G9 kommt zurück : Das Ende des achtjährigen Gymnasiums

G9 kommt zurück : Das Ende des achtjährigen Gymnasiums

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von Ferdinand Knauß

Vor wenigen Jahren noch sahen Bildungspolitiker die Verkürzung der Schulzeit als Heilsweg. Doch Eltern, Schüler und Lehrer sehen in "G8" einen Holzweg. In weiten Teilen Deutschlands kehrt das 13. Schuljahr nun zurück. 

G8 galt mal als eine entscheidende Reform des deutschen Schulsystems. Die Verkürzung der Schulzeit an deutsche Gymnasien um ein Jahr auf nur acht war in den ersten Jahren des Jahrtausends die Hauptforderung der Bildungsökonomen in der OECD, der Bertelsmann-Stiftung und anderen Institutionen. Das Dauer-Lamento hatte Erfolg: Man müsse das deutsche Bildungssystem endlich an „europäischen Standard“ anpassen, redete zum Beispiel der damalige bayrische Ministerpräsident den Bildungsökonomen nach. Das entfallene Schuljahr, da waren die Bildungsreformatoren sich sicher, würde durch „Entrümpeln“ (O-Ton von Berlins Ex-Regierungschef Klaus Wowereit) der alten Lehrpläne kein Problem. Bis Ende der 2000er-Jahre hatten schließlich alle Bundesländer außer Rheinland-Pfalz das verkürzte Gymnasium mehr oder weniger geschlossen eingeführt.

Diese Reform dürfte als größter Holzweg in die Geschichte des deutschen Bildungswesens eingehen. Die Umkehr ist mittlerweile nach nicht einmal zehn Jahren in vollem Gange. Das verkürzte Gymnasium könnte in absehbarer Zeit zu einem historischen Intermezzo geworden sein – außer in den neuen Bundesländern, wo es aus historischen Gründen ohnehin seit Kriegsende kein 9-jähriges Gymnasium mehr gab.

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„Pädagogische Gründe für G8 gab es nie“, sagt Cord Santelmann vom baden-württembergischen Philologenverband, der Interessenvertretung der Gymnasiallehrer. „Es hieß, die deutschen Gymnasiasten seien im internationalen Vergleich zu alt. Im Grunde ging es darum, sie rascher einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zuzuführen und Lehrerstellen einzusparen.“

Josef Kraus, seit 1987 Präsident des Lehrerverbandes, wird noch deutlicher: Die Bildungspolitiker müssten endlich einräumen, „dass das G8 bildungspolitisch und entwicklungspsychologisch Schwachsinn war“.

Die Kritiker der G8-Reform werden mittlerweile immer lauter. Schließlich kann man mittlerweile erste Erfahrungen mit Absolventen vorweisen. Und die sind schlecht. In Schleswig-Holstein begannen in diesem Herbst die ersten G8-Abiturienten ihr Studium – und die Dozenten klagen über Bildungsmängel und fehlende Reife. Die Vizepräsidentin der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Ilka Parchmann, sagte gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk, sie habe den Eindruck, dass die Studierenden weniger sicher sind, was sie überhaupt wollen. Auch der Präsident der Europa-Universität Flensburg, Werner Reinhart, hält G9 für besser.

Bildungsforscher Volker Ladenthin "Den G8-Abiturienten fehlt die Reife"

Das Bildungsniveau der Studienanfänger ist gesunken, sagt Volker Ladenthin. Auch wegen des vorgezogenen Abiturs. Die Kosten, die man durch G8 einspart, tragen nun Universitäten und Privatwirtschaft.

Abitur geschafft. Quelle: dpa Picture-Alliance

Entscheidend dafür, dass die G8-Reform nicht akzeptiert wurde, ist der anhaltende und sich verstärkende Widerstand der Eltern, Lehrer und Schüler gegen die Verkürzung.  Mittlerweile haben aber auch viele der eifrigen Unterstützer der verkürzten Schulzeit begriffen, dass gegen eine übergroße Mehrheit des Schüler-, Eltern- und Lehrerwillens keine Schulpolitik zu machen ist. Eine Online Umfrage des Bildungsforschers Rainer Dollase im Auftrag der Landeselternschaft kam zum Ergebnis, dass 88 Prozent der Eltern (93 Prozent der Grundschul-Eltern!), ebenfalls 88 Prozent der Gymnasiallehrer (70 Prozent der Schulleiter) und 79 Prozent der Schüler an G8-Gymnasien in NRW das Turbo-Abi nach acht Jahren ablehnen.  

Der Dauerprotest von Elterninitiativen wie „G-ib-8“ in Nordthein-Westfalen hat sich letztlich als stärker erwiesen als die vorgebliche Expertise der Bildungsökonomen von OECD und Bertelsmann-Stiftung. Nachdem Niedersachsen schon 2014 als erstes Land komplett zu G9 zurückgekehrt ist, Rheinland-Pfalz ohnehin als einziges Land bei G9 geblieben war und Hessen und Schleswig-Holstein den Gymnasien Wahlfreiheit gewährt haben, scheint nun im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen das allmähliche Ende des achtjährigen Gymnasiums bevorzustehen. 

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