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G8-Abitur: Wie die Schulen für gute Noten sorgen

von Dieter Kopka

G8, die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre, soll den Leistungsstand der Abiturienten nicht beeinträchtigen. In der Realität sieht das ganz anders aus, beschreibt ein niedersächsischer Lehrer in einem Gastbeitrag.

Fast alle Bundesländer haben die Abiturprüfung nach 12 statt wie bisher 13 Jahren eingeführt Quelle: dpa
Fast alle Bundesländer haben die Abiturprüfung nach 12 statt wie bisher 13 Jahren eingeführt Quelle: dpa

Auf den ersten Blick erscheint die Reduzierung der Gymnasialzeit um ein Jahr - G8 statt G9 - eher nebensächlich. Einige neue Bundesländer und fast alle Staaten um uns herum und in der Welt lassen die Schulzeit nach insgesamt zwölf Jahren enden. Nur wir Deutschen haben bisher mehrheitlich an dreizehn Jahren festgehalten.

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Was steht bei der so marginal scheinenden Kürzung der Schulzeit um ein Jahr auf dem Spiel? 

Es gilt die Vereinbarung der Kultusminister, dass die Schüler nach acht Jahren auf dem gleichen Leistungsstand sein sollen wie nach neun Jahren. Was bis vor wenigen Jahren nur hochbegabten „Turbo“-Abiturienten vorbehalten war, nämlich das Ablegen des Abiturs nach acht Jahren, gilt nun für alle. Hatten die ehemaligen „Turbo“-Schüler seinerzeit den elften Jahrgang übersprungen, so müssen heute sämtliche Schüler die Stunden des entfallenen Jahres in den zuvor unterrichtsfreien Nachmittagen ihres gymnasialen Schülerlebens ableisten, verteilt auf die verbleibenden acht Jahre.

Tipps für Studienplatzbewerber

  • Früh informieren

    Abiturienten, die örtlich oder deutschlandweit zulassungsbeschränkte Fächer studieren wollen, sollten sich schon vor der Bewerbung bei der Hochschule oder der Stiftung Hochschulzulassung (hochschulstart.de) über die Chancen einer Kapazitätsklage informieren.

  • Fristen

    Die Widerrufsfrist auf dem Ablehnungsbescheid von Hochschulstart ist nicht maßgeblich für eine Kapazitätsklage. Hier gelten eigene Fristen, die sich je nach Bundesland und Fach unterscheiden und sich oft ändern.

  • Widerspruch

    Ein "regulärer" Widerspruch gegen den Ablehnungsbescheid von Hochschulstart hat sehr viel geringere Aussichten als Kapazitätsklagen. Denn beim Widerspruch geht es nur um die gemeldeten Studienplätze. Eine Kapazitätsklage versucht, zusätzliche Plätze ausfindig zu machen.

Eltern, Lehrern und Schulbehörde entgeht der Stress nicht, der durch die Neuerung entstanden ist, doch da eine Rücknahme der Reform für die Hardliner nicht in Frage kommt, greifen sie auf Praktiken zurück, die jedem kritischen Betrachter die Haare zu Berge stehen lassen.

Fetischisierung der Noten

Wie weiland in der DDR werden diejenigen Kollegen von Schulleitung und Schulbehörde hofiert, die „gute“ Ergebnisse liefern, sprich: gute Noten produzieren. Welche tatsächlichen Leistungen die Noten spiegeln, wird nicht hinterfragt. Befeuert wird die Fetischisierung der Noten durch landesinterne Rankings der Schulen und die demographisch bedingte Abnahme der Schülerzahlen, welche die Schulen in schärfere Konkurrenz gegeneinander stellt. Kein Schulleiter, der in seiner Schule einen guten Schnitt erreicht hat, wird daher versäumen, dies stolz bei den Abiturfeierlichkeiten zu verkünden! Und natürlich hat er vorher darauf hingewirkt, dass seine Lehrer die guten Noten auch liefern! Die sogenannte „eigenverantwortliche“ Schule, die Schulleitern neuerdings Einfluss auf Einstellung und Beförderung von Lehrern gibt, verleiht seinem Wirken den nötigen Nachdruck. Wenn dann später bei Einstufungstests an der Uni im Fach Englisch 800 von 1.200 Abiturienten durchfallen, ist das nicht mehr sein Bier.

Bildung Die Inflation des Abiturs

Der Streit um die G8-Reform verdeckt die wahren Probleme des Schulsystems. Desorientierte Politiker und vulgärökonomistische Ideologen ruinieren das Bildungsniveau.

