schulformen hinweg. In Mathematik wurden sechs Kompetenzformen aus dem gesamten Spektrum mathematischen Arbeitens untersucht, wie „Probleme mathematisch lösen“ aber auch „Raum und Form“ sowie „Daten und Zufall“. In den Naturwissenschaften ging es vor allem um Grundbildung, aber auch um fachübergreifendes Problemlösen.

  • Was ist die Basis für die Testaufgaben?

    Die Aufgaben wurden auf der Grundlage der von den Kultusministern für alle Bundesländern verbindlich eingeführten Bildungsstandards für diese Fächer entwickelt – unter Mitwirkung von Schulpraktikern. Bildungsstandards beschreiben, was ein Schüler am Ende einer Jahrgangsstufe können soll. Sie gelten für Lehrer als pädagogische Zielvorgabe und haben damit die zuvor in allen Bundesländern unterschiedlichen Lehrpläne abgelöst.

  • Wie läuft so ein Test ab?

    Die Untersuchung fand vormittags in der Schule statt und dauerte jeweils etwa dreieinhalb Zeitstunden (inklusive Pausen). Hinzu kamen anschließend Interviews mit Schülern, Fachlehrern und Schulleiter über die Lernbedingungen.

  • Welche Schulleistungs-Untersuchungen gibt es noch?

    Der „Klassiker“ ist die weltweite PISA-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Des weiteren gibt es noch die internationale IGLU-Grundschulstudie und die internationale TIMSS-Untersuchung mit den Schwerpunkten Mathematik und Naturwissenschaften – sowohl für die Grundschule als auch für die achten Klassen. Allerdings haben die Kultusminister bei PISA und IGLU die zuvor üblichen Bundesländervergleiche gestoppt. Deutschland macht zwar bei den internationalen Studien weiter mit, aber nur noch mit einer kleineren nationalen Stichprobe – etwa 5000. Dies ermöglicht kein Bundesländer-Ranking.

  • Was war der Grund für den deutschen Stopp?

    Darüber lässt sich nur spekulieren: Die Kultusminister können die politisch brisanten Bundesländervergleiche auf der Basis ihrer eigenen vereinbarten Bildungsstandards sicherlich besser steuern. Auch das IQB arbeitet im Auftrag der Kultusministerkonferenz. Zuvor war es vor allem mit den internationalen PISA-Forschern der OECD wegen der ungünstigen deutschen Chancengleichheitswerte und der Schulstrukturfrage immer wieder zu Konflikten bei der Interpretation von Daten gekommen.

  • Wie sind die innerdeutschen Ergebnisse diesmal zu interpretieren?

    Überraschend ist, dass neben allen ostdeutschen Ländern diesmal aus dem Westen nur Bayern und Rheinland-Pfalz durchgängig gut abschneiden. Mathematik und Naturwissenschaften waren eine Domäne der DDR-Schulen. Auf die Fachlehrerausbildung legte man hier besonderen Wert. Auch spielen die Naturwissenschaften auf den Stundentafeln der ostdeutschen Schulen heute noch eine größere Rolle als im Westen.

  • Was wurde noch ermittelt?

    Die Studie belegt erneut die erschreckend hohe Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft in Deutschland. Neuntklässler aus der Oberschicht haben gegenüber Gleichaltrigen aus bildungsfernen Schichten einen Lernvorsprung in Mathematik von fast drei Schuljahren.

  • Welche Kritik gibt es an den Bundesländervergleichen?

    Bildungsexperten raten seit Jahren, nicht ganze Bundesländer miteinander zu vergleichen, sondern besser Regionen mit ähnlichen Wirtschaftsstrukturen und Problemlagen. Also etwa Berlin mit dem Ruhrgebiet, wegen der hohen Ausländerquoten unter den Schülern, oder ländliche Gebiete im Osten Deutschlands mit denen im Westen, wegen Abwanderung und Bevölkerungsrückgang.

Man erkennt schnell: Diese Diskussionen können leidenschaftlich geführt werden und kommen nicht zu einem zufriedenstellenden Ende. Und sie werden geführt, wann immer man über das G8 oder G9 nachdenkt. Das Problem ist denn auch ein anderes: Globalisierung erfordert weder ein Mehr an bestehenden Fächern, noch andere Fächer. Globalisierung erfordert eine gänzlich andere Bildung und damit eine grundlegende Lehrplanreform – vor allem am Gymnasium. Wodurch zeichnet sich Globalisierung aus und welche Konsequenzen hat dies für den gymnasialen Lehrplan der Zukunft?

