Flüchtlingskrise: Bildung schützt nicht vor Fremdenfeindlichkeit

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GastbeitragFlüchtlingskrise: Bildung schützt nicht vor Fremdenfeindlichkeit

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Eine ARD-Befragung zieht den Schluss, das eine schlechte Bildung die Angst vor Flüchtlingen begünstigt

Bildung schützt vor Armut, vor Jobverlust, vor Teenagerschwangerschaften. Nur gegen eines ist Bildung kein Allheilmittel: Ängste. Das gilt auch für die Angst vor Flüchtlingen und der vermeintlich drohenden Überfremdung.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte die ARD die Ergebnisse einer Repräsentativbefragung, wonach die Verunsicherung angesichts der Flüchtlingsproblematik überdurchschnittlich groß bei Menschen mit geringem Bildungsniveau sei: 63 Prozent mit Volks- und Hauptschulabschluss sowie 55 Prozent mit Realschulabschluss gaben an, dass es ihnen Angst mache, wenn so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Demgegenüber teilten nur 33 Prozent der Menschen mit Abitur oder Fachhochschulreife diese Ängste. Die Botschaft liegt scheinbar auf der Hand: Bessere Bildung schützt vor Ängsten. So deutlich diese auf den ersten Blick erscheinen mag, so falsch und auch problematisch ist sie und auch die dazugehörige Erhebung auf den zweiten Blick:

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Klaus Zierer ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Zuvor war er Professor an der Universität Oldenburg.

Klaus Zierer ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Zuvor war er Professor an der Universität Oldenburg.

Erstens wird suggeriert, dass Menschen mit einer besseren, weil höher qualifizierenden schulischen Bildung – die nicht gleichzusetzen ist mit allgemeiner Bildung! – einen besseren, weil weniger ängstlichen Wertekosmos besitzen. Nichts ist negativer konnotiert als Angst. Dass man damit jedem, der keinen höheren Schulabschluss besitzt, indirekt mitteilt, dass er selbst minderbemittelt ist, wird übersehen und ist gefährlich. Denn Ängste werden durch diese Botschaften nicht abgebaut. Ganz im Gegenteil: Wir wissen aus der Psychologie, dass die Negation und Abwertung von Befindlichkeiten dazu führen, dass diese weiter verfestigt werden.

Über das Mittelmeer nach Europa: Zahlen zu Flüchtlingen

  • Flucht nach Europa

    Trotz der lebensgefährlichen Fahrt über das Mittelmeer wagen viele Tausend Menschen die Flucht nach Europa. 219.000 Menschen flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

  • Tot oder vermisst

    3.500 Menschen kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

  • Zahl der Flüchtlinge in Europa

    170.100 Flüchtlinge erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3.500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

  • Syrer

    66.700 Syrer registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9.800 aus Mali.

  • Asylantrag

    191.000 Flüchtlinge stellten 2014 in der EU einen Asylantrag (dabei wird nicht unterschieden, auf welchem Weg die Flüchtlinge nach Europa kamen). Das sind EU-weit 1,2 Asylbewerber pro tausend Einwohner.

  • 123.000 Syrer...

    ...beantragten 2014 in der EU Asyl (2013: 50.000).

  • Asylbewerber in Deutschland

    202.700 Asylbewerber wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

  • Steigende Zahl der Asylbewerber

    Um 143 Prozent stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

  • Aufnahme der Flüchtlinge

    Mit 8,4 Bewerbern pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

  • Überfahrt nach Italien oder Malta

    600.000 bis eine Million Menschen warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

Rückschlüsse sind sachlich nicht haltbar

Zweitens ignoriert die Darstellung der Ergebnisse, dass die Mehrheit der Befragten Ängste besitzt. Wenn wir großzügig davon ausgehen, dass jeweils ein Drittel der Befragten Volks- und Hauptschulabschluss, Realschulabschluss sowie Abitur oder Fachhochschulreife besitzen, dann führen die Daten dazu, dass 51 Prozent der Befragten Ängste haben. Das Verhältnis dürfte vor dem Hintergrund einer Repräsentativbefragung über die Generationen hinweg anders aussehen und einen größeren Anteil an Menschen mit Volks- und Hauptschulabschluss vorweisen.

Die sieben größten Ängste der Deutschen

  • Schlechte Wirtschaftslage

    41 Prozent fürchten sich vor einer schlechten Wirtschaftslage.

    Quelle: R+V-Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“

  • Spannungen durch Ausländer

    43 Prozent sorgen sich vor Spannungen durch Ausländer.

  • Überforderung der Politiker

    Skeptisch bewerten die Deutschen die handelnden Politiker: 44 Prozent haben Angst, dass diese überfordert sind.

  • Schwere Erkrankung

    47 Prozent fürchten sich vor schweren Erkrankungen.

  • Pflegefall im Alter

    Rund 2,5 Millionen Pflegebedürftige gibt es in Deutschland – Tendenz steigend. Dementsprechend hoch ist auch die Besorgnis der Deutschen, im Alter anderen als Pflegefall zur Last zu fallen. Mit 51 Prozent liegt dieses Thema gemeinsam mit der Furcht vor Naturkatastrophen auf Platz 2.

  • Naturkatastrophen

    Überschwemmungen durch Starkregen, Hagel, Stürme: Mit 51 Prozent liegt die Furcht vor zunehmenden Naturkatastrophen auf Platz 2 der Ängste-Skala – gleichauf mit der Angst vor Pflegebedürftigkeit.

  • Steigende Lebenshaltungskosten

    Die Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten steht mit 58 Prozent an der Spitze.

Drittens legen die Ergebnisse für viele einen ursächlichen Zusammenhang nahe, der nicht richtig ist, nach dem Motto: Wenn jemand einen höheren Bildungsabschluss besitzt, dann verfügt er über einen besseren Wertekosmos. Und viele stimmen gleich ein: Wir brauchen mehr Akademiker! Allein ein Blick, gerade auch in die deutsche Geschichte, kann zeigen, dass dieser Schluss sachlich nicht haltbar ist.

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