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Wie erreicht ein Lehrer gute Notenschnitte? Nun, er greift, etwa in den Fremdsprachen,  grundsätzlich nicht unterstützend und korrigierend in die Äußerungen der Schüler im Unterricht ein, sondern er lässt sie reden, selbst wenn sie elementare Fehler aneinander reihen. Bewertet wird dann primär die Länge der gemachten Äußerung. Nur noch nachrangig geht es um grammatische Korrektheit, logische Konsistenz und differenzierten Ausdruck, sondern vorrangig um sogenannte „Kommunikationskompetenz“. Das bedeutet die Fähigkeit, möglichst lange am Stück zu reden. Ein Schüler weiß grundlegende Vokabeln zu einem Thema nicht? Macht nichts, der Lehrer „gibt sie herein“, bevor eine Unterrichtseinheit beginnt. Der Schüler muss nicht wissen, es genügt, dass er „kompetent“ ist, also selbstbewusst ohne Pause am Stück reden kann. Aus dem passiven Lehrerverhalten folgt, dass zahlreiche so unterrichtete Schüler in den Fremdsprachen nicht mehr über den Grundwortschatz verfügen, dass sie die Formen der wichtigsten unregelmäßigen Verben nicht mehr beherrschen, dass sie nicht mehr wissen, was es heißt, selbstkritisch an Stringenz und Stil ihrer Äußerungen zu feilen. Ein älterer Kollege brachte es einmal sarkastisch auf den Punkt, als er aus einer unerquicklichen Englischstunde ins Lehrerzimmer zurückkehrte: „Die Schüler sollen heute zwar alles können, aber sie brauchen nichts mehr zu wissen. Leider können sie dann auch nichts mehr.“

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12 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 06.05.2013, 13:08 UhrFranzJosefNeffe

    Es geht nicht um Noten sondern um unsere Vorstellung von Noten und unseren Umgang damit. In Deutschland ist die 1 die beste, in der Schweiz dagegen die schlechteste Note.
    Seit Jahrzehnten redet man sich über solche Vordergründigkeiten den Mund fusselig und erschöpft damit nur die Kräfte, mit denen man intelligenterweise IN EINEM NEUEN GEIST ganz andere Wirkungen und Ergebnisse erzielen kann.
    Die neue Ich-kann-Schule z.B. zeigt anhand praktischer Beispiele seit ca. 4 Jahrzehnten konkrete LÖSUNGEN auf, wie man besser schreibt, besser rechnet, ..... und sich vor allem besser als Persönlichkeit entwickelt. In unseren Unterrichtsvollzugsanstalten, die wir irreführend immer noch Schulen nennen, wird eher Persönlichkeitsvernichtung betrieben.
    Wir machen DRUCK, wenn wir erZIEHen. Druck = Zug??? Das kann nicht funktionieren.
    In der Ich-kann-Schulke gilt das SOG-Prinzip. Sog zieht und löst; das ist die Lösung.
    Freundlich grüßt
    Franz Josef Neffe

  • 31.01.2013, 22:32 UhrJens

    Die OECD tangiert mich peripher. Ich erwarte, daß mein Kind die Möglichkeit hat, entsprechend seinen Fähigkeiten bestmöglich zu lernen. Hier und heute dagegen rennen die Eltern den Lehrern die Bude ein, wenn ihr Goldkind mal eine i.d.R. völlig gerechtfertigte schlechte Note bekommt. Das ist mir völlig fremd. Das kann so nichts werden. Ich habe mein Abi mal im Arbeiter- und Bauernstaat gemacht. Obwohl es eine völlig normale Penne war, ging es vom Bildungsanspruch dort regelrecht elitär zu, im Vergleich zur heute herrschenden Beliebigkeit. Ich will die Schuld keineswegs bei den Lehrern suchen, die meisten engagieren sich. Das Problem scheinen mir eher die Eltern zu sein und diese bildungspolitische Kleinstaaterei in diesem Land.

  • 31.01.2013, 07:23 UhrRasterfahndung

    "Dieses kaputte Schulsystem gehört wieder geradegerückt", leider verstehen Sie nicht, dass hier eine systematische Datenfälschung zugunsten der OECD stattfindet. Es sollen Ziele erreicht werden, es sollen die "Bildungsquoten" nach dem Motto "Bildungsdeutschland" erreicht werden. Und die Politiker, gleich welcher Couleur, werden sich auf die Schultern klopfen!

    Die Verursacher sitzen in den Bildungsbehörden. Es sind die sogenannten Noten-Punkte Tabellen, die sich von Jahr zu Jahr immer mehr Richtung Dummsdorf verändern. Ich weiß sehr genau, wovon ich rede!

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