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G8-Abitur: Wie die Schulen für gute Noten sorgen

29. Januar 2013
Fast alle Bundesländer haben die Abiturprüfung nach 12 statt wie bisher 13 Jahren eingeführt Quelle: dpaBild vergrößern
Fast alle Bundesländer haben die Abiturprüfung nach 12 statt wie bisher 13 Jahren eingeführt Quelle: dpa
von Dieter Kopka

G8, die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre, soll den Leistungsstand der Abiturienten nicht beeinträchtigen. In der Realität sieht das ganz anders aus, beschreibt ein niedersächsischer Lehrer in einem Gastbeitrag.

Auf den ersten Blick erscheint die Reduzierung der Gymnasialzeit um ein Jahr - G8 statt G9 - eher nebensächlich. Einige neue Bundesländer und fast alle Staaten um uns herum und in der Welt lassen die Schulzeit nach insgesamt zwölf Jahren enden. Nur wir Deutschen haben bisher mehrheitlich an dreizehn Jahren festgehalten.

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Was steht bei der so marginal scheinenden Kürzung der Schulzeit um ein Jahr auf dem Spiel? 

Es gilt die Vereinbarung der Kultusminister, dass die Schüler nach acht Jahren auf dem gleichen Leistungsstand sein sollen wie nach neun Jahren. Was bis vor wenigen Jahren nur hochbegabten „Turbo“-Abiturienten vorbehalten war, nämlich das Ablegen des Abiturs nach acht Jahren, gilt nun für alle. Hatten die ehemaligen „Turbo“-Schüler seinerzeit den elften Jahrgang übersprungen, so müssen heute sämtliche Schüler die Stunden des entfallenen Jahres in den zuvor unterrichtsfreien Nachmittagen ihres gymnasialen Schülerlebens ableisten, verteilt auf die verbleibenden acht Jahre.

Tipps für Studienplatzbewerber

  • Früh informieren

    Abiturienten, die örtlich oder deutschlandweit zulassungsbeschränkte Fächer studieren wollen, sollten sich schon vor der Bewerbung bei der Hochschule oder der Stiftung Hochschulzulassung (hochschulstart.de) über die Chancen einer Kapazitätsklage informieren.

  • Fristen

    Die Widerrufsfrist auf dem Ablehnungsbescheid von Hochschulstart ist nicht maßgeblich für eine Kapazitätsklage. Hier gelten eigene Fristen, die sich je nach Bundesland und Fach unterscheiden und sich oft ändern.

  • Widerspruch

    Ein "regulärer" Widerspruch gegen den Ablehnungsbescheid von Hochschulstart hat sehr viel geringere Aussichten als Kapazitätsklagen. Denn beim Widerspruch geht es nur um die gemeldeten Studienplätze. Eine Kapazitätsklage versucht, zusätzliche Plätze ausfindig zu machen.

Eltern, Lehrern und Schulbehörde entgeht der Stress nicht, der durch die Neuerung entstanden ist, doch da eine Rücknahme der Reform für die Hardliner nicht in Frage kommt, greifen sie auf Praktiken zurück, die jedem kritischen Betrachter die Haare zu Berge stehen lassen.

Fetischisierung der Noten

Wie weiland in der DDR werden diejenigen Kollegen von Schulleitung und Schulbehörde hofiert, die „gute“ Ergebnisse liefern, sprich: gute Noten produzieren. Welche tatsächlichen Leistungen die Noten spiegeln, wird nicht hinterfragt. Befeuert wird die Fetischisierung der Noten durch landesinterne Rankings der Schulen und die demographisch bedingte Abnahme der Schülerzahlen, welche die Schulen in schärfere Konkurrenz gegeneinander stellt. Kein Schulleiter, der in seiner Schule einen guten Schnitt erreicht hat, wird daher versäumen, dies stolz bei den Abiturfeierlichkeiten zu verkünden! Und natürlich hat er vorher darauf hingewirkt, dass seine Lehrer die guten Noten auch liefern! Die sogenannte „eigenverantwortliche“ Schule, die Schulleitern neuerdings Einfluss auf Einstellung und Beförderung von Lehrern gibt, verleiht seinem Wirken den nötigen Nachdruck. Wenn dann später bei Einstufungstests an der Uni im Fach Englisch 800 von 1.200 Abiturienten durchfallen, ist das nicht mehr sein Bier.