Können Sie diese PISA-Aufgaben lösen?

  • Mathe-Frage

    An Manuelas Schule führt der Physiklehrer Tests durch, bei denen 100 Punkte zu erreichen sind. Manuela hat bei ihren ersten vier Physiktests durchschnittlich 60 Punkte erreicht. Beim fünften Test erreichte sie 80 Punkte. Was ist Manuelas Punktedurchschnitt in Physik nach allen fünf Tests?

    a) 64 Punkte
    b) 72 Punkte
    c) 68 Punkte

  • Würfel-Frage

    Fünf Seiten eines Würfels von drei Zentimetern Kantenlänge werden rot angestrichen, die sechste Fläche bleibt ohne Anstrich. Wie viel Prozent der Würfeloberfläche sind rot?

    a) Etwa 60 Prozent
    b) Etwa 83 Prozent

  • Geographie-Frage

    Wie tief ist der Tschadsee heute?

    a) Etwa 15 Meter
    b) Etwa fünfzig Meter
    c) Etwa zwei Meter

  • Gewicht-Frage

    Wie verändert sich das Gewicht auf der Waage wenn man beim Wiegen schwungvoll in die Knie geht?

    a) Es ändert sich gar nichts an der Gewichtsangabe
    b) Das Gewicht wird für diesen Moment höher angezeigt
    c) Das Gewicht wird kurzzeitig geringer angezeigt

  • Grand-Canyon-Frage

    Die Temperatur im Grand Canyon reicht von unter 0 Grad bis über 40 Grad. Obwohl es sich um eine Wüstengegend handelt, gibt es in einigen Felsspalten Wasser. Wie beschleunigen diese Temperaturschwankungen und das Wasser in den Felsspalten die Zersetzung des Gesteins?

    a) Gefrierendes Wasser dehnt sich in Felsspalten aus
    b) Gefrierendes Wasser löst warmes Gestein auf
    c) Wasser kittet Gestein zusammen

  • UV-Frage

    Wie wirkt es sich aus, wenn Sie eine dunkle Sonnenbrille ohne UV-Schutz tragen?

    a) Es gelangen mehr UV-Strahlen ins Auge als ohne Brille.
    b) Es gelangen weniger UV-Strahlen ins Auge als ohne Brille.
    c) Es gelangen genau so viele UV-Strahlen ins Auge wie ohne Brille.

  • Das sind die richtigen Antworten

    Frage 1: a

    Frage 2: b

    Frage 3: c

    Frage 4: c

    Frage 5: a

    Frage 6: a

Globalisierung lässt sich mindestens an fünf Dimensionen konkretisieren:

1. Der Kapitalmarkt ist heute nicht mehr lokal oder regional zu verstehen, sondern er basiert auf globalen Zusammenhängen. Bestes Beispiel hierfür ist die Bankenkrise.

2. Aufgrund der technischen Entwicklungen können heute Informationen von einer Sekunde zur nächsten über die ganze Welt geschickt werden.

3. Kunst, Musik, Mode, Sport und auch Wissen – all das überschreitet Grenzen und führt zu einer Vermischung der Kulturen, die sich dadurch aus globaler Sicht auch angleichen.

4. Menschen: Nicht nur, dass sich Menschen heute einfach und schnell mit Menschen in der ganzen Welt unterhalten können, sondern auch die Bewegung zu diesen Menschen ist einfach und schnell. Ein Flug ans andere Ende der Welt ist kein Problem. Raum und Zeit scheinen überwunden zu sein. Hinzukommt eine starke Migration aus unterschiedlichen Gründen, so dass verstärkt Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinander treffen.

5. Natur: Wir wissen heute, wie stark das Ökosystem zusammenhängt. Fukushima hat dies eindringlich gezeigt. Eine Naturkatastrophe am anderen Ende der Welt hat auch für uns Folgen und die Naturzerstörung, die die westlichen Industrieländer verursachen, führt zu weitreichen Folgen auf der ganzen Welt.

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