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Der Streit um die G8-Reform verdeckt die wahren Probleme des Schulsystems. Desorientierte Politiker und vulgärökonomistische Ideologen ruinieren das Bildungsniveau.

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Wie erreicht ein Lehrer gute Notenschnitte? Nun, er greift, etwa in den Fremdsprachen,  grundsätzlich nicht unterstützend und korrigierend in die Äußerungen der Schüler im Unterricht ein, sondern er lässt sie reden, selbst wenn sie elementare Fehler aneinander reihen. Bewertet wird dann primär die Länge der gemachten Äußerung. Nur noch nachrangig geht es um grammatische Korrektheit, logische Konsistenz und differenzierten Ausdruck, sondern vorrangig um sogenannte „Kommunikationskompetenz“. Das bedeutet die Fähigkeit, möglichst lange am Stück zu reden. Ein Schüler weiß grundlegende Vokabeln zu einem Thema nicht? Macht nichts, der Lehrer „gibt sie herein“, bevor eine Unterrichtseinheit beginnt. Der Schüler muss nicht wissen, es genügt, dass er „kompetent“ ist, also selbstbewusst ohne Pause am Stück reden kann. Aus dem passiven Lehrerverhalten folgt, dass zahlreiche so unterrichtete Schüler in den Fremdsprachen nicht mehr über den Grundwortschatz verfügen, dass sie die Formen der wichtigsten unregelmäßigen Verben nicht mehr beherrschen, dass sie nicht mehr wissen, was es heißt, selbstkritisch an Stringenz und Stil ihrer Äußerungen zu feilen. Ein älterer Kollege brachte es einmal sarkastisch auf den Punkt, als er aus einer unerquicklichen Englischstunde ins Lehrerzimmer zurückkehrte: „Die Schüler sollen heute zwar alles können, aber sie brauchen nichts mehr zu wissen. Leider können sie dann auch nichts mehr.“

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Kommentare | 12Alle Kommentare
  • 29.01.2013, 16:22 Uhrverklaerbaer

    Es gibt Menschen, die können sehr gut mit Hammer und Nagel umgehen, es gibt andere Menschen, die können berechnen, wo der Nagel eingeschlagen werden muss. Wer diese unterschiedlichen Eigenschaften von Menschen ignoriert und in der Bildungspolitik eine Gleichmacherei auf niedrigem Niveau propagiert, verstösst gegen die Menschenrechte und spielt mit unserer Zukunftsfähigkeit

  • 29.01.2013, 16:40 UhrJennerwein

    Das erklärt einiges was ich so erlebe.
    Die Defizite bei Abiturienten vor allem!
    In unserem betriebl. Fortbildungsbereich kann jeder unanbhängig von seinem nominellen Bildungsabschluß überall teilnehmen. Es zeigt sich seit einiger Zeit das nom. Abiturienten zurückfallen, schon gegenüber normalen Realschülern, erst recht gegenüber Personen die über den Zweiten Bildungsweg kamen.
    Bzgl zu meinem Vorforisten kann man sagen das Realschüler die Position des Nagels errechnen können und den auch gleich einschlagen!
    Wenn ich den Artikel zusammenfassend werte, bedeutet der run auf das Abitur einen Irrweg.
    Es wird nicht Begabung prämiert, sondern die Fähigkeit der Eltern ausreichend Nachhilfe zu finanzieren um herabgesetzte Prüfungsmaßstäbe zu erreichen!
    Vulgo Schmuh. Ob das dann wirklich weiter hilft kann bezweifelt werden.
    Weil das im Endeffekt der Abstieg schlechthin ist!

  • 29.01.2013, 17:02 UhrSchlaustern

    Wieso geht man in dem Artikel nicht auf Bundesländer ein, die seit Jahren G8 praktizieren und dies laut Pisa auch durchaus erfolgreich. Ich selbst,ein Kind dieses System,s sehe keine plausible Erklärung, weshalb gerade die Verkürzung der Schulzeit die Ursache oben genannter Probleme sein soll?! Vielleicht ist es angebracht zu differenzieren um letztlich festzustellen, dass die Umstellung von G9 auf G8 nicht geglückt ist.

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